Wenn es um die Zukunft von Facebook geht, dann redet alle Welt momentan vom Börsengang des Unternehmens. Dabei hat das Netzwerk ein ganz anderes Problem als seine Bewertung an den Märkten. Es leidet am Microsoft-Syndrom
Ich habe mit Ökonomie nicht sehr viel am Hut. Weswegen ich bei der Diskussion darüber, ob Facebook bei seinem Börsengang überbewertet ist oder ob es sich nicht gar um den Beginn einer neuen Blase handelt, nicht wirklich gut mitreden kann (und will). Trotzdem würde ich die Finger von Facebook lassen. Nicht, weil ich mich plötzlich doch mit Aktien auskennen würde. Sondern weil Facebook ein anderes, viel tiefgreifenderes Problem hat: Man mag es nicht.
Wie bitte? 901 Millionen Menschen würden den Netzwerkriesen doch “liken”, trötete der “Spiegel” in der vergangenen Woche vom Titelbild. Und tatsächlich trifft sich buchstäblich die halbe Netzmenscheit inzwischen dort, zumindest, wenn man die reinen Zahlen zum Maßstab nimmt. Demnach ist Facebook tatsächlich einer der erstaunlichsten Phänomen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Doch Facebook hat ein anderes Problem -- nennen wir es mal: das Microsoft-Syndrom. Jeder nutzt es, wenige mögen es und noch sehr viel weniger würden ernsthaft behaupten, Fans zu sein. Facebook ist ein Gebrauchsgegenstand, aus der Sicht des Durchschnittsnutzers unverzichtbar. So wie der Durchschnittsnutzer auch meint, man könne nur mit Windows an einem Computer arbeiten und so wie er auch ein Bankkonto hat, weil man es eben haben muss. Deswegen kommt aber niemand auf die Idee, seine Bank ernsthaft zu mögen oder begeistert zu sein, wenn auf einem Produkt “Microsoft” steht. Beide, Banken und Microsoft, stehen spezifisch für dieses Syndrom: Es mag ein Vorteil sein, wenn man quasi unentbehrlich ist und somit vollautomatisch ohne irgendeine wirkliche Leistung immer wieder neue Kunden zugeschustert bekommt. Es wird allerdings in dem Moment problematisch, wenn jemand auftaucht, der echte Leistung erbringt. Und, noch schlimmer: Wenn derjenige nicht einfach Kunden hat, sondern Fans. Man schmunzelt ja viel und gerne über den Kult, den die Gemeinde um Apple macht, aber das ist eben der Unterschied: Apple-Nutzer sind nicht einfach Kunden, sie sind im Regelfall Fans. Mit Microsoft verbinden dessen Nutzer hingegen Fehlermeldungen.
Dieses Microsoft-Syndrom hat Facebook in vollem Umfang ebenfalls erwischt. Man ist bei Facebook, weil alle anderen auch da sind. Weil es eben dazu gehört und weil es ähnlich wie bei “Windows” kompatibel ist. Natürlich hat man mit Facebook die größte Reichweite und die besten Chancen, mit Freunden und auch Nicht-Freunden zu kommunizieren. Aber dahinter verbirgt sich dennoch ein ungutes Gefühl; die leise Ahnung, es mit einer Datenkrake zu tun zu haben. Mit einem Unternehmen, dem man nur sehr bedingt trauen kann, mit einem Unternehmen, das sich mal eben im Verborgenen die Nutzungsbedingungen zum eigenen Vorteil ändert. Oder Daten in Mengen und über Zeiträume hinweg speichert, dass ein ganzes Leben detailliert protokolliert auf den Servern abrufbar liegt. Was Zuckerberg als einen Dienst an die Menschheit wähnt, führt in Wirklichkeit zu einem Gefühl, dass Orwell möglicherweise doch nicht einfach nur phantasiert hat. Man muss ja deswegen nicht gleich glauben, dass Google es wirklich sehr ernst meint mit seinem Vorsatz, nicht evil sein zu wollen. Aber Facebook formuliert ja nicht mal den Willen dazu.
Facebook erweckt immer wieder den Eindruck, seine Nutzer zu etwas zwingen zu wollen, auch das hat man mit Microsoft gemein. Eine neue Timeline wird nicht als neue Alternative angeboten, als irgend etwas Nutzbringendes. Nein, Facebook macht die Timeline kurzerhand zur Pflicht, ob man mag oder nicht. Das erinnert an die dauernden kritischen Updates oder an den Explorer-Zwang, den Microsoft einstmals durchdrücken wollte. Das Ende ist bekannt, der IE verliert zunehmend an Marktanteilen. Nicht mal mehr, als Microsoft spürbare Verbesserungen am Explorer und an anderen Produkten vornahm, wollte das lange Zeit gegängelte Publikum die Dinge noch. Im mobilen Markt hat Microsoft inzwischen keine zwei Zehen auf den Boden gebracht. Überall da, wo Menschen die Wahl haben, verlassen sie den, der sie vorher genötigt hat. Das wird Facebook ähnlich ergehen, zumal angesichts dessen, dass das Netzwerk schon jetzt alle Anzeichen eines gefährlich träge gewordenen Riesen und Beinahe-Monopolisten aufweist. Facebook steht nicht mehr für modern, sondern für Masse. Nicht für i like, sondern für i have to.
Und wer das für unvorstellbar hält, der schaue doch mal eben nach, wie es My Space, Second Life und Studi VZ inzwischen geht.











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