Das Internet gerät zur Gosse, schrieb Christoph Seils während der Wulff-Debatte. Der Blogger Falk Lüke widerspricht: Das Netz ist neutraler Natur. Eine Replik
„Das Netz als Gosse“ schrieb der Cicero-Online-Ressortleiter Christoph Seils an dieser Stelle vor gut zwei Wochen. Anlass war die gerade aufkeimende Diskussion über den Bundespräsidenten. Sie sorgte an einigen Stellen und auch im Netz für skurrile Gerüchte, teils auch Halbwahrheiten und schlicht und einfach spekulierenden Tratsch.
Je nachdem, wohin man im Netz schaut, könnte man tatsächlich zu dieser Meinung gelangen: Alle Fußballer sind schwul, alle bekannteren Frauen waren früher Pornodarsteller - oder zumindest Callgirl. Alle Politiker sind bestechliche Vertreter einer oder gar mehrerer riesengroßer Verschwörungsgeheimbünde und alle Journalisten entweder von der Politik oder der Wirtschaft korrumpierte, recherchefaule und ahnungslose, macht- und glamourgeile Drogenjunkies.
Das Netz bietet allen ein Forum, den Wahnwitzigen wie Wirren gleichermaßen wie den Klugen und Nachdenklichen. Und genau in dieser Mischung liegt nicht zuletzt die Kraft des Netzes. Es ist von Natur aus beides: Publikationsmedium wie Kommunikationsraum. Aber darf man den Online-Stammtisch- und -Pausenhofplausch deshalb gleich zu „Volkes digitaler Meinung“ erheben?
Wenn Journalisten eines gelernt haben, dann, aus dem Klatsch und Tratsch, den sie so hören, Geschichten zu destillieren. Oft ist es nur ein lose im Raum schwirrendes Gerücht, das am Rande einer Veranstaltung oder beim Mittagessen mit einem Gesprächspartner aufgeschnappt wird, das den Ansatzpunkt für eine Recherche bietet. Der berühmte Tipp, der dem Journalisten gegeben hat, auch er ist anfangs bloß ein Gerücht. Als eine große deutsche Boulevardzeitung enthüllte, dass eine aufstrebende deutsche Schauspielerin früher Pornofilme drehte – hatte sie dies selbst recherchiert? Waren die Journalisten über die Filme gestolpert, im Internet vielleicht? Recherche kann ja durchaus auch Freude spenden.
Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man ein Gerücht hörte, davon las oder einen Tipp bekam - und diesem dann nachging. Wenn der heutige Süddeutsche-Chefredakteur Kurt Kister in einem Nebensatz über den Schreibtisch eines Staatssekretärs schrieb, war dies früher eine Anspielung für die vielen Eingeweihten des Berliner Politik- und Medienbetriebes. Kister hatte dem Staatssekretär vermutlich nicht selbst bei der Schreibtischnutzung beobachtet – es war also ein Gerücht, das er verbreitete.
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