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Bettina Wulff und ihr Freibrief für die Dreckschleudern

9. September 2012 VON Christian Jakubetz - unhipster
Schrift:

Bettina Wulff will Google verklagen und damit auch irgendwie das Netz. Eine absurde Idee mit kontraproduktiver Wirkung. Die wirklichen viralen Dreckschleudern bleiben ungeschoren und wir können alle endlich wieder in gemeinsamer Entrüstung sagen: Wusste man es doch irgendwie, das Netz, das böse...

picture alliance
Bettina Wulff,First Lady a.D.Gerüchte,ehemalige Präsidentengattin

Bettina Wulff ist eine ziemlich üble Geschichte widerfahren. Die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten wurde Opfer von Gerüchten über eine angebliche Rotlicht-Vergangenheit. Würde man weitergehen wollen, man könnte auch von einer Rufmord-Kampagne sprechen, an der möglicherweise der eine oder andere aus dem Umfeld des ehemaligen Präsidentenpaares Interesse gehabt haben könnte. Aber das zu behaupten hieße: Man würde sich mit Gerüchten beschäftigen. Und wenn es dann ganz dumm läuft, dann würden diese Gerüchte so heftig und viel diskutiert werden, dass sie auch im Netz auftauchen und damit dann in den Ergebnissen von Suchmaschinen.  Als potentieller Urheber von Gerüchten wäre man aber trotzdem fein raus: Eine mögliche Klage ginge ja nicht gegen den Urheber, sondern gegen die Suchmaschinen (die werden ja momentan eh von allen Seiten verklagt).

Das Konstrukt zeigt, wieso Bettina Wulff mit ihrer Klage gegen Google irrt. Die Klage geht gegen einen Algorithmus, der nichts anderes macht als abzubilden, was Menschen im Netz abfragen. Und was möglicherweise auf Seiten im Netz diskutiert wird. Selbst wenn es ihr gelänge, Google und alle anderen Suchmaschinen zum Abschalten der automatischen Vervollständigung von Suchbegriffen zu zwingen, würde das nichts daran ändern, dass die Gerüchte in der Welt sind. Dass Menschen danach suchen. Dass darüber auf Webseiten geschrieben wird. Das rechtfertigt die Gerüchte nicht. Aber es schafft sich nicht aus der Welt, sie unauffindbar zu machen. Sieht man mal davon ab, dass es eine reichlich naive Annahme ist, dass jemand, der unbedingt etwas über diese Gerüchte lesen will, ohne die Funktion des Autovervollständigens nicht trotzdem auf die Seiten käme. Würde man also das Konstrukt der Bettina Wulff zuende denken, müsste es wahlweise verboten sein, bestimmte Begriffe zu suchen. Oder aber das Suchen im Netz wird generell verboten. Schließlich schaffen Suchmaschinen ja keine inhaltliche Relevanz, sie geben lediglich wieder, was im Netz zu finden ist.

Der Blogger Felix Schwenzel aus Berlin (den ich Ihnen aus einer ganzen anderen Reihe von Gründen ohnedies allerwärmstens ans Herz legen möchte) hat einen lustigen Versuch unternommen: Er googelte die Begriffe (sorry für die Wortwahl) “Bettina Wulff” und “Katzenpisse” und kam immerhin auf neun Treffer. Keine Ahnung, wie solche Begriffe zusammengehen und warum sie in einem Kontext auftauchen und welchen Sinn das macht. Und dass es wenig schicklich sein könnte, Frau Wulff mit Katzenurin in einen Zusammenhang zu bringen, ist vermutlich unbestritten, aber wie dem auch sei: Ändert das irgendetwas daran, dass es eben so ist?

Frau Wulff hat neben Google (was insofern auch unlogisch ist, weil sie konsequenterweise dann alle Suchmaschinen hätte verklagen müssen) auch den Moderator Günter Jauch verklagt. Jauch hatte in seiner Talkshow ein Mitglied der Bild-Chefredaktion gefragt, ob es richtig sei, dass das Blatt Geschichten über das Vorleben der Präsidentengattin in der Hinterhand habe. Der Bild-Mann hatte das seinerzeit verneint und damit hätte es auch gut sein können. Frau Wulff folgert daraus aber nun, Jauch habe mit seiner Frage die Gerüchte erst “gesellschaftsfähig” gemacht. Man muss dieser Argumentation nicht zwingend folgen. Aber immerhin zeigt sich damit, wenn auch ungewollt, das große Missverständnis, dem viele Ansichten über das Netz immer noch unterliegen: Sie sehen das Netz als handelndes Etwas, als etwas, was einer eigenen Ratio folgt. In diesem Zusammenhang empfiehlt sich übrigens sehr das Buch “Alleine unter 100 Freunden” der Soziologin Sherry Turkle, die darin beschreibt, wie Menschen zu Robotern emotionale Nähe entwickeln können und ihnen dabei so etwas wie eine eigene Persönlichkeit zugestehen. Ähnlich ist es häufig, wenn wir über das Netz sprechen. Wir billigen dem Netz eigene Ratio, eigene Fähigkeiten, eine eigene Persönlichkeit zu. Frau Wulffs Klage ist schließlich ja letztendlich gegen das Netz gerichtet, Google steht in der Meinung vieler inzwischen stellvertretend für das Netz. Frau Wulffs Klage stellt die Persönlichkeit Jauch und eine algorithmusgesteuerte Maschine auf eine Stufe. Man kann also wenigstens darüber diskutieren, ob es richtig war, dass der Mensch Jauch die Sache mit den Gerüchten ins Gespräch bringt und damit vor einem Millionenpublikum quasi publik macht. Jauch hatte die Möglichkeit, darüber nachzudenken und die Sache dann entsprechend zu bewerten. Die Maschine ist hingegen nur ein Inhaltsverzeichnis. Bildlich gesprochen: Wenn es eine Bibliothek gäbe, in der sich Bücher u.a. mit dem vermeintlichen Vorleben von Bettina Wulff befassen, müsste Frau Wulff den Bibliothekar verklagen, wen der eine entsprechende Anfrage eines Nutzers nach einem solchen Buch korrekt beantworten würde.

Aber ja, so ist das, wenn wir über “das Netz” reden. Wir machen es als eine Art abstraktes Etwas für Dinge verantwortlich, die letztendlich Menschen zu verantworten haben. Das Netz bringt manchmal das Beste aus uns Menschen hervor und manchmal leider auch das Allerschlechteste. Sollte Frau Wulff mit ihrer Klage gegen Google Recht bekommen, wäre das am Ende kontraproduktiv. Weil ein solches Urteil den Glauben befeuern könne, das Netz wäre es gewesen, das für den Dreck verantwortlich ist. Den Dreck über Bettina Wulff hat aber keine Maschine, kein Netz in die Welt gesetzt. Schöner wäre es also, am Ende stünden die Verleumder vor Gericht und meinetwegen auch an einem Pranger. Bekommt Bettina Wulff recht, steht das Netz am Pranger und die menschlichen Dreckschleudern kommen ungeschoren davon.

Was für eine absurde Vorstellung. Eine, die nicht mal Bettina Wulff gefallen kann.

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7 Kommentare
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Dumm gestellt?

Welche Überaschung, daß intelligente Menschen ernsthaft über diese juristische Posse nachdenken. Natürlich wird google den Prozeß gewinnen. Es ist nur eine Plattform, die für die Inhalte nicht verantwortlich ist. Offensichtlich kann man auch in höheren gesellschaftlichen Positionen seinen Kopf nicht zum Denken benutzen. Und zu einer kompetenten juristischen Beratung reicht es auch nicht. Wahrscheinlich wieder so ein Hannoveraner Berater"Freund".
Warum kann sich Cicero nicht wirklich relevanten Themen widmen, sondern sinkt qa politischem Lorbeerblatt (die arme Präsidentingattin!) auf Bunte/Gala Klatschniveau.
Wo bleiben die Beiträge zum Hamburger "Staats"vertrag mit den Muslimen (so als bedürfe das geltende deutsche Recht einer Ergänzung) und zum Eklat auf dem kurdischen "Kultur"fest, das mit einer beispiellosen Kapitulation der deutschen Polizei endete? Hier muß man geltendes Recht durchsetzen und nicht beim Falschparken!

  • Antworten
Otto Meyer10.09.2012 | 16:51 Uhr

PR-Kampagne

Das ist doch nur eine geschickte PR-Kampagne, welche den Streisand-Effekt ganz bewusst im Umkehrschluss nutzt um das Buch von Fr. Wulff promoten. Inzwischen dürfte es bis in die letzten Winkel der Bild-Leser vorgedrungen sein, dass Fr. Wulff ein (sicherlich ganz zufällig gleichzeitig erschienenes) Buch hat schreiben lassen.

  • Antworten
gemaroth11.09.2012 | 00:19 Uhr

Schöne PR

Ich sehe doch richtig, dass Frau Wulf dieser Tage ein Buch veröffentlicht, oder? Na dann herzlichen Glückwunsch, dass Sie sich mit diesem Artikel kostenlos in die Wulfsche PR-Maschine haben einbiinden lassen.

  • Antworten
Thomas Maushu11.09.2012 | 07:44 Uhr

Um nicht gleich wieder

Um nicht gleich wieder Gerüchte zu streuen, weise ich nur auf eine faktische Koinzidenz hin: 1. Frau Wullf veröffentlicht jetzt ein Buch. 2. Frau Wulff klagt jetzt gegen Google.

  • Antworten
Klaus Jarchow11.09.2012 | 09:00 Uhr

Keine harmlose

Keine harmlose Zahlenspielerei
Das klingt schon etwas merkwürdig, wenn Sie sinngemäß folgern, was könne schließlich Google dafür, dass irgendein beliebiger Name wie Wulf von der Suchmaschine in einen falschen Zusammenhang sortiert wird. Eine „algorithmusgesteuerte Maschine“ sei eben nur eine Maschine, mithin könne sie nicht als Letztverbreiter von „Gerüchten“ schuldfähig sein, wie etwa Günther Jauch.
Allerdings: Zahlenspielereinen von Maschinen sind keineswegs harmloser Kinderkram. Denken wir einmal nach: Eine Pistole zum Beispiel ist auch nur eine Maschine und niemals Täter. Gleichwohl sind ihr Erwerb und vor allem die Nutzung aus gutem Grund gesetzlich streng reglementiert.
Warum sollte eine Gesellschaft nicht auch andere gefährliche Maschinen - wie die von Google - gesetzlich kontrollieren dürfen? Das heißt doch nicht, dass die Verbreiter von Gerüchten, also Rechtspersonen, dadurch nicht mehr verantwortlich wären und sich hinter den Maschinen verstecken könnten, wie Sie schreiben.
Günther P. Olthof

  • Antworten
Günther P. Olthof11.09.2012 | 10:58 Uhr

1984

Denken wir einmal nach:
Sie möchten also, daß jemand die "Wahrheit", ach nein, die Verknüpfungen kontrolliert, die Google anbietet. Dier "Jemand" wäre dann gleicher als die anderen, und könnte z.B. im politisch korrekten Neusprech solche Verknüpfungen "richtigstellen".
Das ganze Politbüro der Ostzone lacht sich in seinen Särgen tot über Ihren zielführenden Vorschlag.

  • Antworten
Otto Meyer11.09.2012 | 13:35 Uhr

"Der Rubikon ist überschritten"

Liebe Cicero-Redaktion, bitte beenden Sie diese konstruierte PR-Wirklichkeit. Diese nichtssagende private Selbstdarstellung muss nicht an jedem Ort stattfinden. Vielleicht in den Klatschspalten bestimmter Blätter, jedoch nicht in einem Magazin für politische Kultur. Wenn jemand im Netz etwas behauptet, kann es zu einer Wirklichkeitskonstruktion kommen, die so gar nicht stattgefunden haben braucht, das wissen wir. Dagegen kann man in unserem Land mit rechtsstaatlichen Mitteln vorgehen. Darum geht es aber nicht. Die gesamte „Karriere“ der Wulffs war immer vom Aspekt der Wirksamkeit in der Öffentlichkeit bestimmt. Als das selbst-konstruierte Bild zu bröckeln begann, durch immer neue Ungereimtheiten während der Zeit in Niedersachsen, die der Journalismus aufdeckt hat, wurde bundesweit spaltenlang diskutiert und erreichte den Höhepunkt mit dem ritualisierten „ Großen Zapfenstreich“. Das sollte nochmals die Stellung in der Gesellschaft symbolisieren. Es war die letzte Inszenierungsoption und der blinde Willen von der politischen Existenz das Image und die Bezüge zu retten, ohne die leiseste Beklemmung des Gewissens. Zu einer inszenierten Darstellung gehört natürlich immmer eine Bühne, ein Medium. Erst daraus erwächst Bedeutung und eine ökonomische Funktion, die zum Werbeträger ausgebaut werden kann. Danach erst stehen Werbemaßnahmen nichts mehr im Weg. Dieser Darstellerin wurde eine künstliche Biografie angepasst, von denen man glaubt, dass sie den Erwartungen des Publikums entspricht. Zugleich werden kontinuierlich Details ihrer pivaten Lebensführung an die Öffentlichkeit verfüttert, um das Interesse wachzuhalten ( „...mein Mann und ich gehen zum Therapeuten“)Die Darstellerin muß natürlich symbolisch leiden, „Schläge“ bezogen haben und sich wehren, verzweifelt sein und das auch sagen. Das Leiden ist ganz wichtig, damit die Geschichte weiter gehen kann, z.B. mit Interviews in Frauenzeitschriften und vielleicht auch bald in öffentlichen Auftritten. Vielleicht kauft RTL 2 die Exklusivrechte an diesem Kitsch, um einer geistig moralischen Verwirrung weiterhinVorschub zu leisten.

  • Antworten
B 12712.09.2012 | 09:39 Uhr

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