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Ein Loblied auf das Parallel-Ich

17. August 2012 VON Christian Jakubetz - unhipster
Schrift:
picture alliance

In den USA, das hat die Autorin Sherry Turkle jetzt intensiv beschriebe, gelten, für junge Menschen inzwischen nicht nur in der Alltagskommunikation andere Maßstäbe. Ein direktes Gespräch oder ein Telefonat wird als unangenehm oder wahlweise aufdringlich empfunden, während man sich aus deren Sicht zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu jedem noch so banalen Anlass Kurznachrichten auf allen denkbaren Kanälen schicken kann. Und nicht nur das: Will man etwasüber einen anderen Menschen wissen, schaut man sich kurzerhand dessen Profil in irgendeinem Netzwerk an. Ein Leben in digitalen Parallelwelten: Es wäre kein Wunder, wenn wir es bald Standard wäre, wenn Menschen zwei Identitäten besitzen. Eine echte im realen Leben - und einen Avatar in der digitalen Welt.

Wenn ich mich ein bisschen amüsieren will, mache ich einen Streifzug durch die Profile meiner Freunde und manchmal auch die meiner Feinde in den sozialen Netzwerken. Und dann trifft man auf ganz erstaunliche Metamorphosen. Da ist zum Beispiel die glühende Wagner-Verehrerin und leidenschaftliche Golfspielerin, deren (virtuelle) Welt sich in erster Linie um den “Fliegenden Holländer” und die richtige Schlägerwahl auf dem Golfplatz dreht. Ihre Fotos, und derer gibt es reichlich, zeigen sie in erster Linie im Abendkleid oder mit dem Golfschläger und eigentlich warte ich nur auf den Tag, an dem sie im Abendkleid mit dem Golfschläger posiert. Das Ritual der so genannten “Kommentare” (wieso eigentlich Kommentare, wenn es nur so mittelscharfer Senf ist, den man irgendwo dazu gibt?) ist immer das gleiche: In den meisten Fällen die Zustimmung und die unverbrämte Bewunderung, das war ja schließlich Ziel der beifallheischenden Beiträge und Fotos. Oder andere aufmerksamkeitsheischende Kommentare, me too, ich war auch dabei, ich kenne Wagner und habe selber einen Golfschläger. Eine irreale Welt, die zwar im echten Leben genauso irreal wäre, weil man sich im echten Leben ebenfalls von Wagnerbesuchen und Golfspielen erzählen kann. Im echten Leben geht es nur nicht so leicht: Man müsste dann mal auch den Golfschläger zur Hand nehmen und spielen und man müsste zum Thema Wagner in einem echten Gespräch mal mehr hinwerfen als ein paar wohlklingende Satzgirlanden und Wortfetzen, die so wunderbar Ahnung von irgendwas vortäuschen.

Ist es sehr gemein, wenn man verrät, dass unsere golfspielende Wagnerliebhaberin in Wirklichkeit ein Leben führt, das bis an die Schmerzgrenze langweilig ist, von Wagner nicht wirklich etwas versteht und auf dem Golfplatz eher selten bella figura macht?

***

Die Erschaffung von künstlichen Welten ist im (sozialen) Netz so einfach wie nie zuvor. Niemand kann kontrollieren, was wirklich hinter der bunten Scheinwelt aus Fotos, Videos und kurzen Satzfetzen steckt, vielleicht will man es ja auch gar nicht so genau wissen, schließlich sind wir unter uns in unserer Scheinwelt, in der wir alle cool, schlau, eloquent und witzig sind und natürlich rasend gut aussehen, in der Flut von Bildern, die mit Filtern weichgezeichnet und mit Photoshop gephotoshoppt sind. Ich glaube, ich bin noch nie so vielen absurden Bildern begegnet wie in den sozialen Netzwerken. Alleine das, was ich täglich an neuen Profil- und sonstigen Profilbildern sehe, erfüllt die Voraussetzungen, diese Netze künftig nur noch Scheinwelten zu sehen. Ach, und bevor Sie fragen: In dieser Gruppendynamik ist es natürlich nicht ausgeblieben, dass mein eigenes Profilbild mit seiner unangemessen guten Laune und der übertriebenen Coolness ein Moskaiksteinchen in dieser Scheinwelt ist, man muss ja schließlich mithalten mit all den gutaussehden Opernliebhabern und Wundersportlern.

Der Zwang zur avatarischen Perfektion geht ja über ein bisschen geschönte Selbstdarstellung hinaus, er setzt sich fort in alle Bereiche des digitalen Lebens bis hinein in die Echtzeit-Präsentation des eigenen alltägliche Lebens: Musik höre ich inzwischen fast nur noch über einen Streaming-Dienst, der wiederum an meinen Facebook-Account gekoppelt ist. Was wiederum zur Folge hat, dass meine knapp 600 Freunde in Echtzeit sehen können, was ich gerade höre. Bei der einen Hälfte meiner 600 Freunde ist mir das weitgehend egal, weil ich sie eh noch nie gesehen habe (in diesem Ding, das man echtes Leben nennt). Aber die anderen 300, die könnten ja was Schlechtes von mir denken. Und ja, zugegeben, ich habe mich schon dabei ertappt, Musik, die nicht imagekompatibel ist,offline zu hören.

Und ja, bevor Sie fragen oder vielleicht Hobbypsychologe sind: Natürlich läuft diese Musik auf dem Streamingdienst als, wenn man so will, Statement an die Öffentlichkeit. Ich bin nicht besser als die anderen, das gebe ich zu. Die anderen aber auch nicht besser als ich: Wenn ich mir in Echtzeit ansehe, was meine Freunde und Nichtfreunde so alles gerade hören, wundere ich mich über meinen überaus kunstsinnigen und stilsicheren Freundeskreis, bei dem ich noch nicht ein einziges Mal was gehört habe, was nicht perfekt zu Image und guten Stil passt. Wo zum Teufel kommen eigentlich die ganzen schlagergrölenden Leute her, die man ab einem gewissen Promillelevel und bei bestimmten Anlässen sogar in einem Publikum und bei Veranstaltungen findet, von denen man das so ganz und gar nicht erwartet? Wahrscheinlich machen die das alle so: Während sie essen oder schlafen oder joggen gehen, lassen sie auf ihrem Rechner einfach eine Liste mit Titeln laufen, die sich nach draußen gut machen. Müsste ich mir patentieren lassen, die Idee. Mache ich nämlich auch immer. Vermutlich würde ich jedenfalls würde ich einen Schock bekommen, wenn ich einen von denen mal irgendwie bei McDonald´s sehen würde. Das Bild vom feinsinnigen Gourmet wäre zerstört, auf deren anderen Seite: Für irgendwas muss dieses real life ja dann doch noch gut sein.

***

Und dann gibt es ja die, die ich immer die Namecollectors nenne. Das ist das Social-Media-Adäquat zu den Namedroppern, die im echten Leben der sichere Tod jeder Party sind (“Ich kenn ja den Carsten und die Vroni ganz gut...”). Namecollectors sind die, die versuchen, sich beispielsweise bei Facebook mit Leuten zu befreunden, von denen man a.) den Namen schon mal gehört hat und von denen man b.) denkt, dass sie irgendwie gerade cool oder angesagt sein könnten. Wesentliches Merkmal: Man erhält eine Kontaktanfrage eines Namecollectors, wundert sich darüber, diesen Namen ungefähr noch nie gehört zu haben, um dann festzustellen, dass man 37 gemeinsame Freunde hat, von denen aber sich bei genauerer Nachfrage auch niemand erinnern kann, den Namecollector jemals getroffen zu haben. Man hat halt die Kontaktanfrage beantwortet, weil man dachte, das sei ja ein guter Freund der jeweils anderen.

In den neuen sozialen Welten sind sie nicht nur alle gut miteinander bekannt, sondern auch alle: hip, chic, cool, fehlerlos. Alle hören die richtige Musik, lesen die richtigen Bücher und die passenden Medien. Boulevardblätter beispielsweise existieren in dieser besten aller virtuellen Welten erst gar nicht. In meinem digitalen Umfeld hat mir noch nie jemand eine Geschichte von bild.de empfohlen, stattdessen staune ich manchmal bei Retweets oder Likes von Sachen, die ich gerade gepostet habe. Von einem Stück der “Süddeutschen zeitung” beispielsweise, das ich mal bei Facebook an meine Pinnwand getackert hatte, existierte eine knappe Minute später der erste “share” und bei Twitter gab es den ersten Retweet innerhalb von 23 Sekunden. Mein lieber Mann, denkt man dann im Stillen bei sich, ich wäre ja nicht in der Lage, rund 8.000 Zeichen Text in 23 Sekunden zu lesen und dann sofort an meine Follower und Freunde weiterzugeben. Könnte natürlich aber auch sein, dass manche Autoren, Medien, Musiker schlichtweg gut fürs Digitalimage sind und man deswegen beispielsweise einen Stefan Niggemeier sofort und bedenkenlos weiterverbreitet (gut fürs Image!), während man andere wegen potentieller Schädlichkeit fürs Image oder aber schlichter Belanglosigkeit erst gar nicht empfiehlt. Zumindest also, wenn man von Medien, Musik, Kultur spricht, dann sind unsere virtuellen Welten ein bisschen so wie die Beistelltischchen im Wohnzimmer oder die Bücherregale. Man legt sich dort das rein, was die anderen sehen soll, den Donald-Duck-Sammelband behält man sich dann eher fürs eigene Schlafzimmer vor.

Sherry Turkle übrigens, um wieder auf den Anfang der Geschichte zurückzukommen, sieht in den digitalen Parallelwelten, die wir via Smartphones und Tablets jetzt ständig mit uns herumtragen, eine Veränderung in unserem Kommunikationsverhalten. Und auch darin, wie wir andere Menschen bewerten. Möglicherweise ersetze, so beschreibt sie, irgendwann mal das Virtuelle auch das Reale; immerhin gibt es in den USA sehr ernsthafte Menschen, die sich für eine gesetzliche Festschreibung einer möglichen Ehe zwischen Menschen und Robotern einsetzen. Man kann Warnungen wie diese ernst nehmen, sie diskutieren - und man muss tatsächlich einräumen, dass sich Kommunikation und Interaktion verändert haben. Das Telefon spielt eine geringere Rolle, die kurze elektronische Botschaft ist das neue Telefon. Das kann man bedauern, muss man aber nicht. Zumal man sich an Zeiten erinnern kann, in denen vor dem Telefon gewarnt wurde, mit sehr ähnlichen Argumenten übrigens wie jetzt vor Kurznachrichten und Smartphones.

Der Avatar in der anderen, der digitalen Welt wird´s schon richten. Ein solches Parallel-Ich muss übrigens ganz und gar nicht schaden. Solange man weiß, wie man es einrichtet. Solange man weiß, wie man damit umgeht. Und solange man die beruhigende Gewissheit hat, auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit Musik hören zu können. Und dass im Schlafzimmer noch die besten Geschichten von Donald Duck warten.

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