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Blog: unhipster
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Das Netz gehört in die Mitte der Gesellschaft

9. April 2012 VON Christian Jakubetz - unhipster
Schrift:
Christian Jakubetz
So wurden mal Texte geschrieben. Und das ist gerade mal 20 Jahre her.

Die analoge Contentindustrie benimmt sich wie die Automobilkonzerne vor 20 Jahren: Mit Horroszenarien versucht sie, den digitalen Wandel schlichtweg aufzuhalten. Das geht nur noch so lange gut, bis die Netzthemen ihren Weg in die gesellschaftliche Mitte gefunden haben. Also: nicht mehr allzu lang.

Die Grünen waren schon lange eine etablierte Partei, als sie sich mit ein paar Meinungen auseinandersetzen mussten, die über sie im Umlauf waren: Die Grünen wollen Fernreisen verbieten! Die Grünen wollen 5 Mark für den Liter Benzin! Die Grünen, um es zusammenzufassen, waren in der damaligen verbreiteten Vorstellung eine Ansammlung von Menschen, die es zwar irgendwie gut meinen (heute würde man sagen: Gutmenschen), deren Vorstellungen und Ideen in der Praxis aber natürlich nicht realisierbar seien. Man sprach der Partei damals, welch wunderbar perfides Wort, die “Regierungsfähigkeit” ab. So kann man es natürlich auch nennen, wenn man einen anderen nicht gleich als Spinner bezeichnen will. Kurz gesagtes und simples Credo, das zum Thema Grüne noch in den 90ern herrschte: Wenn die mal an die Regierung kämen, es wäre aus und vorbei mit dem Lande D (es hat sich dann später herausgestellt, dass Deutschland sogar eine Regierungsbeteiligung der Grünen übersteht).

Die “Piraten” sind momentan von dem Zustand einer etablierten Partei noch relativ weit entfernt, eher erinnern die momentan lustvoll-hysterischen Umfragen (“Piraten jetzt schon bei 12 Prozent!”) an all jene Hypes, die alle paar Jahre mal durch die Nachrichtenlandschaft geistern, sogar mit der nichtexistenten “Horst-Schlämmer-Partei” ließ sich ja mal unter Auslassung einiger journalistischer und wissenschaftlicher Prinzipien die Schlagzeile kreieren, sie würde es auf 18 Prozent der Stimmen bringen, wenn es sie denn nur gäbe. Die so gehypten und in bisher genau zwei Landesparlamenten vertretenen Piraten weisen trotzdem ganz erhebliche Parallelen zu den Grünen der 90er auf, zumindest was ihre öffentliche Wahrnehmung angeht. Das Netz ist die neue Umwelt, wenn man es von der Bedeutung her betrachtet, die das Thema aktuell einnimmt. Es gibt, gemessen an der Gesamtbevölkerung, ein paar Avantgardisten, die dem Thema allerhöchste Bedeutung zumessen, ähnlich wie damals die ersten Öko-Aktivisten. Die breite Masse interessiert sich für das Netz als politisches und gesellschaftliches Thema nicht sonderlich, man könnte auch sagen: überhaupt nicht, so lange man damit weiter hübsche Mails schreiben und online banken kann. Es gibt so eine latente Ahnung, dass das Netz-Thema mal so richtig werden könnte, weil man ja irgendwie bei allem Desinteresse an Netzpolitik wahrnimmt, wie sehr dieses www unser tägliches Leben beeinflusst und verändert. So wie man in den 90ern mal diese Ahnung hatte, dass es vielleicht gar nicht schlecht wäre, sich ein paar Gedanken zur Ökologie zu machen, wenn man sich umsah und ständig wachsenden Verkehr, wuchernde Städte und tote Bäume sah, so gibt es heute auch bei eher netzfernem Publikum wenigstens die Idee, dass sich was ändern wird durch dieses Netz. Schon alleine deswegen, weil sich schon so rasend viel verändert hat. Welche Konsequenzen man daraus zieht, bleibt allerdings offen. Weil das Thema wenigstens so komplex ist wie das Ökozeugs aus den 90ern. Und weil es genauso wenig drängend ist wie die Ökologie seinerzeit. Natürlich wusste man, dass Erdöl zur Neige geht, damals schon. Aber wann hätte das sein sollen? Zweitausendirgendwannmal? Und darüber hätte man sich 50 Jahre vorher Gedanken machen sollen?

Das ist vermutlich erst mal nur ein menschlicher Reflex. Hat ja Zeit. Ist kaum vorstellbar, zu abstrakt, zu theoretisch, zu wenig relevant für die eigene Lebenswelt. So wie das jetzt mit dem Netz und mit dem Urheberrecht und dem Datenschutz und all dem anderen Kram ist, der aktuell diskutiert wird. Verständlich zudem:  Welcher durchschnittliche Netznutzer hat sich bisher Gedanken darüber gemacht, wie das ist mit den Urhebern und den Verwertern und wer für was Geld bekommt (und warum sollte er das auch tun)? Relevanter wird das Thema digitaler Wandel dann vielleicht mal, wenn tatsächlich Facebook das ganze Netz dominiert oder die eigene Zeitung vor Ort plötzlich dicht macht. Aber bis dahin? Erst mal Desinteresse.

***

Das ist, dummerweise, auch der ideale Nährboden für Verkürzungen, für Verfälschungen. So wie die Grünen sich zuvor der landläufigen Meinung ausgesetzt waren, sie wollten Urlaubsreisen und Autofahren und alles, was Spaß macht, verbieten, stehen heute die “Piraten” auf der politischen und die “Netzgemeinde” (die es ja gar nicht gibt) auf der gesellschaftlichen Seite plötzlich vor der durchaus gängigen Meinung, sie wollten eigentlich nur eines: dass es im Netz alles umsonst gibt, dass jeder den anderen beklauen darf, dass geistiges Eigentum und Urheberrechte abgeschafft werden, eine ziemlich üble Mischung also aus Netzsozialismus, Netzutopien und einer Naivität, die eine funktionierende Gesellschaft an den Rand des Abgrund bringen wird. Das ist vermutlich ein Phänomen, das immer dann auftritt, wenn eine gesellschaftliche Avantgarde (man nennt sie in diesem Fall “Netzgemeide”) auf eine breite Masse trifft. Es ist immer einfach, die Avantgardisten zu Spinnern zu erklären, man muss dazu nur die Ideen der Avantgardisten auf eine möglichst simple wie negative Formel reduzieren und zum anderen auf die Uninformiertheit und das Desinteresse der Masse setzen.

Das klappt nur leider nicht immer. Selbst die Autoindustrie findet es ja inzwischen ausgesprochen chic, umweltorientiert zu sein. Elektroantrieb, 3-Liter-Autos und irgendwie alles nachhaltig, wenn man die Konzerne heute so reden hört, sie könnten sich alle um einen Petra-Kelly-Gedächtnispreis bewerben. Die Idee, dass es nicht immer einfach so weitergehen könnte, ist inzwischen bei jedem angekommen, er muss ja nur mal einmal tanken fahren, wenn er sich ein Bild davon machen will, ob das mit den zur Neige gehenden Ölvorräten richtig sein könnte. Das Wutbürgertum ist inzwischen in den Doppelhaushälften der Republik angekommen, seinen Ursprung haben nicht wenige der heutigen Wutbürger in den Grünen der 90er. Die Spinner von damals stehen in der gesellschaftlichen Mitte von heute. Nicht unbedingt, weil sich am Ende dann doch eher die Realos durchgesetzt haben. Die grünen Kernthemen sind heute vielmehr von hoher Relevanz, aus der Utopie von damals ist Gegenwart geworden.

Die Sache mit dem Netz wird nicht anders laufen. Das Netz gehört in die Mitte der Gesellschaft und alle Themen, die mit ihm zu tun haben, ebenfalls. Bis dahin wird es noch ein langer Weg sein und es wird dazu gehören, über die Netzthemen anders zu debattieren als wie wir das heute tun. Momentan sind die Kampagnenmacher der analogen Welt das, was vor 20 Jahren die Autoindustrie war. Lordsiegelbewahrer eines status quo, die eine konstruktive Debatte verweigern und stattdessen unter gnädiger Mithilfe von Horrorszenarien und ohne das eigene Entwickeln von Alternativen den Untergang heraufbeschwören: Wenn die (bitte setzen sie hier ein: Grünen/Piraten/Netzgemeindisten) mal das Sagen haben, gehen hier alle Lichter aus. Im Falle des Netzes bedeutet das, dass niemand mehr von seines Kopfes Arbeit mehr leben wird können, eine Art neohippieartiger Kommune im Netz freie Liebe und freie Kultur und freies Bestehlen von allen das Sagen hat und früher alles besser gewesen wäre.

***
Apple hat mit iTunes der Musikindustrie gezeigt, dass sie mit dem Beharren auf kopiergeschützte CDs nicht weiterkommt. In den USA beweisen immer mehr Autoren, dass sie die Verwertermaschinen bisheriger Art nicht brauchen, wenn wenn es E-Book-Reader und Amazon gibt.

Und der Literpreis für Benzin ist von den einstmals verhöhnten 5 Mark auch nicht mehr so rasend weit weg.

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Bereits angekommen.

Kleine Korrektur vorne weg: Nicht Apple, sondern Amazon hat der Content-Industrie gezeigt, dass das Beharren auf Kopierschutz digitaler Selbstmord ist. Apple hat nur unter Druck nachgezogen. So wie Apple überhaupt stets erst unter Druck anfängt sich um die Welt außerhalb von Apple zu interessieren.

Was das ankommen des Netzes in der Mitte der Gesellschaft angeht: Ja. Richtig. Das sehe ich auch so. Umweltpolitik ist heute ein politische Kernthema und so wird es Netzpolitik schon in wenigen Jahren auch sein.

Angekommen in der Mitte der Gesellschaft, ist das Netz längst. Eine Fahrt mit der Berliner Ubahn reicht völlig, um das zu erkennen. Jeder vierte schaut in ein Smartphone und in jedem zweiten belauschbaren Gespräch fällt das Wort "Facebook". Echt wahr!

Höchste Zeit sich aus dem Netz zurückzuziehen.

  • Antworten
benjamin10.04.2012 | 18:08 Uhr

Zurückziehen - um es dann wem

Zurückziehen - um es dann wem bitte sehr zu überlassen ;-)?

  • Antworten
Christian Jakubetz11.04.2012 | 17:06 Uhr

Da findet sich schon wer

Da findet sich schon sehr. Marc Zuckerberg, Frank Schirrmacher, Susanne Gaschke, Christian Pfeiffer (von dem hat man überhaupt lange nichts gehört, der wird sich doch nicht schon zurückgezogen haben), Gravenreuth, ach nee, der ist ja schon tot.

Ich glaube, die wären ganz froh, wenn Sie das Internet für sich alleine hätten. Mel ehrlich und unter uns: Wozu braucht man das denn eigentlich wirklich? Ok. Ich für meinen Teil zum Geld verdienen. Aber da findet sich dann schon was anderes …

  • Antworten
benjamin12.04.2012 | 09:46 Uhr

Nicht verdrehen

"In den USA beweisen immer mehr Autoren, dass sie die Verwertermaschinen bisheriger Art nicht brauchen, wenn wenn es E-Book-Reader und Amazon gibt." Sehr richtig. Bloß sind auch diese Erfolge nur möglich, weil die Texte urheberrechtlich geschützt sind. Es ist eben nicht so, dass die Gesetzgebung nur Verwerter schützt, das zeigt sich gerade in den neueren Entwicklungen.

  • Antworten
Boris11.04.2012 | 10:17 Uhr

D´accord. Und bitte nicht

D´accord. Und bitte nicht falsch verstehen. Ich spreche mich keineswegs für eine Abschaffung des Urheberrechts aus. Wenn man übrigens beispielsweise die Forderungen der Piraten liest, stellt man schnell fest, dass die es in dieser Absolutheit auch nicht tun.

  • Antworten
Christian Jakubetz11.04.2012 | 17:04 Uhr

"The Medium is the Message"?

Vielleicht ist es auch hilfreich, die Situation deutlicher in´s Auge zu fassen, indem man Entwicklung auf bestimmte technologische Grundlagen bezieht. Verkehr allgemein und speziell der Individualverkehr, galt einmal als Stadt gestaltende Größe (Ökonomie). So wie bestimmte Verkehrsmittel in der Moderne allgemein als Metaphern für Fortschritt und Zukunftshoffnungen galten. Es war eine Rezeption US-amerikanischer Sicht. Heute wird Verkehr als notwendiges Übel betrachtet, nicht mehr als technische Voraussetzung für Stadtfunktion. Die Menschen schimpfen gegen das Auto und fahren damit (auch weil sie müssen). Flexibel im Verkehr, als System betrachtet, ist nun einmal der Individualverkehr, mit der bedeutungsvollen Einschränkung, dass er Straßen braucht. Zeitgleich auf dem Weg zum heutigen Stand der Nachrichtenübermittlung, hat eine Entwicklung eingesetzt mit oft verblüffenden Entdeckungen.
Von immer neuen Erfolgssprüngen in der Informations- und Kommunikationstechnologie war die Rede. Eine wichtige Station war die sogenannte Datenautobahn. Breitbandige „Informations-Highways“. Auf diesen Autobahnen können „Fahrzeuge“, vom Fahrrad über den LKW bis zum Formel-1-Rennwagen, gleichzeitig genutzt werden, ohne dass es dabei zu Chaos, Staus und Zusammenstößen kommt. Die technischen Voraussetzungen waren neuartige Vermittlungs- und Übertragungstechnologien. Dann wurde es mobil. Selbst mobile Kommunikation über All war jetzt möglich. Satelliten wurden auf die Umlaufbahn geschickt, um auch in den entlegensten Gegenden der Erde erreichbar zu sein. Aus den einzelnen Informations- und Kommunikationstechniken ist ein weltumspannendes Telekommunikationsnetz entstanden. Immer schnellere und umfassende Übertragungsmöglichkeiten haben unser Kommunikationsverhalten verändert. Immer neue Anwendungsmöglichkeiten entstanden, die die Voraussetzung für die Medientechnik des 21. Jahrhunderts bildeten. „Multimedia“ und „Virtuellen Realitäten“ sind nur zwei Schlagworte. Alle diese neuen technischen Standards haben nichts mehr mit den einstigen Pionieren zu tun, die wie Maxwell oder Heinrich Hertz die Existenz von elektromagnetischen Schwingungen entdeckten und nachwiesen, sondern wurden von multinationalen Konzernen entwickelt. Technischer Fortschritt lässt sich in diesem Bereich immer seltener als Werk genialer Einzelgänger beschreiben, sondern sie werden in Entwicklungslaboratorien der Weltunternehmen oder in Denkfabriken geschaffen. Infolge dieser Entwicklungen kam es auch zu zahlreichen Veränderungen innerhalb der Medienproduktion. Nachrichtenagenturen waren der Schrittmacher, die unter dem Druck des immer schnelleren Beschaffens von Informationsmaterial gezwungen waren, stets neue Technologien einzusetzen. „The Medium is the Message.“ Diese berühmte Formel aus den siebziger Jahren (aus „Understanding Media“ dt. „Die magischen Kanäle“) von Marshall McLuhan wurde zur These. Das Medium als Faktor im kulturellen Wandel. Und kaum eine Formel ist so vielfältig gedeutet worden, weil „medium“ und „message“ (dt. Botschaft) so vieldeutige Begriffe sind. Heute liegt der Akzent in der Telekommunikation auf „Netz“ oder „Vernetzung“. Siehe das kommerzielle Geschäftsmodell von Facebook. Von einem zweckfreien Modell kann nicht gesprochen werden. Was so optimistisch als „eine neue (technologische) Kultur“ begann, wurde zur Massenkultur, die in Wahrheit eine Kultur zum Zwecke der Unterhaltung der Massen ist.

  • Antworten
bernhard jasper11.04.2012 | 11:00 Uhr

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