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Die hingeschluderten Digitalexistenzen

27. Juni 2012 VON Christian Jakubetz - unhipster
Schrift:

Über die Methoden von Facebook, Google und all den anderen wird gerne und ausführlich gejammert. Dabei haben die täglichen kleinen Dreistigkeiten einen einfachen Grund: Mit uns kann man es ja machen, weil wir es nicht besser wissen. Ein Plädoyer für mehr Investition in digitale (Aus-)Bildung.

Seit neustem ist das bei Facebook so: Der Konzern teilt seinen Nutzern eigene Mailadressen zu, ob sie wollen oder nicht. Gemessen an den rund 24 Millionen Menschen, die Facebook angeblich alleine in Deutschland nutzen, muss man diesem „Service“ vermutlich einen eher bescheidenen Erfolg attestieren. Dass in den letzten Monaten eine erstaunlich hohe Zahl an Mail mit der Adresse @facebook.com im täglichen Mailverkehr aufgetaucht wäre, würde wahrscheinlich nicht mal Mark Zuckerberg ernsthaft behaupten wollen. Deswegen macht das soziale Netzwerk das, was es in solchen Situationen immer gerne macht. Es greift zu Veränderungen, die heimlich, still und leise eingeführt werden.

Seit dieser Woche, falls Sie Mitglied sind sehen Sie doch bitte mal eben nach, sind die vom User gewählten Kontaktdaten soweit verändert worden, als dass als Standardadresse jetzt der Nutzername mit der Endung „@facebook.com“ angegeben ist. Und man darf, wieder einmal, davon ausgehen, dass sich die allerwenigsten die Mühe machen werden, diese unfreiwilligen Änderungen wieder rückgängig zu machen. Bisher ist Facebook jedenfalls glänzend mit der Taktik gefahren, Dinge einfach zu verändern und ansonsten sich erst gar nicht die Mühe des Nachfragens zu machen. Oder nur so versteckt und verschwurbelt (und kompliziert), dass es einfach niemand merkt. Als der Konzern unlängst neue Nutzungsbedingungen einführte, gab er sich generös und kündigte an, seine Mitglieder abstimmen zu lassen. Und sich an das Ergebnis sogar gebunden zu fühlen, wenn ein Quorum von 30 Prozent erreicht werde. Zuckerberg und Freunde hatten leicht reden, die Abstimmung wurde derart versteckt und erschwert, dass es ein Wunder gewesen, wenn sich etliche Millionen Mitglieder die Mühe gemacht hätten, sich dorthin vorzuarbeiten, um dann über eine Sache abzustimmen, deren Sinn und Auswirkung für die allermeisten unverständlicher Buchstabensalat ist.

Man könnte vermutlich mühelos darauf wetten, dass auch alle anderen Player im Netz mit so etwas durchkämen. So penibel der Mensch beim Einkaufen im realen Leben Preise vergleicht, sich Ratschläge von Freunde und Expertisen von Fachleuten einholt, so desinteressiert, uninformiert und schludrig geht er mit seiner digitalen Existenz um. Für das, was seine Gegenwart schon massiv und seine Zukunft noch sehr viel stärker beeinflussen wird, begeistert er sich im Regelfall so sehr wie für einen Zahnarztbesuch. Noch nie ist eine neue Technologie auf derart wenig gesundes Misstrauen gestoßen wie das Web (außer natürlich bei den digitalen Totalverweigerern). Oder man müsste man nicht besser sagen: auf so viel Unkenntnis? Es gehört zum Kalkül der großen Konzerne, dass sie weitgehend ungehindert agieren können, weil diese Unkenntnis letztendlich zur digitalen Total-Lethargie führt, die wiederum möglich macht, dass Lethargiker ungefähr alles mit sich machen und froh sind, wenn der ganze Krempel einfach problemlos funktioniert.

Das ist für ein Land wie dieses, das immer irgendwie groß sein will, eine ziemlich erstaunliche wie auch ungute Entwicklung. Digitales Analphabetentum bedeutet ja eben nicht nur, dass sich Millionen Facebook-Nutzer ungewollt und unbemerkt neue Mailadressen und geänderte Nutzungsbedingungen unterjubeln lassen. Es bedeutet, dass in zwei entscheidenden Bereichen des täglichen Lebens weitgehende Ahnungslosigkeit regiert: bei der Mediennutzung und bei nahezu allen digitalen Technologien.

Es wäre einfach, zu einfach, dem Normalnutzer diese seine Unfähigkeit vorzuhalten. Weil Menschen nun mal so sind: Was sich ihnen nicht umgehend erschließt, was kompliziert wirkt und möglicherweise sogar kompliziert ist, legen sie gerne mal zur Seite, nicht jetzt, später vielleicht, ist ja auch nicht so wichtig. Zum Zahnarzt geht man ja auch manchmal erst, wenn es richtig weh, tut, aber doch nicht jetzt, wo doch noch alles geht. Also lässt man diese ganze Sache im Netz in etwa so gepflegt wie ein schlechtes Gebiss und hofft darauf, dass es schon irgendwie gutgehen wird.

Kann man, darf man diesen Zustand tolerieren? Und wenn nein, was tun? Man kann das natürlich nicht zum Zwang machen, dass sich Menschen plötzlich intensiv mit der Digitalisierung beschäftigen. Wohl aber kann man, müsste man dafür sorgen, dass schon in den Schulen damit begonnen wird, den Umgang mit digitalem Leben zu unterrichten. Medienkompetenz zu schulen, die Existenz im Internet zu definieren. Dass es dazu noch nicht einen vernünftigen Ansatz gibt, ist eines der größten Versäumnisse, die es in der Bildungspolitik gibt. Weil es um mehr geht als um die korrekten Einstellungen bei Facebook. Sondern um unsere digitale Zukunft.

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