Nach den Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit werden aufgrund des demografischen Wandels bis zum Jahr 2025 rund 6,5 Millionen weniger erwerbsfähige Personen zur Verfügung stehen als heute. Um diese Lücke zu schließen, braucht die Wirtschaft nicht nur eine höhere Zuwanderung aus dem Ausland, sondern auch eine bessere Ausschöpfung des bestehenden Fachkräftepotenzials in Deutschland. Das heißt, wir müssen mehr Menschen in Deutschland besser ausbilden und sie in qualifiziertere Beschäftigungsverhältnisse bringen. Eine der größten Hürden dabei ist, dass in Deutschland der Erfolg eines Menschen in Schule, Ausbildung und Beruf besonders stark von seiner sozialen Herkunft abhängt. Die Menschen starten ihren Lebensweg also mit sehr ungleich verteilten Chancen, und das Bildungssystem allein schafft es offensichtlich nicht, diese auszugleichen. Die öffentliche Debatte um dieses Problem konzentriert sich bisher jedoch vor allem auf die Politik. Dabei könnte und sollte auch die Wirtschaft einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Bildungs- und Aufstiegschancen der Menschen in Deutschland aktiv zu fördern, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen und zugleich die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten der Unternehmen zu verbessern.
Deshalb haben die stiftung neue verantwortung und die Vodafone Stiftung Deutschland in Kooperation mit dem „Handelsblatt“ zu diesem Thema eine Onlineumfrage durchgeführt, an der rund 600 Personen aus Unternehmen aller Branchen, Größen und Regionen in Deutschland teilgenommen haben. Es handelt sich dabei nicht um eine wissenschaftliche Untersuchung, die ein repräsentatives Bild der gesamten deutschen Wirtschaft zeichnen kann, sondern vielmehr um eine Pilotstudie, um einen ersten Überblick über aktuelle Einstellungen und Aktivitäten zur Förderung der Bildungs- und Aufstiegschancen durch Unternehmen zu gewinnen. Der Überblick bezieht sich auf drei relevante Phasen im Lebensverlauf eines Menschen:
Erstens vor dem Berufseinstieg: Laut dem Berufsbildungsbericht 2012 konnten zuletzt fast 300 000 Schulabgänger keine Lehrstelle finden, sondern kamen in den staatlich geförderten Übergangsbereich (die meisten von ihnen hatten einen Haupt- oder Realschulabschluss) – zusätzlich zu den über 170 000 sogenannten Altbewerbern. Im Jahr 2012 ist die Zahl der unversorgten Bewerber im Vergleich zum Vorjahr sogar um 38,2 Prozent angestiegen. Zugleich beklagen jedoch viele Unternehmen, dass sie ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen können und benennen, so die große DIHK-Unternehmensbefragung „Ausbildung 2012“, als größtes Ausbildungshemmnis die „mangelnde Ausbildungsreife“, gefolgt von den „unklaren Berufsvorstellungen vieler Schulabgänger“. Unternehmen können indes direkt auf die Haupt- bzw. Sekundar- und Realschulen zugehen, um die Schüler bereits während der Schulzeit auf den Beruf vorzubereiten, beispielsweise durch Berufsorientierung, Praktikumsangebote und Mentoren-Programme. Hierzu gibt es ja bereits eine Reihe von sehr engagierten Projekten aus der Unternehmenswelt. Die hier vorliegende Umfrage legt jedoch die Vermutung nahe, dass diese Projekte bisher eher die Ausnahme als die Regel sind: Zwei Drittel der Befragten schätzen das Engagement ihres Unternehmens an Haupt- und Realschulen als „geringfügig“ oder „gar nicht“ vorhanden ein.
Zweitens am Übergang in den Beruf: Laut dem Bildungsbericht 2012 verlassen mehr als 6 Prozent aller Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. Aber auch diejenigen, die einen Haupt- oder Mittleren Schulabschluss vorweisen können, haben es immer schwerer, überhaupt eine Lehrstelle zu finden, denn – so eine aktuelle Untersuchung des Zentrums für Europäische Sozialforschung an der Universität Mannheim – in vielen Ausbildungsberufen wird das Abitur zur Standardvoraussetzung. Unternehmen halten Jugendliche, die auf der Hauptschule waren oder gar keinen Schulabschluss haben, überwiegend für verhältnismäßig schlecht qualifiziert und unmotiviert, so eine repräsentative Umfrage unter deutschen Unternehmen, die das Institut der deutschen Wirtschaft Köln im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durchgeführt hat. Dagegen, so die Studie weiter, beurteilen Unternehmen, die bereits Erfahrungen mit solchen Jugendlichen gemacht haben, diese Jugendlichen deutlich positiver. Für Unternehmen sind Abschlüsse und Zeugnisse also zwar sicher ein wichtiges und richtiges Entscheidungskriterium bei der Personalauswahl, aber Unternehmen können eben auch vielen Menschen den Berufseinstieg (und somit den sozialen Aufstieg) erleichtern und sich selbst zugleich einen möglichst großen Zustrom neuer Arbeitskräfte offenhalten, wenn sie nicht zu strikt auf Bildungszertifikate fokussieren.
Genau das scheinen sie aber zu tun: Jedenfalls sagten insgesamt 60 Prozent der Umfrage-Teilnehmer, in ihrem Unternehmen sei die Konzentration auf Bildungszertifikate „stark“ oder „sehr stark“ ausgeprägt, bei der Einstellung von neuen Mitarbeitern oder Auszubildenden zählten also in erster Linie Abschlüsse und Zeugnisse.
Drittens während der Berufstätigkeit: Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: Mehr als 21 Millionen Erwerbstätige in Deutschland haben „nur“ eine Berufsausbildung absolviert. Fast 7 Millionen verfügen über gar keinen beruflichen Abschluss. Die gezielte Fortbildung und Qualifikation könnte nicht nur vielen dieser Beschäftigten eine berufliche Weiterentwicklung und somit einen sozialen Aufstieg ermöglichen, sondern zugleich auch die Wertschöpfung ihres Unternehmens steigern. Gerade die weniger qualifizierten Beschäftigten weisen jedoch eine sehr geringe Weiterbildungsquote auf: Laut dem Bildungsbericht 2012 war die Weiterbildungsteilnahme von Personen mit niedrigem allgemeinbildenden Abschluss zuletzt nur etwa halb so hoch wie bei Personen mit Hoch‑ und Fachhochschulreife; besonders ausgeprägt seien diese Unterschiede zwischen den Bildungsstufen bei der betrieblichen Weiterbildung. Dabei sind sich, laut einer großen DIHK-Umfrage, nahezu 100 Prozent der Unternehmen der Bedeutung der Weiterbildung grundsätzlich bewusst.
Daraus ergibt sich die Frage, ob die Unternehmen die Weiterbildung der weniger qualifizierten Mitarbeiter dann auch ausreichend fördern. Die Umfrage legt jedenfalls die Vermutung nahe, dass dies bisher nicht sehr weit verbreitet ist: Rund 39 Prozent der Befragten geben an, dass die Weiterbildung von Mitarbeitern, die nicht studiert haben, in ihrem Unternehmen „gar nicht“ oder nur „geringfügig“ gefördert wird; in rund 33 Prozent der Fälle ist dies lediglich „teilweise“ der Fall; und nur knapp 29 Prozent der Umfrage-Teilnehmer bescheinigen ihrem Unternehmen eine „starke“ oder „sehr starke“ Förderung der Weiterbildung von Nichtakademikern.
Vergleicht man die Antworten der Befragten über alle drei Phasen hinweg, so zeigt sich, dass die Förderung der sozialen Aufstiegschancen durch Unternehmen in Deutschland insgesamt nicht sehr stark ausgeprägt zu sein scheint. Deshalb lässt sich auch nicht pauschal eine Region, Unternehmensgröße oder Branche bestimmen, in der die Situation alles in allem eindeutig „am schlechtesten“ ist. Ziel der Untersuchung war es ja auch vielmehr, die Bereiche der Wirtschaft zu erkennen, in denen die Förderung der Bildungs- und Aufstiegschancen durch Unternehmen vergleichsweise hoch ist. Regionalspezifische Besonderheiten lassen sich nicht erkennen. Dagegen zeichnen sich jedoch in den Bereichen „Branchen“ und „Unternehmensgrößen“ je zwei Spitzenreiter ab: die Gesundheits- und Pflegebranche sowie die Industrie und – in der Kategorie „Unternehmensgröße“– die Großunternehmen mit über 5000 Mitarbeitern und die Kleinstbetriebe mit bis zu 10 Mitarbeitern.
Insgesamt bewertet ein großer Teil der Befragten die Förderung der sozialen Aufstiegschancen in ihrem Unternehmen schlechter, als sie ihrer Meinung nach sein sollte. Bei der Frage nach der „Bedeutung von Bildungszertifikaten bei der Einstellung von neuen Mitarbeitern oder Auszubildenden“ lässt sich zwar auch bei vielen der Befragten Zufriedenheit mit dem Status quo in ihrem Unternehmen feststellen. Bei den beiden anderen Fragen jedoch zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand: Sowohl bei der Frage nach dem Engagement der Unternehmen für die Schulen als auch bei der Frage nach der Förderung der Weiterbildung von Mitarbeitern, die nicht studiert haben, sehen etwa zwei Drittel der Befragten Verbesserungsbedarf in ihren Unternehmen, und lediglich ein Drittel zeigt sich mit der Situation zufrieden.
Eine erste Interpretation dieser Ergebnisse führt zu dem vorsichtigen Fazit: Viele Unternehmen könnten und sollten künftig einen stärkeren Beitrag zur Verbesserung der sozialen Aufstiegschancen und zur Fachkräftesicherung in Deutschland leisten.
Von Sebastian Gallander, Fellow, stiftung neue verantwortung












