Revolution, mal eben alles neu machen? Alle paar Jahre packt uns so eine Ahnung, dass das gar keine schlechte Idee sein könnte. Aber am Ende setzt sich die Erkenntnis durch, dass es uns doch gar nicht so schlecht geht. Und dass am besten alles bleibt wie es ist. Man nennt das auch: Mainstream. Im Netz lernen wir gerade, wie das geht. Und wir können uns die Piraten als lebendes Exempel ansehen.
Revolutionen, Umstürze und radikale Veränderungen haben ja erst mal was sehr verlockendes an sich. Selbst dann, wenn man so gar nicht revolutionär oder umstürzlerisch veranlagt ist und sein Leben als Beamter in einem kleinen Rathaus oder als Sachbearbeiter bei der Commerzbank verbringt, hat man gerne mal so eine gewisse Faszination dafür übrig, wenn sich plötzlich andeutet, dass die Welt ja so ganz anders sein könnte. Und mal ehrlich, wer sind denn unsere Helden im Leben? Sachbearbeiter bei der Commerzbank? Gibt´s eigentlich irgendeinen prickelnden und irgendwie wichtigen Film, der sich mit dem Leben eines Standesbeamten auseinandersetzt? Na also.
Es ist also erst einmal gar nicht so erstaunlich, wenn sich Menschen für Revolutionen und Umbrüche begeistern können, obwohl sie ansonsten so langweilig leben, dass es interessanter ist, Wandfarbe beim trocknen zuzusehen - als ihnen und ihrem 8-Stunden-Leben.
Das zieht sich durch ungefähr alle Bereiche des Lebens, das fängt an bei der heimlichen Bewunderung für diejenigen, die ihren Job kündigen, als Freiberufler arbeiten und sich so gesehen mal richtig was trauen. Schließlich verzichten sie dafür sogar auf die Annehmlichkeit, jeden Monatsersten centgenau einen Betrag auf dem Konto vorzufinden, der sich in einem aufwendigen Verfahren errechnet hat aus Bruttoeinkommen und den diversen Abzügen, die sich ergeben, wenn man Sozialabgaben, Steuern und Versicherungen wegrechnet. Weil das alleine schon ein ziemlicher Aufwand wäre, müsste man ihn selbst betreiben, verzichtet man dann allerdings nach kurzem Nachdenken wieder auf den überaus revolutionären Akt der Befreiung aus der ganz normalen Arbeitswelt, selbst dann, wenn man eigentlich weiß, dass der Wahnsinn auf Dauer sehr viel unangenehmere Auswirkungen hat, als sich selbst um Steuern, Abgaben und Versicherungen kümmern zu müssen.
Es ist also vermutlich nicht sehr viel mehr als menschlich, wenn man zwar auf der einen Seite gerne mal an ein Revolutiönchen denkt und damit kokettiert, ein solches irgendwann mal anzuzetteln, es aber am Ende dabei belässt, beifällige Bewunderung für handelnde Personen zu bekunden. Man lässt sich dann doch lieber wieder in den eigenen Grenzen einsperren. Im Netz beispielsweise hätte es über viele Jahre hinweg die Möglichkeit gegeben, vieles von dem, was man kennt und was irgendwie schon lange stört, über den Haufen zu werfen. Man hätte völlig neue Informationsstrukturen und Diskussionskulturen entwickeln können. Es hätte die Möglichkeit gegeben, sich aus alten Abhängigkeiten zu befreien. Und zu groß gewordene Machthaber auf normale Größe zurechtzustutzen. Man hätte das Netz begreifen können als ausgesprochen selten auftauchende und unverhoffte Chance, nochmal alles auf den Prüfstand zu stellen.
Aber eigentlich will man das nicht.
Geht uns ja eigentlich doch ganz gut.
Weswegen die Revolution im Netz dann mal wieder abgesagt worden ist.
Und damit zu den Piraten, ein vielleicht noch nicht ganz verpufftes, aber anscheinend langsam wieder verpuffendes Phänomen, wie die Kollegen an dieser Stelle bereits sehr treffend festgestellt haben. Vielleicht sind die Piraten das erste politische Digitalphänomen, das neben den mittlerweile gewohnten digitalen Phänomen - die Schnelligkeit, die Heftigkeit und die Vehemenz der Debatten - auch sehr gewohnte Auffälligkeiten aus der analogen Welt aufweist (so wie das ganze Netz eben). Die Faszination des normalwählenden Bankenmitarbeiters oder Beamten für talking ´bout a revolution ist auch im analogen Politbetrieb nichts neues gewesen. Das Paradoxe daran ist, dass es für ein solches Kurzzzeit-Faszinosum ausreicht, erst einmal ein Lebensgefühl, eine Stimmung zu treffen. Inhalte spielen dabei zunächst nicht zwingend eine Rolle. Da ist es dann fast egal, ob sowas STATT-Partei oder Schill-Partei oder Piratenpartei heißt, vorerst kommen zwei Momente zusammen: die Ahnung, dass man es immer nur im alten Trott und dem etablierten Personal nicht mehr dauerhaft aushält. Und die latent und in homöopathischen Dosen vorhandene Lust, es diesem alten Trott mal ordentlich zu zeigen. Die Piraten haben das entsprechende Lebensgefühl mitgebracht, es könnte sich vielleicht in dieser neuen digitalen Welt das eine oder andere wandeln. Wenn das Lebensgefühl dann durch Inhalte angereichert werden soll, stoßen solche Projekte schnell an Grenzen, die Liste der politischen Lebensgefühl-Projekte mit schnellem und tödlichen Ausgang ist lang. Richter Gnadenlos wurde zuletzt irgendwann mal in Südamerika gesehen und wer die STATT Partei machte - das fällt uns gar kein Name mehr ein.
War da was?
Die Revolution im Netz ist ja schließlich schon seit längerem abgesagt. Im Netz regiert inzwischen, bei allen Versuchen, das noch abzuändern, der Mainstream. Das Netz ist zu groß und zu sehr zu einer Parallelwelt der analogen Realität geworden, als dass sich dort mal eben Revolution und Veränderung inszenieren ließe (außer in Nischen). Im Netz hat sich die Rückkehr in den mentalen Käfig breit gemacht. Die alte Erkenntnis bewährt sich: Gib einem Menschen grenzenlose Freiheit und er sucht sich einen Platz, in dem er sich einsperren und abschotten kann.
Im Netz ist das inzwischen Realität. Wir kaufen Bücher bei Amazon, wir suchen über Google, Musik gibt es bei Apple (ich mache da übrigens keinerlei Ausnahme). Wir hätten etwas neues beginnen können und machen jetzt dann doch nur analog in digital.
Die Revolution im Piratennetz ist abgesagt.
Die Doppelhaushälfte in Germering mit dem Golf vor der Tür siegt im Zweifelsfall. Immer.
Sogar in Digitalien.











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