Zufall oder nicht: In den letzten Tagen wird in Deutschlands Medien wieder verstärkt auf Google eingeprügelt. Man muss den Online-Riesen nicht mögen, um das eher langweilig zu finden. Weil sich die Attacken lesen wie ein ständig wiederkehrendes Lamento. Deswegen die ultimative Aufforderung: Schafft Alternativen – oder hört auf zu jammern.
Vermutlich sollte man sich Google einfach als das neue Microsoft vorstellen. Oder als übermächtigen Konzern mit undurchsichtigen Methoden. Oder als Trittbrettfahrer, der sich mit dem simplen Verwerten anderer Menschen Arbeit Reichtümer anhäuft. Die letzten beiden Bezeichnungen stammen aus deutschen Zeitungen vom Wochenende (Spiegel und FAS), der Eingang ist eine persönliche Schlussfolgerung. Weil Google momentan so dargestellt wird wie Microsoft, als es noch nicht einfach nur mitleidserregend war und man noch nicht so schöne Geschichten über den Niedergang der Software-Schmiede schreiben konnte (bezeichnenderweise hat der “Spiegel” allerdings in der neuen Ausgabe, in der Google runtergeschrieben wird, ein hübsches Comeback-Stück über Microsoft geschrieben, in dem es sinngemäß heißt, es sei ja ganz erstaunlich, welch tolle Dinge dort jetzt wieder gemacht würden).
Google also heißt mal wieder der neue Dämon, dem sich Deutschlands Journalisten widmen; ein Schelm, wer jetzt irgendwie an das Leistungsschutzrecht und andere Differenzen der Verlage mit dem Konzern denkt. Aber bevor das jetzt irgendwie zur Medienkritik wird: Interessanter ist es in dem Zusammenhang, mal darüber nachzudenken, was eine Gesellschaft mit analogem Gedankengut so alles von einem digitalen Großunternehmen der Neuzeit erwartet. Demnach nämlich ist Google vor allem deshalb doch irgendwie evil, weil es Geschäfte macht, weil es seinen Markt und ein paar andere Dinge auch noch dominiert, weil es ein Geheimnis aus seinem Such-Algorithmus macht und weil die sozialcaritative Ader des Unternehmens anscheinend nicht ausgeprägt genug ist, um in den Augen vor allem deutscher Verlage bestehen zu können.
Man darf das alles an einem Konzern kritisieren. Redlicher wäre es allerdings, wenn man sich erst einmal eine Binse vor Augen führt:
Google ist ein Wirtschaftsunternehmen.
Natürlich tut es einem Markt nie gut, wenn er sehr einseitig dominiert wird. Man kann mit einigem Recht behaupten, dass die Jahre der totalen Microsoft-Dominanz verlorene Jahre waren. Man kann sich mit Gruseln daran erinnern, wie es war, als es zum Internet Explorer des Konzerns keine wirklich spürbare Alternative gab, als Windows und der IE die Onlinewelt zu regieren schienen und kaum jemand ernsthaft daran glauben hätte wollen, dass ein solcher Riese sich nur wenige Jahre später mit einem anderen angeschlagenen Riesen zusammentun muss, um auf dem mobilen Markt überhaupt noch den Hauch einer Überlebenschance haben zu können. Damals übrigens, auch daran kann man sich noch gut erinnern, galt Microsoft als der „übermächtige Konzern mit undurchsichtigen Methoden“, als der fiese Gigant, der sich Abhängigkeiten anderer zunutze macht, um letztendlich nichts anderes anzustreben als die Totaldigitaldominanz. Das, im Übrigen, wirft man in abgewandelter Form gerne mal auch Apple und Amazon und überhaupt allen vor, die in der digitalen Welt es zu einer gewissen Größe gebracht haben.
Daran wird sich auch nichts ändern, wenn Google, Facebook, Apple und Amazon einmal andere Namen tragen, wenn sie ausgewechselt worden sind im überaus schnelllebigen Netz, so wie es auch StudiVz, MySpace, Second Life und all den anderen ehemaligen Digitalstars ergangen ist. Das Problem ist nicht der jeweilige Konzern, das Problem ist seine schiere Größe. Und die anscheinend auch im zweiten Internetjahrzehnt nicht auszurottende Neigung der User, die nach dem Prinzip „The winner takes it all“ verfährt. Soll heißen: Nirgendwo außer im Netz herrscht eine derart hohe Neigung der Nutzer vor, klassische Marktwirtschaft zumindest temporär nicht zuzulassen. Das lässt sich nur noch vergleichen mit der Trägheit der Verbraucher beim Wechsel von Banken oder Stromanbietern. In beiden Branchen wird gerne gejammert, geschimpft, lamentiert – aber dass jemand mal seinen Hintern hochbekommt und seiner Bank, die ihm mal eben 15 Prozent Überzeihungszinsen abnimmt, sich jeden Kleinkram teuer bezahlen lässt und ihm ansonsten Quatschprodukte andreht, die nur der Bank etwas bringen, die Kündigung hinwirft, dafür muss dann schon viel passieren. Das lässt sich mit Mühe und Note noch als eigene Dummheit rechtfertigen; wenn's denn jemand mit sich machen lässt, dann ist ihm nicht zu helfen. Niemand wird schließlich gezwungen, sich für eine ganz bestimmte Bank zu entscheiden, in jedem ostwestfälischen Kuhdorf gibt es schließlich zwei oder drei davon (ob die dann wirklich besser sind, steht zugegeben wieder auf einem ganz anderen Blatt).
Bei Onlineunternehmen kommt aber neben der mangelden Bereitschaft, einen echten Markt entstehen zu lassen, noch etwas anderes dazu: der merkwürdige Anspruch, solche Unternehmen zu einer Art öffentlich-rechtlichem Anbieter deklarieren zu wollen, zu einer Art von ARD des Internets. Die Googles und Amazons haben für alle da zu sein, sollen eine Art Internet-Grundversorgung leisten, ohne aber, dass man dafür etwas zahlen möchte (was ja auf ARD und ZDF irgendwie auch zutrifft, Rundfunkgebühren sind ein ähnliches stetes Quell öffentlicher Erregung wie der Benzinpreis). Es gäbe etliche Suchmaschinen, die nicht zwingend schlechter sind als Google, trotzdem laufen über 90 Prozent der Suchanfragen in Deutschland eben doch über den Marktführer. Es gibt andere Buchhändler, andere soziale Netzwerke, aber die schiere Größe und die Bequemlichkeit sind dann eben doch Grund genug, bei dem zu bleiben, über was man schimpft.
Wobei: Genau letzteres ist, im Gegensatz zu ARD und ZDF, gar nicht so häufig der Fall. Man mag die Zustände im digitalen Leben beklagen, man mag es auch für Uninformiertheit halten, wenn es Menschen gibt, die denken, Google sei das Internet und der Bezug von Büchern auf Amazon zwangsverstaatlicht worden. Vielleicht gibt es aber auch ganz andere, viel simplere Gründe: beispielsweise den, dass die Unzufriedenheit der ganz normalen Nutzer mit Google sehr viel geringer ist als die der Medien, der Verlage. Möglicherweise hat die Zufriedenheit – oder zumindest die mangelnde Wechselbereitschaft – auch damit zu tun, dass die meisten Nutzer mit Google dann vielleicht doch zufriedener sind als mit ihrer Tageszeitung. Oder dem Spiegel. Vielleicht ist es ja auch ganz einfach so, dass der gerne verpönte Deal „Daten gegen Produkt“ von vielen gar nicht als so schlimm empfunden wird, weil sie das Gefühl haben, dafür von der anderen Seite auch etwas sehr Ordentliches zu bekommen. Auch dieses Gefühl muss man ja nicht zwingend bei der täglichen Lektüre einer durchschnittlichen Tageszeitung teilen.
Und vielleicht wäre es deshalb auch an der Zeit, sich bei der Betrachtung von Google (und anderen Branchenriesen) auf eine sehr nüchterne Sichtweise zu einigen: eine, in der man Google als ein – zugegeben: riesiges – Unternehmen betrachtet, mit dem man sich wahlweise arrangieren oder mit dem man konkurrieren kann. Was dagegen nicht funktionieren word, ist eine Haltung zu Google, die ein Großteil deutscher Verlage einnimmt: Sie wollen kostenlos gefunden werden und gleichzeitig für die Tatsache, dass ihre Inhalte gefunden werden, Geld verlangen. Tut also was, wenn euch Google nicht passt! Schafft Alternativen, wenn ihr könnt.
Nur eines, das wäre wirklich wunderbar: Hört endlich mit dem Lamento auf!











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