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Blog: Lost in EUrope
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Warten auf Godot

11. Juli 2012 VON Eric Bonse - Lost in EUrope
Schrift:

Gefährdet das Bundesverfassungsgericht die Euro-Rettung? In Brüssel und Berlin fürchten dies viele – doch die Realität sieht anders aus

picture alliance
ESM beerdigen, Organklage, Bundesverfassungsgericht, Mehr Demokratie, Grabstein

Das Bundesverfassungsgericht will sich bei der Prüfung von Fiskalpakt und ESM Zeit lassen. Präsident Voßkuhle schließt nach einem Bericht der "SZ" nicht einmal aus, den ESM vorläufig zu stoppen. Damit rückt die Lösung der Eurokrise, die Kanzlerin Merkel schon im Frühjahr versprochen hatte, in weite Ferne. Vermutlich ist es sogar schon zu spät - der Problemberg wächst schneller, als den Euro-"Rettern" lieb sein kann.

Erst sollte der ESM am 1. Juli starten, dann am 9.7., nun gibt es gar kein Datum mehr. Wahrscheinlich werde das Verfassungsgericht erst nach der Sommerpause entscheiden, hieß es gestern in Karlsruhe. Europa muss also wieder einmal auf Deutschland warten. Brüssel quittiert diese Nachricht mit einer Mischung aus Unverständnis und Ärger über die deutschen Richter, die sich immer wieder über die EU-Institutionen erheben.

Nun ist es nicht so, dass man den ESM unbedingt sofort bräuchte. Der alte Euro-Rettungsschirm EFSF kann noch bis Mitte 2013 weiterarbeiten; er hat sogar noch genug Polster, um Zypern und Spanien wie verabredet zu stützen. Ohnehin ist der ESM, genau wie der Fiskalpakt, ein bürokratisches Ungetüm, das mehr mit deutschem Kontroll- und Sparwahn zu tun hat als mit einer echten Rettungsstrategie für den Euro.

Im Sinne einer demokratischen und sozialen Politik für die Währungsunion wäre es nicht weiter schlimm, wenn Karlsruhe die Strategie der Kanzlerin durchkreuzt und ESM und Fiskalpakt kippt. Schlimm ist allerdings, dass die Eurozone nun erneut wertvolle Zeit mit Warten auf die roten Roben verplempert. Denn die Krise spitzt sich zu. Die Lage ist "sehr ernst", wie der finnische Premier Katainen zu Recht warnt.

Es ist nur noch eine Frage von Wochen, wann Spanien und Italien vor den Attacken der Finanzmärkte kapitulieren müssen. Die Anleger und Spekulanten haben mittlerweile erkannt, dass weder Fiskalpakt und ESM, noch die umstrittenen "Lösungen" des letzten EU-Gipfels weiterhelfen. Die derzeit wichtigsten Maßnahmen - eine Bankenunion, eine Banklizenz für den Rettungsfonds und massive Interventionen der EZB - wurden vertagt oder ganz von der Tagesordnung gestrichen.

Das Warten auf eine Beruhigung oder "endgültige" Entscheidung gleicht daher zunehmend dem Warten auf Godot. Merkel liegt falsch, wenn sie glaubt, sie hätte ihre "Hausaufgaben" gemacht und brauche "nur noch" das grüne Licht der Karlsruher Richter. Sie liegt auch falsch, wenn sie glaubt, die Bankenunion könne irgendwann, vielloeicht 2013, vielleicht auch später, aus der Taufe gehoben werden, und weitere Schritte seien derzeit nicht nötig.

"Die Bankenunion könnte zu spät für den Euro kommen", warnt P. Taylor in einem Beitrag für die "New York Times". Die Eurozone zerfalle derzeit schneller, als die Euro-"Retter" nachbessern können. Dies ist auch mein Eindruck seit dem letzten EU-Gipfel. Das Bundesverfassungsgericht ist, so gesehen, noch das geringste Problem...

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Nicht das Problem, sondern die Lösung

Zitat: „Das Bundesverfassungsgericht ist, so gesehen, noch das geringste Problem...“ Ach, Herr Bonse. Sie haben aber eine prophetische Gabe, in der Analyse des Sachverhaltes. Das oberste deutsche Gericht handelt absolut demokratisch. Das gehört zur Kompetenz des Verfassungsgerichts. Es urteilt auch darüber, ob Ihre Thesen und Behauptungen in den umfangreichen Beiträgen auf „Cicero-online“ mit dem Demokratiegebot des Grundgesetzes vereinbar sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Oder schließen Sie sich dem Europapolitiker der FDP an, der nur dummes Zeug von sich gegeben hat? Herr Voßkuhle hat den Anwesenden bei der Anhörung zur Mittagspause eine Frage mit auf den Weg gegeben. Sie sollten sich eine Antwort auf die Frage überlegen, ob der ESM nicht irgendwann wie eine „systemrelevante Bank" sei, in die man immer wieder Geld nachschießen müsse, um Europa zu retten. Als steuerzahlender Bürger, würde ich die Frage gerne an Sie weitergeben, mit der Bitte um Beantwortung.

  • Antworten
bernhard jasper11.07.2012 | 17:31 Uhr

Nicht das Problem sondern die Lösung

Sie haben Recht, das Gericht ist Teil der Lösung, jedenfalls aus deutscher Sicht. Mein Blickwinkel ist aber nunmal ein europäischer, und da ist die Verzögerung schon ein Problem - aber, wie gesagt, noch das Geringste. Das Hauptproblem ist, dass ESM und fiskalpakt die Demokratie aushöhlen und wenig zur lösung der Krise beitragen...

  • Antworten
Eric Bonse - Lost in EUrope14.07.2012 | 19:09 Uhr

Demokratie > Kapitalismus

Ich weiß nicht seit wann der wirtschaftliche Markt über der Demokratie steht.
Und ich bin mir sicher jeder Wirtschaftsliberale wäre beleidigt, wenn ich schreiben würde, dass sei neoliberale Politik. Das alles artet in letzter Zeit eher in so etwas wie "wirtschaftlichen Tolitarismus" aus.
Und wie würde das mit auch nur irgendeiner Form des Liberalismus zusammenpassen.

Ich will jedenfalls nicht, dass irgendein ominöser Gouverneursrat über unser aller Streuergeld entscheidet, sondern weiterhin ein demokratisch gewähltes Staatsorgan. Das braucht eine Abstimmung über eine neue Verfassung, und unsere Politiker sollten endlich den Mumm haben und diese veranlassen.

  • Antworten
Julian 11.07.2012 | 18:20 Uhr

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