Als Journalist kommt man gelegentlich in die vertrackte Situation, über Dinge nachdenken zu müssen, über die man sonst gar nicht nachdenken würde; vielleicht, weil das Thema abstrakt ist oder vielleicht auch deswegen, weil man darüber gar nicht nachdenken will. In der letzten Woche beispielsweise war da so was: Plötzlich und quasi aus dem Stegreif heraus sollte ich nachdenken über Liebe im Zeitalter des Netzes. Bei dem Gedanken muss man erst mal lachen, weil die Idee wirklich absurd wirkt. Was soll anders sein an der Liebe im Netz, das könnte die eine Frage sein. Die andere: Gibt es das überhaupt, Liebe, Freundschaft, Beziehungen, so etwas wie Nähe – in einem Netz, das sich insbesondere über Schnelligkeit, Flüchtigkeit und vor allem dann eben doch so etwas wie Distanz definiert?
Die Distanz zu einem anderen ist schließlich ein ganz entscheidender Faktor für das Funktionieren des Netzes. Dort geht es nicht darum, jemand anderen möglichst nahe an sich heranzulassen, es geht vielmehr um das: schnelle und unverbindliche Erreichbarkeit. Die Möglichkeit, einen Kontakt quasi zweckgebunden für eine kurze Zeit aufzusetzen, um ihn dann ohne schlechtes Gewissen wieder zu beenden. Man hat ja schließlich nur dieses eine Ziel. Das kann ein Projekt wie das Guttenplag-Wiki sein, das kann aber ebenso und ohne jede Verbindlichkeit ein gemeinsamer Abend in einem Chat oder für die ganz fortgeschrittenen Nutzer ein gemeinsamer Hangout bei Google sein.
Das Netz erschließt ganze Welten. Weil aber niemand in der Lage ist, in einem kurzen Leben ganze Welten zu erobern (die meisten bringen es ja nicht mal auf ganze Kontinente), bleiben wir maximal mal kurz stehen, war nett hier, vielen Dank, wo ist das nächste Abenteuer, der nächste Kontakt, der nächste Hangout? Im Netz haben wir so viele Facebook-Freunde, dass wir mittelgroße Säle anmieten müssten, wollten wir eine Geburtstagsfeier mit ihnen allen veranstalten. Das geht natürlich nicht - und das braucht es auch gar nicht, weil man ja weiß, dass es ein Euphemismus wäre, würde man all diese Menschen als Freunde bezeichnen. Bei den allermeisten handelt es sich um Begegnungen, die man schon im echten Leben eher als flüchtig bezeichnen würde.
Doch das Netz und seine Techniken, allen voran Algorithmen aller Art, stellen auch anderes an: Sie verändern potenziell unsere Wahrnehmung von Freundschaft und, ja auch das, von Liebe. Das Netz gaukelt uns die Illusion der Berechenbarkeit von Liebe vor, drei, vier wenige Keywords, ein paar matching points – und schon gibt es eine prozentuale Wahrscheinlichkeit von dem, wie gut wie uns mit einem anderen Menschen verstehen, wie hoch womöglich sogar die Chance, dass wir ein ganzes Leben oder wenigstens einen Teil davon mit diesem Menschen verbringen.
Dabei ist das, was Technik im Netz versucht, ein paradoxer Ansatz: Sie versucht den alles entscheidenden Faktor auszublenden, der immer noch das ist, was das ganze Leben ausblendet: den Zufall. Sie versucht ihn auszublenden, weil er jede Berechnung, jeden Algorithmus ad absurdum führt, weil Zufälle einfach nicht verlässlich in Formeln gegossen werden können. Der Zufall ist es, der Menschen zusammen bringt, leider bringt er sie manchmal auch wieder auseinander. Einer Begegnung zweier Menschen den Zufall nehmen zu wollen, hieße auch, ihr jeden Zauber zu nehmen. Den Zauber, den entsteht, wenn man – zufällig – Gemeinsamkeiten entdeckt, wenn man feststellt, in mancher Hinsicht ähnlich zu ticken, vielleicht sogar sich zufällig über den Weg gelaufen zu sein, ohne es zu wissen.
Matching Points und Facebook-Algorithmen wollen die Begegnung planbar machen, ein Vorgehen und ein Kennenlernen nach Plan, eine Checkliste, die man schon abhaken kann, ehe man sich überhaupt kennt. Du magst Literatur, Theater, Musik, hältst dich für gebildet und magst keine Männer unter 1,80? Passt alles, lassen wir diesen Punkt hinter uns, Liebe für Menschen, die keine Zeit haben, dem Zufall misstrauen oder ein ganzes Leben minutiös planen wollen.
Und schließlich verliert sich durch den großen Netzplan noch anderes: Der Gegensatz, der so viele Begegnungen erst zur Begegnung macht. Das, was aus Sicht der Technik Freundschaft und Liebe ausschließen, macht sie in Wirklichkeit erst möglich. Weil es langweilig, einschläfernd, uninspierend, tödlcih ist, immer der gleichen Meinung zu sein, die gleichen Dinge zu mögen, das gleiche zu tun.
Misstrau also dem matching point! Wenn das Leben aufhört, Zufall zu sein, ist es kein Zufall mehr. Daran wird auch das Netz nichts ändern, nicht jetzt, nicht in Zukunft.











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