Bettina Wulff ist eine ziemlich üble Geschichte widerfahren. Die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten wurde Opfer von Gerüchten über eine angebliche Rotlicht-Vergangenheit. Würde man weitergehen wollen, man könnte auch von einer Rufmord-Kampagne sprechen, an der möglicherweise der eine oder andere aus dem Umfeld des ehemaligen Präsidentenpaares Interesse gehabt haben könnte. Aber das zu behaupten hieße: Man würde sich mit Gerüchten beschäftigen. Und wenn es dann ganz dumm läuft, dann würden diese Gerüchte so heftig und viel diskutiert werden, dass sie auch im Netz auftauchen und damit dann in den Ergebnissen von Suchmaschinen. Als potentieller Urheber von Gerüchten wäre man aber trotzdem fein raus: Eine mögliche Klage ginge ja nicht gegen den Urheber, sondern gegen die Suchmaschinen (die werden ja momentan eh von allen Seiten verklagt).
Das Konstrukt zeigt, wieso Bettina Wulff mit ihrer Klage gegen Google irrt. Die Klage geht gegen einen Algorithmus, der nichts anderes macht als abzubilden, was Menschen im Netz abfragen. Und was möglicherweise auf Seiten im Netz diskutiert wird. Selbst wenn es ihr gelänge, Google und alle anderen Suchmaschinen zum Abschalten der automatischen Vervollständigung von Suchbegriffen zu zwingen, würde das nichts daran ändern, dass die Gerüchte in der Welt sind. Dass Menschen danach suchen. Dass darüber auf Webseiten geschrieben wird. Das rechtfertigt die Gerüchte nicht. Aber es schafft sich nicht aus der Welt, sie unauffindbar zu machen. Sieht man mal davon ab, dass es eine reichlich naive Annahme ist, dass jemand, der unbedingt etwas über diese Gerüchte lesen will, ohne die Funktion des Autovervollständigens nicht trotzdem auf die Seiten käme. Würde man also das Konstrukt der Bettina Wulff zuende denken, müsste es wahlweise verboten sein, bestimmte Begriffe zu suchen. Oder aber das Suchen im Netz wird generell verboten. Schließlich schaffen Suchmaschinen ja keine inhaltliche Relevanz, sie geben lediglich wieder, was im Netz zu finden ist.
Der Blogger Felix Schwenzel aus Berlin (den ich Ihnen aus einer ganzen anderen Reihe von Gründen ohnedies allerwärmstens ans Herz legen möchte) hat einen lustigen Versuch unternommen: Er googelte die Begriffe (sorry für die Wortwahl) “Bettina Wulff” und “Katzenpisse” und kam immerhin auf neun Treffer. Keine Ahnung, wie solche Begriffe zusammengehen und warum sie in einem Kontext auftauchen und welchen Sinn das macht. Und dass es wenig schicklich sein könnte, Frau Wulff mit Katzenurin in einen Zusammenhang zu bringen, ist vermutlich unbestritten, aber wie dem auch sei: Ändert das irgendetwas daran, dass es eben so ist?
Frau Wulff hat neben Google (was insofern auch unlogisch ist, weil sie konsequenterweise dann alle Suchmaschinen hätte verklagen müssen) auch den Moderator Günter Jauch verklagt. Jauch hatte in seiner Talkshow ein Mitglied der Bild-Chefredaktion gefragt, ob es richtig sei, dass das Blatt Geschichten über das Vorleben der Präsidentengattin in der Hinterhand habe. Der Bild-Mann hatte das seinerzeit verneint und damit hätte es auch gut sein können. Frau Wulff folgert daraus aber nun, Jauch habe mit seiner Frage die Gerüchte erst “gesellschaftsfähig” gemacht. Man muss dieser Argumentation nicht zwingend folgen. Aber immerhin zeigt sich damit, wenn auch ungewollt, das große Missverständnis, dem viele Ansichten über das Netz immer noch unterliegen: Sie sehen das Netz als handelndes Etwas, als etwas, was einer eigenen Ratio folgt. In diesem Zusammenhang empfiehlt sich übrigens sehr das Buch “Alleine unter 100 Freunden” der Soziologin Sherry Turkle, die darin beschreibt, wie Menschen zu Robotern emotionale Nähe entwickeln können und ihnen dabei so etwas wie eine eigene Persönlichkeit zugestehen. Ähnlich ist es häufig, wenn wir über das Netz sprechen. Wir billigen dem Netz eigene Ratio, eigene Fähigkeiten, eine eigene Persönlichkeit zu. Frau Wulffs Klage ist schließlich ja letztendlich gegen das Netz gerichtet, Google steht in der Meinung vieler inzwischen stellvertretend für das Netz. Frau Wulffs Klage stellt die Persönlichkeit Jauch und eine algorithmusgesteuerte Maschine auf eine Stufe. Man kann also wenigstens darüber diskutieren, ob es richtig war, dass der Mensch Jauch die Sache mit den Gerüchten ins Gespräch bringt und damit vor einem Millionenpublikum quasi publik macht. Jauch hatte die Möglichkeit, darüber nachzudenken und die Sache dann entsprechend zu bewerten. Die Maschine ist hingegen nur ein Inhaltsverzeichnis. Bildlich gesprochen: Wenn es eine Bibliothek gäbe, in der sich Bücher u.a. mit dem vermeintlichen Vorleben von Bettina Wulff befassen, müsste Frau Wulff den Bibliothekar verklagen, wen der eine entsprechende Anfrage eines Nutzers nach einem solchen Buch korrekt beantworten würde.
Aber ja, so ist das, wenn wir über “das Netz” reden. Wir machen es als eine Art abstraktes Etwas für Dinge verantwortlich, die letztendlich Menschen zu verantworten haben. Das Netz bringt manchmal das Beste aus uns Menschen hervor und manchmal leider auch das Allerschlechteste. Sollte Frau Wulff mit ihrer Klage gegen Google Recht bekommen, wäre das am Ende kontraproduktiv. Weil ein solches Urteil den Glauben befeuern könne, das Netz wäre es gewesen, das für den Dreck verantwortlich ist. Den Dreck über Bettina Wulff hat aber keine Maschine, kein Netz in die Welt gesetzt. Schöner wäre es also, am Ende stünden die Verleumder vor Gericht und meinetwegen auch an einem Pranger. Bekommt Bettina Wulff recht, steht das Netz am Pranger und die menschlichen Dreckschleudern kommen ungeschoren davon.
Was für eine absurde Vorstellung. Eine, die nicht mal Bettina Wulff gefallen kann.











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