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 > Wurde Drygalla in Sippenhaft genommen?

Berliner Republik

Olympia-RudererinWurde Drygalla in Sippenhaft genommen?

Von Frank Bachner, Claus Vetter7. August 2012
picture alliance
Nadja Drygalla,Olympia-Rudererin,Sippenhaft,rechtsextremer Freund
Nadja Drygallas Beziehung zu einem Rechtsextremisten war auch ihren Sportlerkollegen wenig bekannt
Schrift:

Für Nadja Drygalla war Olympia vorzeitig beendet – wegen ihrer Kontakte in die rechte Szene. War der Umgang mit ihr korrekt?

Seite 1 von 2

Nadja Drygalla hat gerudert, geredet und ist dann abgereist aus London: Der Fall der deutschen Ruderin ist erst nach dem Ausscheiden des Frauen-Achters bei den Olympischen Spielen zum Thema geworden. Denn erst da wurde öffentlich, dass Drygallas Lebensgefährte dem rechtsextremen Spektrum angehört. Nun steht im Raum, dass Drygalla selbst in die Szene verstrickt ist. Das spitzt den Fall, in dem vieles bislang nicht stimmig ist, zu.

Wer wusste was im Fall Nadja Drygalla?

Dass Nadja Drygalla einen rechtsextremen Freund hat, war zum Teil in ihrem Verein ORC Rostock als auch unter einem Teil der Sportler bekannt.

Hans Sennewald, stellvertretender Vorsitzender des OSC, erklärte, dass er schon vor Jahren mit Drygalla wegen der Beziehung gesprochen habe. Die Ruderin habe erklärt, sie teile nicht die Ansichten ihres Freundes. „Aber ich kann nicht beeinflussen, an wen ein junges Mädchen ihr Herz verschenkt“, sagte der Vereinsfunktionär.

Sennewald ist auch Vorsitzender des Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern. Den Deutschen Ruderverband hatte er vor Olympia nur „bei Gesprächen am Rande“ über die Beziehung Drygallas informiert. „Offiziell“, teilte Siegfried Kaidel, Präsident des Deutschen Ruderverbands (DRV), mit, sei über rechtsextreme Ansichten von Drygalla oder über ihren Freund nichts bekannt gewesen – was Sennewald „nicht kommentieren“ will.

Dass die Information nicht zu den obersten Funktionären durchgedrungen sein soll, ist in der kleinen deutschen Ruderszene zumindest ungewöhnlich. Auch die Nachricht, dass Drygalla im Herbst 2011 aus der Landes-Sportfördergruppe der Polizei ausschied, ging offenbar vom Landesverband nicht an den DRV weiter. Drygalla hatte ihren Dienst quittiert, nachdem das Landesinnenministerium Gespräche mit ihr geführt hatte. Angesichts ihrer Beziehung wäre sie ein Sicherheitsrisiko gewesen. Laut Ministeriumssprecher Michael Teich waren sowohl der Landesruderverband als auch der Landessportbund (LSB MV) „unmittelbar“ über das Ausscheiden Drygallas aus dem Polizeidienst informiert worden – was der LSB zunächst bestritt, später aber zugab. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der die Olympiamannschaft nominiert, wusste nach eigenen Angaben nichts von Drygallas Beziehung.

Hat Nadja Drygalla gegen die Olympische Charta verstoßen?

Der DOSB hätte keine Chance gehabt, Drygalla den Trip nach London zu verwehren. Als Sportlerin hatte sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Um an den Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen, muss ein Sportler oder Offizieller die Olympische Charta akzeptieren. Neben der Einhaltung des World- Anti-Doping-Codes muss dabei vor allem der Geist des Fairplay und der Gewaltlosigkeit geachtet werden. Das schreibt Zulassungsregel 41 vor. Von politischer Gesinnung eines Teilnehmers ist in der Charta nicht die Rede.

Seite 2: Waren die Reaktionen richtig?

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Ein sportlicher Gambit

Die causa Drygalla ist ein einziges Trauerspiel. Inmitten einer olympischen Feierei opfert der Deutsche Sportbund eine seiner Olympionikinnen, um ein politisches Statement zu setzen: Auch wir distanzieren uns von der verfassungsfeindlichen NPD. Generell kann ich dieser Einstellung nur Gutes beipflichten, auch ich bekenne mich öffentlich und oft dagegen. Doch bei der jungen Ruderin sehe ich den Fall etwas anders, auch wenn ich nicht der Argumentation der NPD folgen möchte. Nadja Drygalla hat sich in einen Sportkollegen verliebt, der durch Manipulation und Herdentrieb auf die falsche Bahn geriet. Die NPD liebt bekanntlich ihre Bauernopfer. Doch dann schaffte es die junge Dame scheinbar, die Gehirnwäsche durch liebevollen Druck umzukehren und überredete ihren Freund zum Austritt aus der Neonazi-Szene. Natürlich weiß ich nicht, ob diese Geschichte stimmt. Doch warum greifen Medienvertreter nicht beide Seiten auf? Überall lese ich nur, dass Drygalla überwacht werden sollte, der DOSB Fehler gemacht hat, die Kommunikation nicht funktioniert und man seine Feinde kennen muss. Doch niemand berichtet ausführlich, dass Drygalla selbst nie durch rechtes Gedankengut auffiel (hier vertraue ich mal dem BND, der das ja sicher gemerkt hätte), sondern selbst Opfer bringen musste (private und berufliche!). Niemand sieht, dass Drygalla ihren sportlichen Ehrgeiz etwas zu schaffen auch in ihr Privatleben übertrug und es erreichte, den verwirrten Mann an ihrer Seite (scheinbar) zum Austritt aus der Partei zu bringen. Die Heimreise der Drygalla ist kein Schuldbekenntnis, sondern ein weiteres Opfer, zum Wohle ihrer Teammitglieder die Diskussion aus London nach Hause zu verlegen. Ich werde dieser modernen Hetzjagd auf eine Sportlerin, um den Sport zu politisieren, nicht angehören. Drygalla ist der erste Bauer, der im großen Schachspiel der Politik bei dem Versuch, "mehr Transparenz" und damit Überwachung in den Sport zu bringen, geopfert wurde. Und übrigens soll es in Mecklenburg-Vorpommern Sportler geben, deren Familienangehörige bei der Stasi oder sogar früher noch bei der Waffen-SS waren. Von diesen Leuten sollten wir uns strikt distanzieren!

  • Antworten
Andyheißter07.08.2012 | 10:40 Uhr

Fallen Sie mal nicht auf Zeitungsnarrative rein

Der deutsche Sportbund kann im Fall Nadja Drygalla nur ein gutes Argument für sich in Anspruch nehmen - nämlich den Verlust von Werbe- und Sponsorenverträge, um ihren Sport und die Nachwuchsförderung auf eine breite Finanzbasis zu stellen. Der Deutsche Sportbund ist als e.V. organisiert und unterliegt dem Vereinsgesetz. Das Grundgesetz bindet die Staatsorgane. Bisher wurde von der Legislative noch kein Versuch gemacht, Vereine zu zwingen Sportler mit grundgesetzfeindlichen Liebschaften nicht zu diskriminieren. Ich glaube auch nicht, dass das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz eine juristische Grundlage bietet. Ein weiterer Grund sich von Nadja Drygalla zu trennen ist, dass sie aus der Sportförderung der Polizei und dem Polizeidienst ausgeschlossen wurde. Der Antrag auf Sportförderung der Bundeswehr liegt auf Eis. D.h. sie hat kein Finanzpolster, um den Spitzenleistungen vorzufinanzieren. Die Bundesrepublik Deutschland kann sie als Spitzensportlerin nicht repräsentieren. Genauso wenig wie es vorstellbar wäre, dass der Bundespräsident mit einer Rechtsextremen zusammenleben würde. Es hinterlässt einen schalen Geschmack, wenn Nadja Drygalla unsere Deutsche Nationalhymne singt. Die Liebe zu ihrem Freund und Patriotismus passt nicht zusammen. Sie mögen da tolerant sein, aber die Wahrnehmung teilen wenige.

Der wichtigste Aspekt aber ist ihr Rauswurf aus der Polizei. Der Polizeiapparat hat offenbar etwas gelernt aus der NSU Terrorserie. Die Rechtsextremen sind durchsetzt von V-Männern und vom Staat bezahlte Provokateure, so dass ein Parteiverbot der NPD unmöglich ist. Menschen würden noch leben, wenn Sondereinsatz Kommandos nicht zurückgerufen wären, weil V-Männer beim NSU Trio waren. Im Polizeidienst hätte es einen Interessenskonflikt gegeben um die Wahrung des Dienstgeheimnisses. Polizisten machen sich strafbar, sogar wenn sie eine Negativ-Auskunft geben. Die Vernetzung der NPD und dem NSU wäre mit ihr sehr schwer aufzuklären gewesen, wenn ihr Freund der NPD Kader sie als "Polizeispitzel" missbraucht.

Die Zwickauer Zelle sollte unsere Aufmerksamkeit auf die Waffenlager der Rechtsextremen lenken, u.a. wird die NPD beschuldigt geheime Waffenlager zu unterhalten. Der Fall des Einzeltäters (?!) Breivik sollte uns die Sorgenfalten auf die Stirn schreiben. Sein Massenmord war eine einzige PR-Kampagne für ein 1000 Seiten Manifest. Ein Blick in das Machwerk zeigt, dass es eine Anleitung für die Bildung von Terrornetzwerken enthält. Die ideologische Begründung für den bewaffneten Kampf wird gleich mitgeliefert.

Wir wissen ausser aus Zeitungsberichten bis jetzt sehr wenig über Nadja Drygalla - und können so nicht beurteilen, ob sie Sympathien für den Rechtsextremismus hat. Zumindest ist ihr der Rechtsextremismus nicht so zuwider, wie man an der langjährigen Beziehung zu ihrem Freund sieht.

Ich wünsche mir daher, dass wir vom Einzelfall weggehen und anfangen über die Arbeit der Polizei und der V-Männer in Gebieten mit hohen Wählerzustimmung zur NPD nachzudenken.

  • Antworten
Brandt10.08.2012 | 16:42 Uhr

Auszüge aus den Grundgesetz

Auszüge aus den Grundgesetz - der Meinungsterror gegenüber der Sportlerin Drygallas scheint rechtswidrig zu sein,
völliger Unsinn in ihrem Fall die Nazikeule rauszuholen – oder?

Artikel 1 Menschenwürde; Grundrechtsbindung der staatlichen Gewalt

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Artikel 2 Allgemeine Handlungsfreiheit; Freiheit der Person; Recht auf Leben
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Artikel 3 Gleichheit vor dem Gesetz; Gleichberechtigung von Männern und Frauen; Diskriminierungsverbote]
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Artikel 4 Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Artikel 5 Meinungs-, Informations-, Pressefreiheit; Kunst und Wissenschaft

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

  • Antworten
Uwe E. Mertens07.08.2012 | 14:22 Uhr

Was wäre wenn?

@Andyheißter
"Und übrigens soll es in Mecklenburg-Vorpommern Sportler geben, deren Familienangehörige bei der Stasi oder sogar früher noch bei der Waffen-SS waren. Von diesen Leuten sollten wir uns strikt distanzieren!"
Meinen Sie nicht, dass es auch in Bayern Sportler gibt, von denen Familienangehörige in der SS waren, vielleicht sogar in der Stasi, in der GESTAPO aber ganz sicher.
Im übrigen ist ein Aspekt der causa Drygalla merkwürdigerweise nie in den Medien diskutiert worden: Vorausgesetzt, der Frauenachter wäre nicht im Hoffnungslauf gescheitert, noch besser, er hätte von Anfang an genauso souverän aufgetrumpft wie der der Männer und hätte im Endlauf gestanden, was wäre dann passiert?

  • Antworten
Rudolf Stein07.08.2012 | 16:51 Uhr

Zivilgesellschaft

Ein Beispiel für das wahre Wesen der sogenannten Zivilgesellschaft, welche im vorauseilendem PC-Massengehorsam die Grundwerte der Demokratie mit Füßen tritt, der DOSB diesmal vorne mit dabei. Ein mieses Beispiel für Sippenhaft, der die Speers, Goebbels, Goerings und Wagners doch irgendwie entgangen sind.

  • Antworten
Blase07.08.2012 | 21:47 Uhr

Was ich da nicht verstehe...

Vielleicht fehlt mir hier ja wirklich das nötige Hintergrundwissen, aber ich frage hier einfach und direkt: Ist die NPD eine illegale, verbotene Partei oder ist sie eine offiziell zugelassene, und damit auch demokratische Partei? - Wenn die NPD aber offiziell zum Parteienspektrum unseres freiheitlich-demokratischen Landes gehört, weshalb dann diese aufgeregte Diskussion? Eine funktionierende Demokratie muss doch die Zugehörigkeit zu einer offiziell zugelassenen Partei akzeptieren können.
Und außerdem: Was wäre denn gewesen, wenn die Olympiasportlerin Nadja Drygalla in der Tat in einem fairen Sportwettbewerb eine der begehrten Medaillien (für Deutschland!) errungen hätte? Hätte man sie als Gewinnerin dann verschämt versteckt... oder gar wegen NPD-naher unpassender Gesinnung sportlich disqualifiziert?
Ich verstehe diese Welt nicht mehr und fühle mich in der „Sache Drygalla“ umgeben von erbärmlichen Polit-Heuchlern, infamen Gesinnungsschnüfflern und widerlichen Speichelleckern.

  • Antworten
Rocor08.08.2012 | 01:51 Uhr

Mit den Wöllfen heulen

Die Leute, die sich jetzt teilweise mit unverholener Wut zum Richter über Frau Drygalla aufspielen, sind nicht unbedingt die, die im Falle einer konkreten Gefahr der Freiheit durch Nazis Wiserstand leisten. Erstens haben auch Sportler ein Recht auf Privatsphäre und zweitens habe ich mich schon gefragt, ob die Empörung auch so groß gewesen wäre, wenn Frau Drygallas Freund Salafisten mit ähnlichen verfassungsfeindlichen Zielen nahegestanden hätte. Diese Wut auf Nazis kann ja auch konstruktiv eingesetzt werden. Man muss halt aufpassen, dass man keine Präzedenzfälle schafft, welche das Recht der Verfassung auf freie Meinungsäußerung verletzen und der Sippenhaft das Naziregimes durch die Hintertür den Weg bereitet. Wie sagte einst ein Sänger: " Die Freiheit ist ein wundersames Tier, kaum sperrt man sie ein, schon ist sie weg."

  • Antworten
Christoph Kuhlmann08.08.2012 | 09:42 Uhr

Wie sieht es denn mit Links aus?

Was wäre passiert, wenn Nadja Drygalla mit einem Linksextremisten befreundet gewesen wäre? Vermutlich nicht viel, wahrscheinlich gar nichts. Die linkslastige deutsche Presse, die sich immer mehr zum Gesinnungswächter der Bürger aufspielt, hat schon lange den Boden objektiver Berichterstattung verlassen. Wenn Christian Wulff von seinem Autohändler ein Bobbycar für den Sohn bekommt, ist das für unsere Presse natürlich total verwerflich. Eine Sportlerin, die mit einem ehemaligen Rechten befreundet ist, gehört natürlich an den Pranger, auch wenn sie sich selber klar zu unserer Demokratie bekennt. Linke Berliner Brandstifter oder Abgeordnete der Linke, die einem Diktator zum Geburtstag schreiben, werden natürlich in Ruhe gelassen. Mehr Heuchelei geht kaum, liebe Presse...

  • Antworten
Ausgewogenheit09.08.2012 | 09:36 Uhr

Hype

Das, was diesen Fall problematisch macht, ist nicht die eher uninteressante Frage, ob die Frau nach dem Rennen aus London abreisen musste oder nicht, sondern dieser völlig irritierende hysterische Hype, mit denen Mengen braver Deutscher glauben, sich mit der Dame solidarisieren zu müssen.

http://schwarzoderweiss.wordpress.com/2012/08/04/kleine-stichworte-zur-blonden-maid-als-aufreger/

  • Antworten
W. Pabst09.08.2012 | 11:10 Uhr

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