Ob Guido Westerwelle, Christian Wulff oder Karl-Theodor zu Guttenberg. Sie alle haben ihre Maßstäbe verloren im Verlauf ihrer öffentlichen Karrieren. Alle drei Politiker haben geblendet. Aber das rächt sich. Denn: Nach der Blendung ist nicht vor der Blendung
Es sei eine „moderne Legende“ und schlicht nicht zutreffend, dass Deutschland keine Solidarität mit seinen Partnern und Nachbarn der Euro-Zone geübt habe, die in Schwierigkeiten geraten sind. Mit dieser Bemerkung hat der deutsche Außenminister der These widersprochen, die Deutschen predigten in Europa nur anderen, den Gürtel enger zu schnallen und die Schulden abzubauen, sie profitierten noch von der Krise der anderen.
Der Satz Mark Twains über Richard Wagner gelte auch für Europa: „Die Musik ist besser als sie klingt.“ Nicht schlecht, oder? Sodann versuchte er klar zu machen, dass es um einen „Paradigmenwechsel“ gehe, weg von der Politik der Verschuldung, aber dabei ignoriere auch die deutsche Politik nicht, wie hoch beispielsweise die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen im Süden Europas bereits sei, Berlin sei nicht sozial blind. Den stärksten Moment aber, so berichtete die Korrespondentin der „International Herald Tribune“, habe Guido Westerwelle bei seinem Auftritt im Brookings Institut gehabt, als er über eine kleine Begebenheit zu Anfang der 70er Jahre berichtet. Als Rucksacktourist sei er damals mit Freunden in ein Geschäft in Frankreich gegangen, und die Ladeninhaberin sei spontan in Tränen ausgebrochen, als sie die deutsche Sprache hörte. Ihr Mann sei nämlich im Krieg von den Deutschen erschossen worden. Der Berliner Minister habe damit auf die historische und emotionale Begründung Europas verweisen wollen – die Europäische Union und der Euro seien für seine „Generation immer mehr als eine Währungsgemeinschaft gewesen“.
Worum es mir hier geht, ist letztlich nicht Westerwelle, vielmehr um die Frage, welche Rehabilitierungschance Politiker haben und wie das gelingen kann, ein Comeback. Bei der Lektüre seiner Rede – die amerikanischen Zuhörer bei Brookings lauschten offenbar sympathisch berührt – wurde ich den Eindruck nicht los, seine Beamten hätten ihm einen sehr guten Text mit auf die Reise gegeben. Nicht alles würde man unterschreiben, aber auch die Kritik an der Berliner Politik wurde ernst genommen und durchargumentiert. Zudem hatten die Diplomaten im AA auch den vernünftigen Instinkt, das transatlantische Gespräch, das kaum noch stattfindet, wiederaufzunehmen.
Denn Deutschland wird – zu Recht – wahrgenommen als Krisenprofiteur, und deshalb sei es für die Rezessionsgefahr blind, die Europa und den USA drohe. Seltsam nur: So richtig die Worte also auch gewählt waren, ganz ernst nehmen, ganz eins zu eins lesen kann man sie nicht. Fast möchte man es bedauern. Warum ist das so? Einmal, weil der notwendige Rest Ehrlichkeit dann doch fehlt. Wenn die deutsche Außenpolitik und der verantwortliche Minister aus „historischen und moralischen Gründen“ unter Europa mehr verstehen als eine Euro-Währungsgemeinschaft, hätte das schon zu Beginn der Krise verdeutlicht werden können. Wenn nicht, warum nicht? Damals, als die „Bild“-Zeitung wochenlang Tiraden über das korrupte Griechenland ausgoss, fiel auch Westerwelle den Populisten der Stunde nicht in den Arm. Er schwieg wie die Kanzlerin. Seine Partei konnte später gar nicht streng genug Austerität predigen und das „deutsche Modell“ anpreisen. Wer etwas wiedergutmachen will, muss sich sehr ehrlich machen – und auch nachdenken über eigene Versäumnisse. Mit seinen langjährigen Eskapaden, mit den Imagekampagnen, den Karikaturen seriöser Politik hat er offensichtlich zudem den point of no return überschritten. Ihm wird nicht mehr getraut, „und wenn er über Wasser wandeln könnte“, wie einer seiner Parteifreunde es formulierte. Der Maßstabsverlust war total. Angela Merkel wird ohne Außenminister auskommen müssen, auch wenn er vernünftige Texte verliest und im Amt bleibt.
Lesen Sie im zweiten Teil vom dritten Rehabilitierungs-Anwärter der deutschen Politik: Karl-Theodor zu Guttenberg









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