Wir werden immer weniger. Die Geburtenzahl in Deutschland sinkt ins Bodenlose, weil wir in einer Welt der Unverbindlichkeiten leben. Der Wunsch nach Kindern schlummert trotzdem in unseren Köpfen. Deshalb: Nur Mut!
Von allen Seiten tönt er, der vielfach angestimmte Schwanengesang auf die Familie. Einer aktuellen Studie zufolge wird er vor allem von den Deutschen selbst gesungen, denen Freunde heute wichtiger sind als ihre Partner. Auf der Prioritätenliste stehen sie auf Platz zwei, gleich nach der Gesundheit. Immer noch steigt die Zahl der geschiedenen Ehen, während die Geburtenrate gleichzeitig ins Bodenlose sinkt.
Tatsächlich werden wir weniger. Im europäischen Vergleich verzeichnet Deutschland die niedrigste Geburtenrate überhaupt, und das obwohl schätzungsweise über 200 Milliarden Euro jährlich in den Familienunterhalt investiert werden. So wird seit 1971 hierzulande bei weitem mehr gestorben als geboren. Die Zahl der Kinder, die lebend auf die Welt kommen, sinkt stetig weiter – von 1.013.396 bis zuletzt auf 662.712 Kinder im Jahr 2011. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden letzte Woche mit. Das sind 15.000 weniger als noch im Vorjahr.
Lange Zeit herrschte ein Verständnis von Familie vor, das sie als Kern der Gesellschaft pries, als feste ökonomische Einheit, die, als grundlegende Basis und Katalysator zugleich, den Wachstum unserer Wohlstandsgesellschaft überhaupt erst möglich machte. In dem vielgerühmten Modell der Kleinfamilie der 1960er Jahre – samt Vater, Mutter und zwei, drei goldgelockten, rotbäckigen Kindern – fand dieses Verständnis seine Entsprechung. So wurden auch die meisten Geburten in Deutschland im Jahr 1964 verzeichnet, im Jahr des „Baby Booms“. Mit 1.357.304 Kindern war die Geburtenzahl damals mehr als doppelt so hoch wie heute.
Der drastische Geburtenrückgang in den vergangenen 40 Jahren bedeutet so nicht nur weniger Kinder für die Republik, er bedeutet in letzter Konsequenz auch, dass die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter ebenfalls stark gesunken ist. Und sie schrumpft weiter.
All diese Zahlen, sie werden dieser Tage von den hiesigen Familienpolitikern in Deutschland – und von allen, die sich sonst noch eine Meinung erlauben – zum Anlass für endlose Debatten genommen. Der Kita-Ausbau stockt, das Betreuungsgeld muss her, es fehlt an Ganztagsschulen, die deutsche Jugend studiert im internationalen Vergleich zu lange, die Aussicht auf einen Arbeitsplatz ist ungewiss, und hat man einen, fragt man sich wie lange noch. Die Mieten sind zu hoch und das Elterngeld, das fürsorglichen, emanzipierten Vätern einen Anreiz für die Babypause bieten soll, zeigt bislang auch noch nicht die gewünschte Wirkung. Die Finanzkrise tut ihr übriges. Kurz gesagt: Die Deutschen wären ja durchaus bereit zum Kinderkriegen, würde der Staat nur endlich bessere Bedingungen schaffen.
Dabei erschüttet sich die finanzielle Gießkanne nicht mal zu knapp über der deutschen Familienkasse. Nur scheinen die Milliarden wenig zu bewirken; sämtliche familienpolitische Maßnahmen der Bundesregierung versickern im deutschen Grund oder verdampfen wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn wundert es da, dass sich die Fortpflanzungsfreude in Grenzen hält? Hängt die bewusste Entscheidung für den Nachwuchs letztlich gar nicht so sehr vom Geldfaktor ab als vielmehr von ganz anderen, individuelleren Aspekten?
Der Wunsch nach einem Kind, er schlummert zuhauf in unseren Köpfen. Es scheitert lediglich daran, ihn tatsächlich umzusetzen. Denn in einer Welt voller Unverbindlichkeiten, in der Individualismus und Entscheidungsfreiheit, in der das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung vor allen anderen Bedürfnissen steht, in dieser Welt fällt es nun mal schwer, sich verbindlich auf die durchschnittlich 20 Lebensjahre festzulegen, die es braucht, bis das (erste) Kind flügge wird und uns (vermeintlich) aus der Verantwortung entlässt. Globalisierung und Schnelllebigkeit haben uns flexibel gemacht. Wir verlassen den heimischen Nukleus, allzeit bereit zum Risiko, und ziehen der Arbeit hinterher oder dem Fernweh. Männlein wie Weiblein.











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