Die ehemalige Journalistin und Online-Managerin Anitra Eggler hat jetzt einen neuen Beruf. Sie nennt sich “Digitaltherapeutin”, was nicht nur ziemlich blöde klingt, sondern auch ist. Das hat sie nicht abgehalten, ein Buch zu schreiben, das allen Ernstes “E-Mail macht dumm, krank und arm” heißt. Kaum haben wir uns von diesem Schenkelklopfer wieder erholt, müssen wir an Manfred Spitzer und seinen Quatsch von der “Digitalen Demenz” denken, wobei uns Frau Eggler aber sofort zurechtweist: Auf ihrer Webseite schreibt sie, sie habe mit Spitzer und seinen Gedanken ungefähr so viel zu tun wie der Papst mit Beate Uhse. In einer Hinsicht hat sie damit Recht: Der Rest ihrer “Digitaltherapie” und ihres Buches liest sich mindestens so platt wie der Vergleich zwischen Ratzinger und Uhse.
Nimmt man es genau, dann haben Spitzer und Eggler dann aber doch etwas gemeinsam: Beide surfen auf einer Angstwelle und kommen zu der Idee, man müsse diesem digitalen Wahnsinn einfach nur ein paar Grenzen setzen und schon sei alles wieder gut. Spitzer faselt irgendwas von Gehirnforschung. Anitra Eggler lässt ihre Leser an der weisen Erkenntnis teilhaben, Mails nur noch um 10 und 16 Uhr zu lesen und abends schon gleich gar nicht mehr. Ansonsten nutze sie gerne die Kulturtechnik des Telefonierens. Und am Ende des ganzen Unsinns bleibt man allenfalls deswegen staunend zurück, weil man sich wundern muss, wie einfach es ist, mit Büchern und Vorträgen auf dem Niveau von Kalendersprüchen Geld zu verdienen und anscheinend auch ausreichend Beachtung zu bekommen (Frau Eggler war u.a. Gast in der NDR-Talkshow und hat heute “Spiegel Online” ein Interview gegeben, bei dem ich lange nach der Kennzeichnung einer Satire gesucht habe; ich habe aber keine gefunden).
Warum aber steht das jetzt schon wieder hier, warum muss man einer cleveren Marketingfrau, die mit der Hilflosigkeit der Leute ganz gut verdient, auch noch Platz einräumen? Nein, nicht, weil es sich lohnen würde, sich allen Ernstes mit dem Nonsens auseinanderzusetzen, sondern weil es so furchtbar bezeichnend dafür ist, wie hasenfüßig oft immer noch mit diesem Netz umgegangen wird. Es reicht inzwischen aus, den Menschen zu empfehlen, Mails nicht immer sofort beantworten zu müssen und das Smartphone ab und an auch mal abzuschalten - schon gilt man als Experte für irgendwas. Man entwirft Szenarien wie die von der digitalen Volltrotteligkeit - und landet auf Nummer eins der Bestsellerlisten. Man macht irgendwie auf Retro und Internetskepsis und Kulturpessimismus und findet garantiert irgendwelche frustrierte Oberstudienrätinnen oder tweedsakkotragende Sonderlinge, die den Kulturpessimismus predigen. Und wenn sich heute eine Firma als ganz besonders menschenfreundlich generieren will, dann verbietet sie ihren Mitarbeitern unter Androhung von irgendwas, am Feierabend oder am Wochenende zum Diensthandy zu greifen oder sonstwie erreichbar zu sein. Das Blöde daran ist ja nur, dass uns das alles nicht im geringsten weiter bringt: Weder lässt sich mit der Digitalisierung des Lebens umgehen, indem man nur noch zweimal am Tag Mails liest noch damit, dass man erst im Alter von 14 Jahren regelmäßig an den Rechner darf.
Warum das so ist, lässt sich schnell erklären: Etwas nicht zu tun, ist im Regelfall nichts anderes als Destruktion. Eine Destruktion, die keine Alternativen aufzeichnet. Ändert sich an der “Mailflut” irgendetwas, nur weil ich sie zu bestimmten Zeiten des Tages ausblende? Bringt es unsere Kinder irgendwie weiter, wenn ich ihnen die Augen zuhalte und sie ihnen erst dann wieder öffne, wenn sie etwas größer sind? Davon abgesehen, dass ich meine persönliche Mailflut jetzt nicht gerade so unerträglich finde, als dass ich mich davor schützen müsste, hat es noch nie etwas gebracht, eine Entwicklung kurzerhand zu leugnen: Dass die Welt etwas schneller und vielkanaliger und natürlich mal wieder etwas komplizierter geworden ist, lässt sich nicht dadurch ändern, wenn man so tut, als wäre es einfach nicht so.
Dabei wären die Lösungen vermutlich sehr viel einfacher, als wie man sich das möglicherweise denken mag. Der Umgang mit einer digitalen Schnellwelt kann (Achtung, die kommenden Sätze könnten Sie möglicherweise als banal empfinden) mit simplen Mitteln des gesunden Menschenverstandes erlernt werden. Wenn im echten Leben drei Leute gleichzeitig auf mich einreden, sage ich zweien höflich, aber bestimmt, dass sie leider noch ein wenig warten müssen. Wenn ich auf einer Party müde werde, gehe ich nach Hause. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, weil es mir zu schnell ging, frage ich freundlich nach. Ich lese ein Buch nach dem anderen und versuche nicht, vier auf einen Schlag parallel zu konsumieren. Wenn mir jemand auf den Keks geht, ignoriere ich ihn (oder wie wir in Bayern so schön sagen: nicht mal ignorieren). Das mache ich so, weil ich so mit meinem Leben und den darin vorkommmenden Protagonisten am besten umgehen kann, andere mögen das anders machen, bitte sehr, ich mache es so, wie es mir am besten passt. Dafür brauche ich keine Regeln, keine Ratgeber, keine “In zehn Schritten zum glücklichen Internetnutzer”-Dummschwätzer. Ich müsste nicht mal über digitale Parallelwelten nachdenken, weil diese digitale Welt so parallel gar nicht ist, sondern in ihren Grundzügen schon ziemlich meiner echten entspricht. Und das könnte so wunderbar einfach bei jedem funktionieren, würde es endlich eine Öffentlichkeit geben, die die Digitalisierung als etwas begreift, was es seit Jahrmillionen gibt: eine Evolution, eine Weiterentwicklung - etwas, von dem uns unsere Kinder irgendwann mal ernsthaft fragen werden, wie eigentlich Leben möglich war, bevor es sowas gab.
Dazu gehören: Souveränität, Optimismus, die banale Fähigkeit, daran zu glauben, dass das, was man tut, schon irgendwie richtig sein könnte. Und Mut, unerbetene Ratschläge, Kulturpessimisten und buchschreibende Phrasendrescher schlichtweg auszublenden.
Auf Wiedersehen und viel Spaß dann demnächst im analogen Biotop.











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