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Sind wir dabei unsere Freiheit im Netz zu verlieren?

6. Mai 2012 VON Christian Jakubetz - unhipster
Schrift:

Die großen Konzerne im Netz machen uns zu Sklaven und wir machen auch noch willfährig mit. Eine Theorie, die zum Auftakt der Re:publica in Berlin in die Diskussion gekommen ist. Dabei machen wir uns gar nicht zum Sklaven, sondern im Gegenteil: Veranstaltungen wie die Re:publica sind der beste Beleg dafür, dass skeptisch-digitale Gegenkulturen schon lange Alltag sind

(Foto: Christian Jakubetz)
Kopflos im Netz?

In den USA haben sich Gehirnforscher vor einigen Jahren Gedanken über den Umgang des Menschen mit Geld gemacht. Herausgekommen ist, dass man es --höflich ausgedrückt-- wenigstens als irrational bezeichnen müsste. Von Logik ist es auf gar keinen Fall geprägt. Was sich beispielsweise dadurch belegen lässt, dass der Begriff “kostenlos” im menschlichen Hirn ungeahnte Dinge auslöst. Er schaltet zumeist auch den letzten Überreste von klarem Denken aus. Deswegen prangt auf alles möglichen Konsumgegenständen irgendwas mit “gratis” und die Menschen freuen sich, weil sie etwas bekommen, ohne dafür zu bezahlen.  Dass es im Leben selten etwas gibt, was nicht irgendeinen Preis hätte, wird dabei gerne vollständig ausgeblendet.

Im Netz ist das nicht anders. Und nicht nur das: Diese Idee hat komplette Geschäftsmodelle begründet, es hat Weltkonzernen einen unfassbar schnellen und steilen Aufstieg verschafft. Facebook oder Google oder wie sie alle heißen, die uns kostenlose Dienste anbieten. Wir bekommen komplexe Netzwerke, um uns mit Freunden aus der ganzen Welt verdrahten zu können und wir erhalten nicht nur Suchergebnisse, sondern zudem hochwertige Office-Software und einen Webmaildienst und neuerdings auch noch jede Menge Speicherplatz in der Cloud, 5 Gigabyte sind es, alles natürlich: kostenlos. Natürlich will Google demnach nur unser Bestes und das Internet zu einem schöneren und bequemeren Ort machen. Und sogar Mark Zuckerberg verschwafelt sich zu der kruden Behauptung, in erster Linie ginge es um Begegnung und Kommunikation der Menschen im Netz. Die bisher verdienten Milliarden sind da bestenfalls ein angenehmer Nebeneffekt.

Eben Moglan von der Columbia University in den USA hat bei der re:publica in Berlin einen Eröffnungsvortrag gehalten, der nicht nur für Netzenthusiasten einen erstaunlich düsteren Grundton hat. Wir seien, sagt Moglan, gerade dabei, unsere Freiheit im Netz komplett wieder zu verlieren. Nicht nur, weil wir unsere Daten und alles andere, was unser Leben für industrielle Zwecke so wertvoll und verwertbar macht, freiwillig rausrücken und das zudem in nie gekannten Mengen. Sondern auch, weil das Netz einen Geburtsfehler hat. Den der Nicht-Anonymität. Den der stetigen Nachverfolgbarkeit jedes einzelnen Nutzers. Moglens Gedankengang: Die Möglichkeit, sich jederzeit anonym informieren zu können, sei seit jeher eine der Grundvoraussetzungen der Freiheit gewesen. Anonyme Information, so sagt Moglen weiter, sei im Netz aber nicht mehr möglich, weswegen wir uns letztlich selbst versklaven würden. Was für ein absurder Gedanke: Da hätte man es mal mit einem Medium zu tun, dass so viel freie Information garantieren könnte wie es nie zuvor möglich gewesen wäre. Und dann liefern wir uns selbst aus, an Facebook, an Amazon, an Apple und Google.

Das ist erst einmal nicht von der Hand zu weisen. Wer würde bestreiten, dass die Großen des Netzes schon jetzt eine Macht inne haben, die ungesund ist? Unübersehbar ist natürlich, dass beispielsweise eine Krake wie Facebook kaum reflektiert wird, zumal nicht in Deutschland. Was insofern erstaunlich ist, weil wir Deutschen an sich dazu neigen, Preise zu vergleichen, Hotlines anzurufen und ganz im Sinne einer Verdi-Republik tatsächlich nur das zu tun, was uns zu unserem eigenen Vorteil gereicht. Wenn ein Supermarkt in einem Beutel Tomaten eine angefaulte hat, darf er sich unserer Beschwerde sicher sein; wenn er Pech hat, landet er sogar in einem Shitstürmchen, egal ob analog oder digital. Wenn dagegen Facebook zum xten Mal seine Datenschutzbedingungen ändert, wenn die Krake noch krakiger wird, dann nehmen wir das kaum zur Kenntnis, Hauptsache, wir haben weiter unser Netzwerk, unsere Suchmaschine, unser Apple.

Reichlich Gründe also für düstere Prognosen?  Die Frage lässt sich nicht zwingend im Kontext mit dem Internet oder den sozialen Netzwerken beantworten. Die Frage ist vielmehr die nach dem Bild, das man sich vom Menschen und seiner Welt so macht. Geht man von einer Herde willenloser Netzschafe aus, die alles mit sich machen lässt, so lange es irgendwas kostenlos gibt, hätte Moglen vordergründig betrachtet recht. Was er dabei übersieht:  Würde man so denken, würde man gleichzeitig voraussetzen, dass einstmals freie Menschen sich versklaven lassen. Gegen ihren Willen, gegen ihre Überzeugung. Was bitter wäre, nur: Ist jemand, der zwar im Supermarkt faule Tomaten reklamiert, sich aber nicht die geringsten Sorgen macht, wenn er im Netz den öffentlichen Raum betritt, überhaupt jemand, dem man seinen freien Willen noch nehmen kann? Oder existiert vielmehr der freie Wille in einer müden Herde gar nicht mehr, weswegen eine Versklavung nicht erst durch das Netz stattfindet, sondern schon lange vorher stattgefunden hat oder vielleicht gar nicht mehr stattfinden muss, weil der Mensch eben als solcher auf die Welt kommt? Macht also der unfreie Mensch im unfreien Netz auch nichts anderes als das, was er schon immer getan hat: unfrei sein?

Und nein, es ist nicht so, dass der digital native sich versklaven lassen müsste. Es gibt keine Zwangsläufigkeit in diesem Konstrukt. Es gibt genügend Möglichkeiten, sich seine Freiheit zu bewahren. Sie sind nicht einmal sonderlich schwierig zu realisieren.  Niemand, der seine Freiheit liebt, lässt sich ausspioneren oder zum willfährigen Werkzeug machen. Im Gegenteil: Das Bewusstsein für aufgeklärten Nutzer, dass für alles ein Preis zu bezahlen ist, dass manche trotz aller gegenteiligen Beteuerungen dann doch wenigstens ein bisschen evil sind, dass eine digitale Gesellschaft neben allen Groß- und Konzernstrukturen eben auch digitale zivilgesellschaftliche Ideen, den Diskurs, die Unabhängigkeit, die Weiterentwicklung braucht, ist vorhanden. Übrigens auch und gerade bei der Re:publica. Gäbe es sie nicht, gäbe es auch nicht die Freigeister, die das Netz eben nicht Google und Facebook überlassen wollen.

Und gäbe es sie nicht, hätte Moglan seine durchaus pessimistischen Prognosen nicht vortragen können, hätte sie niemand im Netz reflektiert. Dass es anders ist, dürfte das stärkste Argument gegen seine Versklavungstheorie sein.

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