Natürlich könnten wir jederzeit auf jedem Kanal mit jedem Menschen kommunizieren, wenn uns gerade danach wäre. Das Dumme ist nur: Nur, weil es geht, muss man doch nicht gleich alle Grundregeln menschlicher Kommunikation über Bord werfen. Wer will sich schon dauernd überfallen oder – noch schlimmer – kontrollieren lassen? Ein paar Sätze gegen die neue digitale Unfreiheit.
Ungefähr das Erste, was ich gemacht habe, als ich noch so etwas Abenteuerliches wie “Outlook” benutzte: Ausschalten der Benachrichtigungsfunktion, ob irgendjemand eine meiner Mails gelesen, nicht gelesen oder – noch besser – ungelesen gelöscht hat (kam übrigens tatsächlich mal vor). Erstens empfand ich das immer als einen eher unangemessenen Eingriff in die Privatsphäre meiner Kollegen, zweitens wusste ich nie, was ich mit der Information jetzt genau anfangen sollte. “Mail gelesen” beispielsweise, sollte ich mir danach eine Eieruhr stellen und den Kollegen nach Ablauf einer Frist darauf hinweisen, noch keine Antwort erhalten zu haben? Und was sollte ich erst mit jemandem machen, der meine Mail ungelesen gelöscht hatte? Die Freundschaft kündigen, eine Abmahnung schicken, nach Feierabend auf dem Parkplatz auflauern?
Nichts von alledem wäre eine Option gewesen – und außerdem war es mir egal. Ich hatte meinen Teil zur Kommunikation beigetragen und wenn das Gegenüber nicht antworten will, soll es doch. Im echten Leben würde ich ihn ja bei einer Unterhaltung auch nicht fragen, ob meine Botschaft bei ihm angekommen ist und ob er mir evtl. bestätigen könne, deren Inhalt auch verstanden zu haben. Außerdem würde ich ihm nicht an die Gurgel gehen, wenn er nicht innerhalb von fünf Minuten antwortet. Umgekehrt habe ich mich auch immer geweigert, diese kleinen, nervenden Bestätigungen und Markierungen zu schicken, die dem Absender einer Mail signalisieren, dass ich seine Botschaft wahrgenommen habe. Dabei wäre ich mir vorgekommen wie bei der Entgegennahme eines Einschreibens (ich gebe aber zu, dass das eine kleine Macke von mir ist, bei mir macht sich im echten Leben auch Widerwille breit, wenn ich dem Postboten den Empfang von irgendwas quittieren soll). Davon abgesehen: Was geht es jetzt den Absender an, was ich mit seiner Mail gerade gemacht habe? Und was sagt ihm diese Bestätigung? Sie gelesen zu haben, bedeutet nicht zwingend, mich gefreut zu haben; könnte ja auch sein, dass ich kurz danach fluchend am Schreibtisch gesessen habe.
Inzwischen muss man den Outlook-Zeiten fast schon wieder hinterhertrauern, man hatte es ja wenigstens noch in der Hand, sich der Digital-Kontrolle mit zwei, drei Häkchen in irgendwelchen Checkboxen auch wieder zu entziehen. Im Zeitalter der Volldigitalisierung und der Echtzeitvernetzung geht nicht mal das mehr. Facebook beispielsweise hat mittlerweile angekündigt, bei Gruppenseiten ein (angeblich nicht auszuschaltendes) Feature zu installieren, das sichtbar macht, welches Gruppenmitglied welchen Beitrag bzw. welche Nachricht bereits gelesen hat. Bei Skype funktioniert schon lange, dass man online sieht, ob der Chatpartner am anderen Ende gerade tippt, ebenso bei Chats mit Facebook oder What´s App. Wann warst du das letzte Mal online, hast du die Nachricht schon gelesen, schreibst du gerade? Ganz egal, was man tut – oder eben vor allem nicht tut: Die kleinen digitalen Teufelchen stellen uns unter eine weitgehend sinnlose Überwachung. Kein Nutzen, außer für diejenigen, die auch Kommunikation in irgendeiner Weise für planbar halten oder sie nach einer To-do-Liste abarbeiten wollen.
Stattdessen: Druck erzeugt Gegendruck. Wer nicht gerade völlig unkommunikativ ist, wird sich in einer kommunikativen Situation, in der der andere jederzeit sehen kann, was gerade passiert, immer verpflichtet sehen, das, was der andere sieht, in irgendeiner Weise zu erklären. Gerade bei den Tools, die einer Kommunikation keinen wirklichen Anfang geben und auch kein richtiges Ende ermöglichen, bei den ständig offenen Fenstern, bei den kleinen Fallenstellern, die signalisieren: Ja, ich bin da. Diese Anwesenheitsnotiz – und mehr ist sie ja zunächst nicht – wird zunehmend verstanden als Einwilligung, jederzeit angesprochen zu werden. Zumindest ein paar ganz simple Fragen sind mir in meinen Facebook- und sonstigen Fenstern zur Welt noch nie gestellt worden:
Kann ich dich kurz mal stören?
Hast du mal einen Moment Zeit?
Passt es bei dir gerade?
Stattdessen: unaufgefordertes Eintreten ohne vorheriges digitales Anklopfen, in der irrigen Annahme, Anwesenheit bedeute auch gleichzeitig so etwas ähnliches wie Gesprächsbereitschaft. Digitale Fenster bewirken also so etwas wie eine Umkehr der kommunikativen Regeln: Nicht der, der den virtuellen Raum des anderen betreten will, fragt wenigstens pro forma nach Genehmigung. Stattdessen müsste man (und dieses Argument liegt Ihnen beim Lesen des Textes vermutlich schon auf der Zunge) eigene Vorkehrungsmaßnahmen treffen: sich entweder erst gar nicht irgendwo einloggen oder aber wie im guten alten Hotel ein “Do-not-disturb”-Schildchen außen vor hängen. Das kann man ja auch machen (werden Sie jetzt womöglich einwenden), es ist nicht schwer und wird auch keineswegs als völlige Unfreundlichkeit wahrgenommen. Was aber bei der vielkanaligen Kommunikation, die man heute leichthin ausübt, ein aufwendiger und nervtötender Akt wäre. Man müsste demnach sich bei Facebook aus dem Chat abmelden, bei Skype und bei Google das “Bitte nicht stören”-Schild raushängen und sich bei What´s App einfach ausloggen.
Zuviel verlangt? Ja, weil es absurd ist. Und weil es unser Leben und unsere Privatheit empfindlich stört. Niemand sollte sich rechtfertigen oder vorher signalisieren müssen, wenn er zwar anwesend ist, aber nicht zwingend für kommunikative Überfälle aller Art zur Verfügung stehen will. Genau das aber zwingen uns solche Tools auf.











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