Anderes Wachstum - Zwölf Thesen für eine grüne Revolution

Mehr Menschen, mehr Mobilität, mehr giftige Klimagase: Die globale Gemeinschaft steht in den kommenden Jahrzehnten vor riesigen Herausforderungen. Doch es ist noch nicht zu spät, sagt Ralf Fücks, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung. In einem neuen, durchaus optimistischen, Buch plädiert er für ein intelligenteres Wachstum

Wir brauchen eine neue Synthese zwischen Natur und Technik
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Autoreninfo

Ralf Fücks leitet die Grünen-nahe Hans-Böll-Stiftung. Er ist verantwortlich für die Inlandsarbeit der Stiftung sowie für Außen- und Sicherheitspolitik, Europa und Nordamerika. Im Februar 2013 erschien sein Buch „Intelligent Wachsen – Die grüne Revolution“ im Hanser Verlag.

So erreichen Sie Ralf Fücks:

1: Nachhaltiger Wohlstand für alle

Weltweit machen sich gerade Milliarden Menschen auf den Weg in die industrielle Moderne. Für die Weltwirtschaft bedeutet das eine stürmische Wachstumsperiode: Die globale Wirtschaftsleistung wird sich in den kommenden 25 Jahren glatt verdoppeln.

Das ist eine gute und eine alarmierende Nachricht zugleich. Gut, weil damit sinkende Kindersterblichkeit, längere Lebenserwartung, bessere Bildung und sozialer Aufstieg in großem Stil einhergehen. Alarmierend, weil eine Verdoppelung des Ressourcenverbrauchs und der Emissionen von heute auf einen ökologischen Super-Gau hinausliefe. Das alte, ressourcenfressende und energieintensive Wachstumsmodell ist nicht steigerbar. Deshalb lautet die zentrale Herausforderung der kommenden Jahrzehnte, das globale Wachstum in eine grüne Richtung zu lenken.

2: Europa als Vorreiter

Europa hat das Potenzial, zum Vorreiter der neuen industriellen Revolution zu werden. Zwar hat die Wirtschaftskrise die Reserven vieler Menschen aufgezehrt. Der Weg aus der Krise führt nicht nur über eine gerechtere Verteilung des Reichtums, sondern vor allem über eine Innovationsoffensive, die Europa an die Spitze der ökologischen Modernisierung hievt. Deshalb wäre es fatal, bei der Energiewende auf die Bremse zu treten. Denn sie beweist, dass der Abschied von der fossil-nuklearen Energieversorgung ökonomisch erfolgreich sein kann.

3: Aus weniger mehr machen

Die ökonomische Wertschöpfung muss vom Naturverbrauch entkoppelt werden. Dafür braucht es eine doppelte Kraftanstrengung: eine kontinuierliche Steigerung der Ressourceneffizienz sowie die weitgehende Dekarbonisierung der Ökonomie, also der Übergang zu erneuerbaren Energiequellen und Rohstoffen. Die alte Formel: Steigerung des Outputs (der Produktion) durch gesteigerten Input (Rohstoffe, Energie) führt zum Ruin des Planeten. Die Formel der Zukunft heißt: Aus weniger mehr machen.

4: Investieren in die Zukunft

Die ökologische Transformation des Kapitalismus ist ein gewaltiges Innovations- und Investitionsprogramm: es geht um ressourceneffiziente Technologien, regenerative Energien, intelligente Stromnetze, neue Werkstoffe, vernetzte Stoffkreisläufe, Elektromobilität, Modernisierung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs, Umbau der Städte, CO2-Recycling, High-Tech-Biolandwirtschaft etc. Die grüne industrielle Revolution führt zu einer neuen langen Welle des Wachstums, vergleichbar der Elektrifizierung oder dem Siegeszug der digitalen Technologien.

5: Wachsen mit der Natur

Wir müssen zu einer neuen Synthese zwischen Natur und Technik, die der Philosoph Ernst Bloch seinerzeit als „Allianztechnik“ bezeichnet hat. Die Evolution hat großartige Erfindungen sonder Zahl hervorgebracht, von denen die Biotechnologie etwas lernen kann. Dazu gehört das Produzieren und Konsumieren in vernetzten Stoffkreisläufen: die Natur kennt keinen Abfall.

Die Geschichte der menschlichen Zivilisation ist eine Geschichte der schrittweisen Emanzipation von den Zwängen der Natur. Jedes Zeitalter hat die Sphäre der menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten vergrößert. Es geht jetzt darum, diese Fortschrittsgeschichte mit der Natur fortzuschreiben – nicht gegen sie.

6: Grenzen des Wachstums, Wachstum der Grenzen

Die menschliche Zivilisation hängt an einem halbwegs stabilen Klima, an der Fruchtbarkeit landwirtschaftlicher Böden und an intakten Wasserkreisläufen. Überschreiten wir die Belastungsgrenzen der Ökosysteme, drohen schwere Krisen und Verwerfungen. Insofern gibt es sehr wohl ökologische Grenzen des Wachstums. Der springende Punkt ist, dass aus diesen „roten Linien“ keine fixen Grenzen für die ökonomische Wertschöpfung (vulgo Wirtschaftswachstum) folgen.

Unsere allerwichtigste Ressource heißt Kreativität. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Knappheitskrisen durch Innovationen zu überwinden. Der „Faktor Energie“ ist zum Beispiel gar nicht begrenzt: Die Sonne und die Geothermie bieten nahezu unerschöpfliche Energiequellen.

Seite 2: Die Natur als Gemeingut

7: Die Natur als Gemeingut

Wir leben inzwischen im Anthropozän, dem Zeitalter, in dem der Mensch selbst zu einem mächtigen geologischen Faktor wird. Doch das ist kein Freibrief für Rücksichtslosigkeit. Lebenserhaltende Ökosysteme wie die Erdatmosphäre oder die Ozeane müssen unter gemeinschaftliche Verwaltung gestellt werden. Dazu braucht es ein planetares Öko-Management mit starken supranationalen Institutionen. Ein interessanter Vorschlag ist die Einrichtung einer globalen Klima-Bank. Sie könnte treuhänderisch CO2-Emissionsrechte ausgeben und aus den Erlösen in den Klimaschutz in Entwicklungsländern investieren.

8: Was wir zügeln müssen

Ökologische Verantwortung fängt bei uns selbst an. Es ist gut und richtig, weniger Fleisch zu essen, mit Rad oder Bahn zu fahren und keine Produkte zu kaufen, für die Menschen geschunden oder Regenwälder abgeholzt werden. Aber der Appell zur Genügsamkeit allein reicht nicht: Um das Klima zu stabilisieren, müssen die globalen CO2-Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts halbiert werden. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung ist das nicht zu schaffen, indem wir uns zur Enthaltsamkeit verdonnern.

Wir müssen nicht unsere Freude an Mobilität, Mode, Technik und Kommunikation zügeln, sondern vielmehr unseren Naturverbrauch. Das sind irreversible Attribute der Moderne. Ziel ökologischer Politik ist eine neue Produktionsweise, nicht ein neuer Mensch.

9: Ökologie und Freiheit

Wer Produktion und Konsum drastisch reduzieren will, handelt früher oder später autoritär: Wenn die Menschheit nicht freiwillig auf materiellen Komfort verzichten will, muss sie zu ihrem Glück genötigt werden. Die Demokratie wird der Ökologie geopfert. Diese Tendenz zur umfassenden Kontrolle von Wirtschaft und Gesellschaft (bis hin zu den Geburtenraten) ist schon im berühmten Bericht des Club of Rome zu den „Grenzen des Wachstums“ aus dem Jahr 1972 angelegt.

Dagegen gilt es die unverbrüchliche Allianz von Ökologie und Demokratie zu verteidigen: Erstens darf die Freiheit keinem anderen Zweck untergeordnet werden. Zweitens ist eine offene, demokratisch verfasste Gesellschaft auch überlegen, wenn es um Erfindungsreichtum, Selbstverantwortung und Unternehmergeist geht.

10: Wo bleibt die Moral?

Trotz – oder sogar wegen – der Exzesse der Finanzindustrie zeichnet sich ein neuer Trend ab: Die Ökonomie wird moralisch aufgeladen. Werte spielen nicht nur für das Konsumverhalten von Bürgern, sondern auch für den Erfolg von Unternehmen eine wachsende Rolle. Fair Trade, soziale und ökologische Mindeststandards, Kritik an Tierversuchen und Massentierhaltung und ethische Investmentfonds sind im Kommen. Zu diesem Langzeittrend gehört auch die Renaissance der gemeinnützigen Ökonomie: Genossenschaften, Ökonomie des Teilens (File Sharing, Open Source-Bewegung), nutzen statt besitzen (Car Sharing, Tauschportale im Internet).

11: Akteure und Allianzen

Der Aufbruch in die ökologische Moderne gelingt nur im Zusammenwirken vieler Akteure:

- Die Politik muss die ökologischen Leitplanken für die Wirtschaft vorgeben und die Weichen in Richtung grüne Innovation stellen. Dazu gehören die ökologische Steuerreform, ein effektiver Emissionshandel, klare Prioritäten in der Forschungspolitik und bei öffentlichen Investitionen sowie ein Satz ordnungspolitischer Vorgaben: Grenzwerte, Recyclingquoten, Informationspflichten.

- Die Zivilgesellschaft hält das Thema mit Umweltbewegungen, Verbraucherinitiativen oder Genossenschaften wach. Kritische Bürger und Konsumenten nutzen die Macht des Skandals.

- Nie forschten so viele Wissenschaftler an neuen Lösungen und nie entwickelte sich das wissenschaftliche Wissen so rapide wie heute.

- Zukunftsfähig sind ökologisch innovative, sozial verantwortliche Unternehmen, die erkannt haben, dass Werte und Wertschöpfung zusammengehören. 

12: Die Wiederentdeckung des Fortschritts

Gerade in Zeiten großer Verunsicherung brauchen wir eine neue Idee vom Fortschritt. Die Endzeit des fossilen Industrialismus ist zugleich eine Gründerzeit für eine neue, grüne Ökonomie. Wir müssen eine Begeisterung für die grüne Moderne wecken. Die Geschichte des Fortschritts ist nicht am Ende. Wir müssen sie nur neu erzählen.

Die ökologischen Erfolge der letzten 30 Jahre sollten uns dafür Mut machen: die Luftqualität unserer Städte ist besser geworden; der deutsche Wald wächst wieder; Mülldeponien wurden saniert und ein weitverzweigtes Recyclingsystem aufgebaut.

International wurden Abkommen wie das Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht oder die Konvention zum Schutz der Biodiversität durchgesetzt. Der Marktanteil von Bioprodukten wächst, Tauschbörsen und Car Sharing florieren, viele Betriebe haben ein Umweltmanagement aufgebaut, Öko-Siegel und Zertifikate eingeführt. Der Atomausstieg ist beschlossen, alternative Energien, Elektromobilität, ökologisches Bauen haben Konjunktur. Seit 1990 sind die CO2-Emissionen des wiedervereinigten Deutschlands um rund 25 Prozent gesunken, während zugleich die Wirtschaftsleistung um ein gutes Drittel wuchs.

Darauf können wir aufbauen.

Ralf Fücks: Intelligent wachsen: Die grüne Revolution, Carl Hanser-Verlag, 362 Seiten, 22,90 Euro, ISBN: 978-3-44643-484-4

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