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 > Jeder User trägt Verantwortung

Berliner Republik
Wulff-Debatte im Netz

Jeder User trägt Verantwortung

von 
Falk Lüke
13. Januar 2012
picture alliance
Internet, Blog, Gosse, Netz, Christian Wulff
Was wir nicht auf der Titelseite einer Tageszeitung sehen wollen, gehört nicht ins Netz.

Das Internet gerät zur Gosse, schrieb Christoph Seils während der Wulff-Debatte. Der Blogger Falk Lüke widerspricht: Das Netz ist neutraler Natur. Eine Replik

Seite 1 von 2

„Das Netz als Gosse“ schrieb der Cicero-Online-Ressortleiter Christoph Seils an dieser Stelle vor gut zwei Wochen. Anlass war die gerade aufkeimende Diskussion über den Bundespräsidenten. Sie sorgte an einigen Stellen und auch im Netz für skurrile Gerüchte, teils auch Halbwahrheiten und schlicht und einfach spekulierenden Tratsch.

Je nachdem, wohin man im Netz schaut, könnte man tatsächlich zu dieser Meinung gelangen: Alle Fußballer sind schwul, alle bekannteren Frauen waren früher Pornodarsteller - oder zumindest Callgirl. Alle Politiker sind bestechliche Vertreter einer oder gar mehrerer riesengroßer Verschwörungsgeheimbünde und alle Journalisten entweder von der Politik oder der Wirtschaft korrumpierte, recherchefaule und ahnungslose, macht- und glamourgeile Drogenjunkies.

Das Netz bietet allen ein Forum, den Wahnwitzigen wie Wirren gleichermaßen wie den Klugen und Nachdenklichen. Und genau in dieser Mischung liegt nicht zuletzt die Kraft des Netzes. Es ist von Natur aus beides: Publikationsmedium wie Kommunikationsraum. Aber darf man den Online-Stammtisch- und -Pausenhofplausch deshalb gleich zu „Volkes digitaler Meinung“ erheben?

Wenn Journalisten eines gelernt haben, dann, aus dem Klatsch und Tratsch, den sie so hören, Geschichten zu destillieren. Oft ist es nur ein lose im Raum schwirrendes Gerücht, das am Rande einer Veranstaltung oder beim Mittagessen mit einem Gesprächspartner aufgeschnappt wird, das den Ansatzpunkt für eine Recherche bietet. Der berühmte Tipp, der dem Journalisten gegeben hat, auch er ist anfangs bloß ein Gerücht.  Als eine große deutsche Boulevardzeitung enthüllte, dass eine aufstrebende deutsche Schauspielerin früher Pornofilme drehte – hatte sie dies selbst recherchiert? Waren die Journalisten über die Filme gestolpert, im Internet vielleicht? Recherche kann ja durchaus auch Freude spenden.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man ein Gerücht hörte, davon las oder einen Tipp bekam - und diesem dann nachging. Wenn der heutige Süddeutsche-Chefredakteur Kurt Kister in einem Nebensatz über den Schreibtisch eines Staatssekretärs schrieb, war dies früher eine Anspielung für die vielen Eingeweihten des Berliner Politik- und Medienbetriebes. Kister hatte dem Staatssekretär vermutlich nicht selbst bei der Schreibtischnutzung beobachtet – es war also ein Gerücht, das er verbreitete.

Auf der nächsten Seite: Welches Detail muss tabu sein?

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Wulff

Der Kern der Debatte um Wulff ist die moralische Verkommenheit unseres politischen System, in dem die Eliten in ihrer Verantwortung für das Volk versagen, sich selbst aber einiges gestatten. Es ist die alte Geschichte vom Wein und Wasser. Insofern die Kanzlerin sich schützend vor ihren fraglichen Bundespräsidenten stellt, sind extreme Ausrutscher in der öffentlichen Debatte vorprogrammiert. Es stinkt im Lande nach Muff und es muss etwas Grundlegendes verändert werden.

  • Antworten
Otmar Schütze13.01.2012 | 08:50 Uhr

Werte

Menschen verschiedener Herkunft und Erziehung, mit unterschiedlicher Sozialisation und Erfahrung verhalten sich unterschiedlich. Während der Eine eine Beleidigung vornehm ignoriert, ist sie für einen Anderen Grund, den Beleidiger zu schlagen. Wer kein Benehmen gelernt hat, wird es sich deshalb nicht aneignen. Dasselbe passiert im Netz - nur ist da alles größer.

Der Umgang mit einer bestimmten Situation hängt nicht vom Verfallsdatum des Fehlverhaltens ab, sondern von den eigenen Wertvorstellungen. Die lassen sich weder durch Vorschriften noch Gesetze erzwingen. Höchstens durch sanften Druck, der entsteht, wenn Viele Verantwortug zeigen. Wird Verantwortungslosigkeit ständig vorgelebt, wird es dazu nicht kommen.

  • Antworten
vera13.01.2012 | 13:00 Uhr

Wer die Kommunikation hat, hat die Macht?

Selbst wenn jemand im Netz etwas behauptet, kann es zu einer Wirklichkeitskonstruktion kommen, die so gar nicht stattgefunden haben braucht. Von daher „Jeder User trägt Verantwortung“, ist ein gut gewählter Titel. Die Wulff-Debatte lehrt mich aber folgendes. Politiker, Journalisten und Öffentlichkeit kann man sich als Dreieck der politischen Kommunikation vorstellen. Speziell der Enthüllungsjournalismus (investigative reporting), arbeitet mit der Motivation, Korruption, Lüge und Verbrechen aufzuzeigen und hat die Funktion durch die Bekämpfung systemgefährlicher Elemente das soziale System zu stützen. Im Kern ist jeder frei, alles zu veröffentlichen. Insofern ist die Pressefreiheit ein Teilnahmerecht an der öffentlichen Kommunikation. Kein Dritter, vor allem nicht der Staat, kann die Veröffentlichung frei gebildeter und frei geäußerter Mitteilungen und Meinungen behindern, insbesondere nicht durch Zensur. Verfolgt man die Causa Wulff, so scheint es, sieht sich ein Politiker von der Gefahr der Unglaubwürdigkeit bedroht. Das inszenierte Bild, (leutseliger, warmherziger, menschlicher Präsident im Fernsehen) ist auf Wirkung konzipiert. Verharmlosungsversuche von seiten seiner Interessenvertreter kommen hinzu. Es geht um das Image. In seiner ganzen „Polit-Karriere“ ist er vom Aspekt der Wirksamkeit in der Öffentlichkeit bestimmt gewesen. Nun bröckelt dieses selbst konstruierte Bild durch immer neue Ungereimtheiten während seiner Zeit als MP Niedersachsens, die der Journalismus aufdeckt hat. Vielen ist dieser Journalismus unerwünscht, wenn ein Skandal aufgedeckt wird, weil sich damit auch Einstellungen ändern, etwa Einstellungen gegenüber der gegenwärtigen Politik.

  • Antworten
Bernhard Jasper13.01.2012 | 18:18 Uhr

Born to be shocked

Aber was ist, wenn sich herausstellt, dass „unsere First Lady“ als „Prostiurtierte“ in der Vergangenheit gearbeitet haben soll. Ich habe fertig!

  • Antworten
Bernhard Jasper13.01.2012 | 23:07 Uhr

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