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Blog: unhipster
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Leben im Hier und Netz

1. August 2012 VON Christian Jakubetz - unhipster
Schrift:
picture alliance

Es ist schon eine ziemliche Tragik mit diesem Internet, darf man all jenen glauben, die sich in schöner Regelmäßigkeit über das Netz echauffieren. Es ist laut dort, chaotisch, unstrukturiert und am besten sollte man das alles mal ordentlich an ein paar reglementierende Leinen nehmen. Doch das wird nicht funktionieren - und das ist auch gut so. Weil wir sonst eine der größten Möglichkeiten für eine neue Gesellschaft mit ein paar kleingeistigen Gesetzen zunichte machen würden. Einziger kleiner Haken daran: der permanente Widerspruch zwischen Ratio und Emotion.

Bei dem einen oder anderen Zeitungsverlag herrscht seit ein paar Jahren Krisenstimmung. Die Geschäfte liefen schon mal besser und das hat nicht mal was mit konjunkturellen Schwankungen zu tun. Es ist vielmehr das Geschäftsmodell, das an seine Grenzen gestoßen ist, man könnte das jetzt hier ausführlich erläutern, was aber nicht wirklich zum Ziel führt. Weil letztendlich nur eines zählt: Eine analoge Welt geht zu Ende. Ebenso wie die analoge Musikwelt zu Ende gegangen ist und die analoge Politikwelt und die analoge Gesellschaft. Deswegen aber würde niemand ernsthaft behaupten, in einer digitalen Gesellschaft der Zukunft würde niemand mehr lesen oder Musik hören wollen. Natürlich will man das. Nur anders, zeitgemäßer - und ja, letztlich auch das: praktischer. Lamentieren lässt sich allenfalls darüber darüber, dass das Buch als Kulturgut und als haptisches Erlebnis ausstirbt. Aber wer unbedingt die hochwertige Ausstattung für das Bücherregal haben will, kann und wird das auch weiterhin tun. Und mal ehrlich: Warum genau sollte man jetzt nochmal einem Taschenbuch nachtrauern oder, noch viel schlimmer, des zu nichts zu gebrauchendem digitalen Kleinmonstrum? Und trotzdem, da sind sich starre Branchenstrukturen viel ähnlicher als man glauben mag, halten sie nach wie vor krampfhaft an den Ideen früherer Tage fest, ganz so, als würde das Internet dann schon mal wieder weggehen. Die einen mehr, die anderen weniger, bei allen aber ist das Unbehagen darüber spürbar, dass die schönen alten Analog-Zeiten vorbei sind.

Das macht zunächst einmal - Angst. Denjenigen, deren florierendes Geschäftsmodell zu Ende geht, als allererstes. Weswegen man sich mit allerhand interessanten rechtlichen Kniffen zu schützen versucht; die alte Welt soll halt bestehen bleiben, irgendwie, selbst dann, wenn man innerlich schon lange ahnt, dass es vorbei ist. Die Musikindustrie hat irrsinnige Prozesse geführt, erst gegen die vermeintlichen bösen Mitbewerber, gegen das Internet als solches und am Ende gegen die eigenen Kunden. Irgendwelche armen kleinen Downloader mussten horrende Strafen bezahlen, weil sie ein paar Lieder im Netz geladen hatten - und die Branche wunderte sich, dass sie am Ende keiner mehr mochte und sie heute noch da steht, dass man das Image eines russischen Inkassounternehmens dagegen beinahe als angenehm bezeichnen möchte. Die Verlage machen es kaum anders, sie klagen gegen die ARD und gegen den Rest der Welt und wollen sich ihre Leistungen im Netz so schützen lassen, wie es kein anderer tut, Leistungsschutzrecht soll sich das nennen und der sperrige Name verrät die ganze Unmöglichkeit des Vorhabens: Schütz uns und unser Geschäftsmodell auch in einer völlig veränderten Welt, dieser Wunsch steckt hinter dem Namen und all den Klagen.

Dabei sind Musikindustrie und Medien gar nicht mal die einzigen, die sich auf eine völlig veränderte Welt einstellen müssen und es natürlich trotzdem nicht tun, der Mensch ist in dieser Disziplin wirklich hoch begabt. Zum Zahnarzt geht er ja meistens auch erst, wenn es dann mal so richtig weh tut. Beschimpft wird am Ende dann auch eher der Zahnarzt oder der Überbringer der schlechten Nachricht oder irgendjemand anderer, Hauptsache, man muss sich nicht eingestehen, selber irgendwas versäumt zu haben. Wir Nutzer jedenfalls, wir sind ja in der Gesamtheit auch nicht sehr viel besser, weil wir uns gelegentlich überfordert fühlen vom rasanten Tempo, in dem Veränderung vor sich geht. Kaum waren wir es gewohnt, den USB-Stick als Krone der technischen Entwicklung zu akzeptieren, landen schon wieder alle Daten in nicht weiter greifbaren Datenwolken. Wenn ich mir meine private Rechner- und Datenarmada ansehe, dann synchronisiert sich gerade immer irgendwer mit irgendjemandem und ich müsste lügen, würde ich behaupten, immer ganz genau zu wissen, wer sich gerade mit wem paart. Das große Problem ist, dass sich Emotion und Ratio diametral gegenüber stehen. Im Grunde sollte das ganze Leben sehr viel einfacher werden, weil wir jetzt alle Daten immer irgendwo herbekommen. Meint zumindest der Verstand. Das Gefühl sagt: Gebt mir meinen Datenstick wieder, da habe ich wenigstens etwas in der Hand.

Das ganze Netz, das ganze digitale Leben geht so. Es würde das Leben einfacher machen und besser, es würde uns mehr Ordnung und mehr Struktur erlauben, mehr Schnelligkeit und mehr Demokratie und mehr Kultur und eigentlich wäre es nüchtern betrachtet der größte Quantensprung der letzten 200 Jahre. Aus der ganzen Wucht dieser Dimension erwächst - Unbehagen. Und deswegen wird geschimpft, auf das das Internet,was praktisch ist, weil sich das Internet nicht gut wehren kann. Im Netz herrschen schlechte Manieren, heißt es. Im Netz könne jeder alles sagen, was er will, im Netz herrsche Chaos, alle reden durcheinander. Sogar die Tatsache, dass wir jetzt jederzeit mit Freunden und auch Nichtfreunden auf der ganzen Welt ständig in Kontakt stehen können, macht uns tendenziell Angst. “Ich will aber nicht mit jedem befreundet sein”, hat mir ein nichtbefreundeter Kollege mal gesagt. “Musst du auch nicht”, habe ich ihm geantwortet und in diesem Moment schon bemerkt, dass es die falsche Antwort war. Der Kollege wollte seine gute, alte Welt behalten, das war alles. Mit sozialen Netzwerken hatte das nichts zu tun.

***

Der New Yorker Professor Clay Shirky hat in einem überaus lesenswerten Interview mit der “Süddeutschen Zeitung” interessante Thesen aufgestellt. Neue Medien und damit verbunden verbesserte Beschleunigung und weitaus hörere Reichweiten haben demnach mittelfristig gesehen schon immer für einen Kuturbruch gesorgt. Für einen veränderten Umgang mit Ideen und Kreation beispielsweise; dafür, dass sich Ideen schneller verbreiten, von mehr Menschen diskutiert und ergänzt und angereichert werden können.

Das aber bedeutet immer auch, dass das vermeintliche Durcheinander größer wird, dass sich möglicherweise der Ton verschärft und möglicherweise auch, dass die Debatten schlichtweg anstrengender werden. Das war schon bei der Erfindung des Buchdrucks so und bei jeder weiteren Evolution eines anderen Massenmediums auch. So oder so sind die Zeiten der Kleinkommunikation und des absolutistischen Wissensanspruchs vorbei. Das mag man anstrengend finden und vielleicht je nach Sichtweise auch bedauern - zu ändern aber ist es nicht mehr, nicht mit Lamento und nicht mit Klagen.

***

Könnte es bei alledem nicht vielleicht auch so sein, dass die neue Welt, die wir zwanghaft zu negieren versuchen, schon lange da ist? Eine Welt, deren grundsätzlicher Charakter die Offenheit, die ständige Verfügbarkeit und eine Transparenz ist, mit der man umzugehen lernen wird müssen: Die Zeit beispielsweise, in der wir Wissen und Kultur in Form von materiellen Gütern horten wollen, geht unweigerlich zu Ende. Schon jetzt können wir jederzeit und an beinahe jedem Ort auf alles zugreifen, was wir uns früher in mühevoller Kleinarbeit zulegen mussten. Wer heute Musik hören will, kann über nahezu jeden beliebigen Streamingdienst auf Millionen Titel zugreifen. Bücher liegen bereits wie selbstverständlich in der Cloud, gebraucht wird nur das jeweilige Lesegerät. Das Internet ist schon jetzt ein Hort für ungefähr alles, man muss nur wissen, wie man damit umgeht. Im Netz ist es, zugegeben, meistens lauter als an anderen Orten der Welt. Ungeordneter, chaotischer, indifferenter. Ist es deswegen, wie man leichthin meinen könnte, ein schlechterer Ort? Einer, den man am besten meidet? Nein, es ist nur ein Ort, an dem man sich bewegen können muss. Und einer, an dem man zulassen muss, dass die alten Regeln nicht mehr gelten. Er kennt keine Öffnungszeiten, wenig bis gar keine Hierachien. Wer einen Onlinezugang hat, der ist dabei.

***

Aber vielleicht sind diese diffusen Ängste ja auch nur eines: zutiefst menschlich. Hirnforscher wissen zwar schon seit langem, dass die Triebfeder des Gehirns die permanente Veränderung ist und dass es in dem Moment, in dem es keine Veränderung mehr gibt, brach liegt. Und gleichzeitig, auch das weiß man, verabscheuen wir nichts so sehr wie den Gedanken, dass nichts so bleibt wie es war. Ein tägliches Dilemma, das es aufzulösen gilt. Nicht nur im Netz.

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2 Kommentare
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"wäre es nüchtern betrachtet

"wäre es nüchtern betrachtet der größte Quantensprung"
Was ein Quantensprung ist, findet sich auch im Netz. Kleiner Tip: Er ist nicht groß, sondern klein. Sehr klein.
"Und deswegen wird geschimpft, auf das das Internet,was praktisch ist"
Ich schimpfe weniger über das Internet als über den wenig pfleglichen Umgang mit Sprache und Bild im Internet. Hierarchie braucht's in der Tat nicht, aber ein paar Korrektoren wäre sehr begrüßenswert.

  • Antworten
JF02.08.2012 | 17:48 Uhr

Sehr schoen!

Sehr schoen!

  • Antworten
Marque02.08.2012 | 17:52 Uhr

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