Bei Apple waren sie im Aufspüren neuer Trends und dem, was Kunden in Zukunft mögen könnten, seit jeher gut. Ganz besonders gut ist man dort jetzt darin, den Menschen das wiederzugeben, was sie seit der Einführung des ganzen hyperaktiven digitalen Krimskrams erst so richtig zu vermissen beginnen: Freiheit, Ruhe, Selbstbestimmtheit. Das ist eine lustige Idee, weil das in etwa so ist, als würde ein Drogendealer gleichzeitig auch Plätze für Entzugstherapien anbieten. Aber das nur nebenher, eigentlich soll es ja an dieser Stelle darum gehen, was Digitalisierung mit uns so alles anrichtet. Und statt immer auf das Große und Ganze und irgendwie auch Theoretische zu schauen, ist es manchmal ganz hilfreich, wenn man einen Blick auf die Kleinigkeiten des Lebens wirft. Nur um dann festzustellen, dass die Einflüsse sehr viel weiterreichen als wie es der noch so kompetente Interneterklärbär jemals darstellen könnte.
Bei Apple, um wieder zum eigentlichen Ausgangspunkt zurückzukommen, haben sie jetzt in das neueste Betriebssystem für Handy und iPad eine Art Ruheknopf eingebaut. Wenn man die Option „Nicht stören“ wählt, dann blockiert das Gerät für diese Zeit alle Meldungen wie SMS oder Messenger; der Bildschirm leuchtet nicht auf, kurz gesagt: Man hat die Option, sich ein bisschen Abstand und Freiraum zu nehmen. Was in einem Zeitalter, in dem Menschen wie ich das Handy wie selbstverständlich neben dem Bett liegen haben, ein gewagter Schritt ist: Kann man sich da jetzt einfach so ausklinken und dem Rest der Welt mitteilen, gerade mal nicht von ihm behelligt werden zu wollen? Könnte ja immerhin als unhöflich verstanden werden, das. Auch wenn es inzwischen Firmen gibt, die ihren geplagten Mitarbeitern Handyabstinenz verordnen. Und wo jeder durchschnittliche Dorfpsychologe darauf hinweist, dass man böse Sachen von dieser dauernden Erreichbarkeit bekommen kann. Dieses, wie hieß es doch noch, ach ja, richtig: Burnout.
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Vor drei Tagen also zum ersten Mal ausprobiert. Ausgeklinkt aus dem dauernden Strom von Nachrichten, piepsenden Apps, Mitteilungen, die manchmal wichtig sind und meistens eben nicht. Eigentlich das normalste Ding der Welt, zumindest in analogen Zeiten. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da galt es als wenigstens ungehörig, jemanden am Sonntag anzurufen, das machte man nicht – hieß es. Heute sitzt man dann da und überlegt allen Ernstes, ob das jetzt wirklich in Ordnung ist, sich wenigstens am Samstag und am Sonntag abend diese Nicht-stören-Funktion zu genehmigen. So weit ist das also jetzt schon. Und vermutlich wäre man sehr schnell geneigt zu sagen: Natürlich, dieses Netz, dieser ganze digitale Kram. Frisst die Zeit, raubt die Freiheit. Haben wir es doch schon immer gewusst und am Ende sind wir dann alle digital dement.
Aber könnte es nicht sein, dass es genau andersrum ist? Dass wir auf das Netz schimpfen und es für allerlei Unheil verantwortlich machen, aber in Wirklichkeit etwas meinen, was einem irgendwie unheilvollem Zeitgeist geschuldet ist? Es ist ja nicht die Digitalisierung, die unser Leben schneller macht, sondern eine merkwürdige Ideologie, auf die wir uns in den letzten beiden Jahrzehnten eingelassen haben (oder einlassen mussten, ganz wie man will). Es ist dieser Zeitgeist, der nach Westerwelle schmeckt und nach Jungen Liberalen riecht. Einer, demzufolge die ständige Leistung, die dauernde Erreichbarkeit, das selbstverständliche Arbeiten am Wochenende und gerne auch mal am späten Abend salonfähig geworden sind. „Freizeitpark Deutschland“ ist schon zu den Zeiten eines Kanzlers Kohl zu einem geflügelten Schimpfwort geworden. Und auch die Schröder-Agenda 2010 zielte letztlich, ob richtig oder nicht, nur auf eines ab: Mehr Leistung, mehr Arbeit, mehr Wirtschaft. Was aus einer Gesellschaft werden soll, die sich ausschließlich über Arbeit und Leistung definiert, wagt schon seit vielen Jahren niemand mehr zu fragen.
Umso absurder ist es, wenn sich jetzt plötzlich die Reden und die Artikel und die Beiträge häufen, in denen (der „Spiegel“ machte es vor) plötzlich das Netz und die Smartphones aufgefordert werden, endlich mal still zu sein. Das Netz wird als neue Geißel der Gesellschaft ausgegeben, dabei geißeln sie sich alle schön selbst seit Jahren. Man will ja schließlich kein Minderleister sein, weswegen man sich im Hamsterrad der ständigen Erreichbarkeit und der unbedingten Leistungsfähigkeit bewegt. Das würden sie aber auch so machen, ganz ohne iPhones, Tablets und Messaging-Apps. Was für ein Blödsinn also, wenn man handyfreie Zonen und Zonen quasi per Verordnung einrichten will oder die Einrichtung einer nicht-stören-Funktion als einen Fortschritt in Richtung bessere Zukunft sehen will.
Mit dem Netz und seinen Geräten umzugehen, das ist erlernbar. Es sind einige wenige Tricks und Kniffe, dann funktioniert das, wenn man will. Was uns daran hindert, ist nicht eine Technik, ist nicht ein simples Gerät. Sondern ein gesellschaftlicher Kontext, in dem „Minderleister“ eine der schlimmsten vorstellbaren Beschimpfungen ist.
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Nebenher festgestellt: Nach zwei Abenden mit aktiviertem „nicht stören“ gestern abend glatt das Einschalten des Ausschaltens vergessen. Heute früh aufgewacht, aufs Smartphone geschaut. Es wäre eh nix gewesen.











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