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 > Hurra! Berlin bekommt sein Feindbild wieder

Berliner Republik

RegierungsbildungHurra! Berlin bekommt sein Feindbild wieder

Von Timo Stein7. Oktober 2011
picture alliance
Bekommt das Wowibärchen bald schwarzen Zuwachs?
Bekommt das Wowibärchen bald schwarzen Zuwachs?
Schrift:

Rot-Grün in Berlin ist Geschichte, noch bevor es überhaupt Geschichte schreiben konnte. Kommt jetzt Rot-Schwarz? Wowereits Flirt mit der CDU ist ein Affront gegen den Wählerwillen und ruft alte schwarz-rote Erinnerungen wach.

„Wir fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn.“ Hatte Klaus Wowereit etwa diese Zeilen von Kraftwerk im Ohr, als er die Koalitionsverhandlungen fahren ließ, um wenig später in gewohnt süffiger Tonlage Gespräche mit der Union anzukündigen? Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist, dass es kein rot-grünes Projekt in Berlin geben wird. Der Wählerwille wird dabei genauso überfahren, wie das Vertrauen in die Berliner Spitzenpolitik Schaden nimmt. Doch ein Gutes hat der Coup: Berlin bekommt mit Rot-Schwarz endlich sein altes Feindbild wieder.

Dreimal hatten Sozialdemokraten und Grüne bereits sondiert, bevor sie am Mittwoch zur ersten Runde der Koalitionsverhandlungen zusammenkamen – um schließlich zähneknirschend wieder auseinanderzugehen. Die langen Gesichter in Reihen von SPD und Grüne zeugten von zähen Verhandlungen und unüberbrückbaren Differenzen in der Causa A100. Der Passus des „qualifizierten Abschlusses“ verhagelte letztlich das bereits scheinbar erzielte Übereinkommen in der Autobahnfrage, so dass es zu keinem qualifizierten Abschluss in Koalitionsfragen kam. Die anfänglichen Schockgesichter wichen dann auch relativ schnell den handelsüblichen Trotzgesten à la „die anderen sind Schuld“ aus der Abteilung Attacke.

Und eigentlich waren sich die Konfliktparteien zum Schluss doch erstaunlich einig. Zumindest in der Bewertung ihres Verhandlungsgegenübers: „Wir sind den Grünen entgegengekommen“, begann Wowereit  diplomatisch, um sich wenig später eben genau diese Worte vom grünen Verhandlungsführer und Fraktionsvorsitzenden Volker Ratzmann anhören zu müssen. „Man muss sich schon fragen, ob die SPD wirklich eine Koalition mit den Grünen wollte“, ärgerte sich Ratzmann und bediente sich eines Argumentes, das wenig später die SPD aufgreifen sollte. Auch hier also erstaunliche Einigkeit. Man war sich einig in der Differenz, einig in der Einschätzung einer vermeintlichen Unberechenbarkeit des politischen Gegenübers.

Dass aus Wowereit und Ratzmann, aus Rot und Grün in Berlin keine Liebesehe werden würde, war bereits im Vorfeld der Verhandlungen zu spüren. Dass sich die Beteiligten dann nicht einmal zu einer Zweckehe auf Zeit hinreißen ließen, war dann doch irgendwie überraschend. Doch das ist, folgt man dem vielzitierten Ausspruch Wowereits, letztlich wohl auch gut so.

Denn eine knappe Mehrheit – und Rot-Grün hätte lediglich einen Sitz mehr zur absoluten Mehrheit gehabt – braucht vor allem eines: Vertrauen und Verlässlichkeit in das Gegenüber. Insofern ist ein frühes Scheitern besser, als ein womöglich zähes Durchschlawinern, an dessen Ende dann die Erkenntnis steht, dass es doch irgendwie nicht passt. Mit diesem Personal, dieser politischen Führung war kein rot-grüner Staat zu machen. Zwar brachte letztlich ein inhaltlicher Programmpunkt das rot-grüne Boot zum Kentern, gescheitert sind die Gespräche letztlich jedoch an keiner Sachfrage, sondern an den handelnden Personen. Zu viele persönliche Eitelkeiten schienen eine Rolle zu spielen. Autobahn hin oder her. Während Wowereit niemanden neben sich duldet, haben sich die Grünen – allen voran Ratzmann – bei ihrer gebetsmühlenartig vorgetragenen Forderung, auf Augenhöhe verhandeln zu wollen, letztlich auch selbst überschätzt. Die Grünen leiden derzeit an einem Charakterzug, der Wowereit gerne zugeschrieben wird, an einem Zuviel an Selbstbewusstsein.

Kommt jetzt Rot-Schwarz, dann bekommt Berlin aber auch eine Regierung, die alles andere, nur nicht den Wählerwillen abbildet. Die Mehrheit der Berliner hat ihr Kreuzchen links der Mitte gemacht und wird nun eine Regierung bekommen, die sich eher im rechten Spektrum verortet und dem Wählervotum wenig Rechnung trägt. Dafür bekommt der Berliner eine starke linke Opposition aus Grünen, Linken und Piraten. Und ganz nebenbei werden alte Feindbilder wiederbelebt. Die Linke bekommt mit Rot-Schwarz ein solches, das Erinnerungen weckt und an welchem es sich herrlich abarbeiten lässt. Und die Nostalgiker unter uns fühlen sich zurückversetzt in eine Zeit, die längst vergangen schien. Zurück also zu alten Ufern: Rot-Schwarz bzw. Schwarz-Rot ist noch vielen im Gedächtnis, steht synonym für Blockade, Filz, Stillstand. Erinnert sei an die schwarz-roten Jahre unter Eberhard Diepgen, die Berlin den Bankenskandal und einen gigantischen Schuldenberg hinterlassen haben. Das jetzige Personal steht dann auch irgendwie für diese Alt-Westberliner Crew, die in zäher Selbstgefälligkeit Berlin verwaltete.

Insofern kehrt Wowereit dann auch irgendwie an seine politischen Anfänge zurück. Er, der einst Berlin aus diesem Filz holte, es mit neuem Glanz, Pathos und einer gesunden Portion Eloquenz bestrich. Unter ihm wuchs Berlin heran zu einer Stadt mit Charme und Sex, die offen, vielgesichtig und hipp die Urbanität des 21. Jahrhunderts definierte. Wowereit war das passende Gesicht dazu. Doch jetzt, da er doch lieber mit den Schwarzen geht, als die unbequeme grüne Kröte zu schlucken, macht er auch dem Letzten klar, dass er nicht der „Linke“ ist, für den er selbst in Reihen der SPD gehalten wird.

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Koalitionswahl

Im Artikel heisst es, daß der Wählerwille angeblich eine Rot/Grün-Koalition wollte. Woraus wird dies geschlossen? Soweit ich weiss, war das Ranking der Wahl 1. SPD, 2. CDU, 3. Grüne. Mir ist auch kein Wahlzettel bekannt, wo ich eine Koalition wählen kann. Also wieso wird hier ein Wählerwille unterstellt, den der Wähler nicht ausdrücken kann. Oder gibt es auf dem Wahlzettel in Berlin ein Kästchen für "Anmerkungen zur Stimmverwendung"?

  • Antworten
Harald Beurich07.10.2011 | 14:33 Uhr

Grüne, SPD, Linke? Wo ist der Unterschied

SPD = Grüne + Autobahn
SPD = Linke + versuchte Wirtschaft
Linke = Grüne + Gewerkschaften
Grüne = SPD - Teuerer Strom x Arbeitslose + öffentlicher Dienst

In Zeiten der Wirtschaftskrise unterscheiden sich die "Visionäre" nur noch in Abstufungen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Untergangsmethodik.

  • Antworten
Karl Letis07.10.2011 | 16:06 Uhr

Wenn man links von der Mitte

Wenn man links von der Mitte steht, wie der Autor des Artikels, darf man anscheinend vieles fabulieren, was den angeblichen Wählerwillen betrifft. Bitte erstmal das kleine politische Alphabet lernen, bevor man vom Wählerwillen schreibt und Fakten verdreht! Koalitionen kann man in Deutschland nicht wählen, sondern Parteien!

  • Antworten
Willibold Frehner07.10.2011 | 16:19 Uhr

Danke, Herr BEURICH für Ihren Kommentar

So ein blödes Geschreibsel mit dem "Wählerwillen". Als ob der "Wählerwille" je wirklich eine Rolle gespielt hätte oder spielen würde. Mal sehen wie sich die Zahl der "Transferempfänger" in Berlin entwickelt. Zur Zeit sind ca. 50% der erwerbsfähigen Bevölkerung sog. "Transferempfänger". Vielleicht schafft es die neue Regierung ja auf 60%. Aber wir wissen von Frau ÖZGAN (Sozialministerin in NIedersachsen), daß die Türken "wesentlich" zum Aufbau und zum Wohlstand - wahrscheinlich auch und besonders in BERLIN - Deutschlands beitragen (und beigetragen haben).
Also: CARPE DIEM und fröhlich bleiben

  • Antworten
Wolfram Wiesel07.10.2011 | 16:42 Uhr

Der Wählerwille wird

Der Wählerwille wird überfahren ... Berlin hat sein Feindbild wieder...Affront gegen den Wählerwillen... etc! Einiges deutet daraufhin, dass der Verfasser des Artikels früher Kriegsberichterstatter war!

  • Antworten
Willibold Frehner07.10.2011 | 17:41 Uhr

Wählerwille?

Ich habe selten einen Artikel gelesen, der so weit von der Realität entfernt ist und daher meiner Ansicht nach auch journalistisch schlecht ist. Denn der "Wählerwille" lässt sich nun wirklich nicht danach bemessen, welches Lager eine Mehrheit hatte. Wählerwille ist immer das, was sich für jeweils einzelne Parteien im Ergebnis realisiert.

Wie kann man nun behaupten, dass eine Regierung, an der die CDU beteiligt ist, diesem Willen nicht entspreche? Gerade eine große Koalition bei den vorhandenen Ergebnissen entspricht noch am ehesten dem Wählerwillen, da sie die meisten gewählten Abgeordneten umfasst und damit die größte demokratisch legitimierte Mehrheit auf sich vereinen kann.

  • Antworten
Ruth Bernhardt07.10.2011 | 19:45 Uhr

Links der Mitte?

Die Mehrheit der Berliner hat ihr Kreuzchen links der Mitte gemacht". Hää ???. Was soll diese falsche Aussage? Rund 40% der Berliner Wähler gingen NICHT zur Wahl! DAS ist die wahre Aussage: fast die Hälfte der Wahlberechtigten findet sich von KEINER Partei vertreten. Und das hat Gründe.

  • Antworten
Stefan B.08.10.2011 | 12:19 Uhr

Moment!

Nun muss man dennoch, liebe Mitkommentatoren, nicht gleich auf dem Autor herumhacken, nur weil man seine Meinung nicht teilt, was ich im Übrigen auch nicht tue.

Mit dem Wählerwillen bezieht er sich vermutlich auf die Demoskopie sowie die allgemeine Stimmung im Bionade-Biotop Prenzlberg und den Verwesung erleidenden linken Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain. Das ist eine so unglaublich tolerante Gesellschaft dort, dass man als CDU-Kandidat wüst als Nazi beschimpft und gegen ein harmloses McDonald's-Restaurant protestiert wird, als wolle man vor ihrer Haustür Atomsprengköpfe testen. Was beweist: wer für so etwas Zeit hat, dem geht es in der sozialen Hängematte offensichtlich sehr gut.

Für Berlin kann man nur sagen, ist Rot-Schwarz kurzfristig ein kleiner Glücksfall. 5 Jahre lang kann mit einer wirtschaftsfreundlichen Politik die Stadt etwas aus ihrer Null-Bock-Starre gelöst werden. Denn, wie jeder weiß, der seit mehr als 20 Jahren die Politik verfolgt: Rot-Grün bringt in allen Ländern in denen es regiert, vor allem: niedriges Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Schulen, steigende Kriminalität, steigende Staatsverchuldung. Siehe NRW oder Schleswig-Holstein. Oder Ba-Wü in 10 Jahren. Da dauert es noch ein wenig, bis sie alles ruinieren können.

Und nun zu dem Punkt, mit dem der Autor sehr wohl recht hat: durch ihre Nichtbeteiligung an der Regierung ist zu befürchten, dass die Grünen bei der nächsten Wahl wohl stärker werden. Nach 5 Jahren wird der Hoffnungsschimmer für unsere Hauptstadt also wieder erloschen sein.

PS: Das eine etwaige Rot-Grüne Bundesregierung eine bessere Figur machen würde als momentan Schwarz-Gelb, steht spätestens nach dieser Berliner Posse stark zu bezweifeln.

  • Antworten
Paul Fischer08.10.2011 | 12:59 Uhr

Hurra, Berlin bekommt sein Feindbild wieder

"Er, der einst Berlin aus diesem Filz holte, es mit neuem Glanz, Pathos und einer gesunden Portion Eloquenz bestrich. Unter ihm wuchs Berlin heran zu einer Stadt mit Charme und Sex, die offen, vielgesichtig und hipp die Urbanität des 21. Jahrhunderts definierte."
Na bravo! DAS also ist politische Zielstellung in dieser postdemokratischen Republik? Jawohl: postdemokratisch! Denn nichts, aber auch gar nichts von diesem "Bestrich" Berlins (was für ein schönes Wort, es erinnert an Strich) beinhaltet all die Dinge, die der berliner Bürger dringend benötigt: beispielsweise Arbeitsplätze mit vernünftigen Einkommen, Sicherheit auf Straßen und Bahnen, Wiederherstellung der Begehbarkeit bestimmter Stadtteile durch die autochtone Bevölkerung und, last but not least, Abbau des riesigen Schuldenberges.

  • Antworten
Johann Hartmann08.10.2011 | 16:29 Uhr

Respektiert wird die

Respektiert wird die Wählerstimme schon seit einiger Zeit nicht mehr; und speziell die SPD hat immer wieder Mühe damit, wirklich die Interessen derer zu vertreten, die auch für sie wählen. Bisher reagieren diese meisten damit, dass sie einfach gar nicht mehr wählen. Und eigentlich sollte sich die SPD schon mal die Frage stellen, ob sie sich auf Dauer nicht irgendwie überflüssig macht.
Tucholsky nannte die SPD das "kleiner Übel" - mehr fällt einem dazu heute auch nicht ein.

  • Antworten
at engel08.10.2011 | 22:40 Uhr

Was stört mich der Wähler?

Will der Wähler wirklich wissen,
welche Fahne Klaus wird hissen?

Rot-schwarz, so sieht es aus,
Weht bald überm Roten Haus.

So wird Klaus, der alte Streber,
vielleicht bald zum Totengräber.

Denn rot-grün ist schon gescheitert,
die A100 nicht erweitert.

Er denkt dabei nur an sich.
Die Genossen lässt im Stich.

Hatten sie doch soviel vor,
nun krepieren sie im Rohr,
Sigmar, Frank und auch der Peer,
wo kommt jetzt die Mehrheit her?

Angela, sie wird’s ihm danken.
Verweist er doch ganz unverdrossen.
Die Genossen in die Schranken.

Und was sagt der Bär am Ende?
Aus die Maus.
Dein Klaus.

  • Antworten
Bruce Breitendeich09.10.2011 | 15:36 Uhr

Wählerwille

Lieber Meckerfreunde. Mal ein paar Wörtchen zum Wählerwillen. Erstens: Wer nicht zur Wahl geht, ist kein Wähler – und selbst Schuld.
Zweitens: Der übewiegende Teil derjenigen, die ihre Stimme abgegeben haben, haben nunmal ihr Kreuzchen links der Mitte gesetzt. Um das zu verstehen, braucht man kein politischens Alphabet, im Idealfall noch nicht einmal einen Taschenrechner: Die SPD kommt mit 28,3 Prozent zusammen mit Linken (11,7 %) Grünen (17,6 %) und Priaten (8,9 Prozent) auf 66,5 Prozent. Das entspricht fast einer zwei Drittel-Mehrheit. Dagegen unterliegt das bürgerliche Lager mit gut 25 Prozent deutlich (CDU 23,4 + FDP 1,8 = 25,2 Prozent).
Drittens: Laut Umfragen wollten 58 Prozent der Berliner Rot-Grün nur 35 Prozent Rot-Schwarz. Das sind keine Wahlergebnisse, schon klar. Aber ein Hinweis darauf, welche Koalition die Berliner Wähler bevorzugt hätten. (http://stat.tagesschau.de/wahlen/2011-09-18-LT-DE-BE/umfrage-aktuellethemen.shtml).
So viel zum Thema Wählerwille.

  • Antworten
Peter K10.10.2011 | 13:42 Uhr

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