In Deutschland läuft alles rund? Nicht ganz, denn in Sachen Logistik fährt die Bundesrepublik bereits auf der Felge. Ganz gleich ob bei den Flughafenbetreibern in München, auf deutschen Straßen oder Schienen – gutes Wirtschaften kostet Geld und den Mut zu neuen Wegen
Es sagt sich so leicht, dass es unserer Wirtschaft besser geht als der unserer Nachbarn. Ja, Deutschland läuft rund. Doch wie lange noch?
Erste Schlaglöcher im ewigen Weg nach oben werden sichtbar – nicht nur im übertragenen Sinn. Gute Zeiten machen träge. Eine Wirtschaftsbranche merkt das gerade besonders: die Logistik. Also jene Zunft, die zu Straße, Schiene, Wasser und durch die Luft die Menschen und vielen Güter hin- und her schafft. Die uns also im wörtlichen Sinn „den Wohlstand bringt“. Bei den Logistikern war die Ratlosigkeit dieser Tage groß über den Willen des Volks. In München hat es den Flughafenbetreibern eine dritte Startbahn verboten. Diese Abstimmung hat Symbolwert für den Gegensatz von Wunsch und Wirklichkeit. Einerseits wollen die Deutschen möglichst billig, bequem und zügig in Urlaub fliegen können oder ihre online bestellte Ware bekommen. Andererseits ist die Mehrheit offenbar nicht bereit, dafür auch konsequent zu stimmen.
Wer wollte das Anwohnern übel nehmen, die unter weiterem Lärm leiden müssten? Aber was ist mit all denen, die nur Nutzen hätten und keinen Nachteil? Sie blieben der Abstimmung fern, überließen das Nein den vermeintlich allein Betroffenen. Das ist typisch. Wir wollen den Boom ohne Ungemach. Wir wollen heile Straßen, aber ohne Maut; pünktliche schicke Züge, aber ohne Fahrpreiserhöhung; verlässliche Schiffstransporte, aber ohne Tieferlegung von Elbe und Weser.
Deutschland fährt logistisch bereits auf der Felge, kratzt mit dem Kiel auf Grund; die sanfte Boomtour könnte bald knirschend mit einem Leckschlag enden. Unsere international so gelobte Infrastruktur zerfällt, das Land bröckelt. Es gibt für unsere Straßen und Strecken keine Instandhaltungsrücklage, wie sie jeder Wohnungsbesitzer für das Gemeinschaftseigentum seines Wohnhauses zahlen muss, damit eine neue Heizung angespart, das Dach bei Zeiten neu eingedeckt werden kann. Früher galt für das Gemeinschaftseigentum des ganzen Volks, nämlich die Straßen, dass jährlich pro Quadratmeter 1,30 Euro für Instandhaltung investiert werden sollten. Da Bund und Länder das Geld hatten, ließen sie Bundes- und Landstraßen nicht verkommen. Seit Jahren jedoch wird geflickschustert. 40 Prozent unserer Straßen stuft der TÜV als „schwer geschädigt“ ein; verkommen, weil mangelhaft gewartet.
Weil das Geld für neue Straßen fehlt und fünfspurige Autobahnen sowieso unpopulär sind, versucht der Bund nun, die vorhandenen Strecken effizienter zu nutzen. Die Idee sind neue LKW, die genau 6,5 Meter länger sind als bisher maximal erlaubt. Das Übermaß entspricht gerade einmal der Länge von anderthalb VW-Golf. Zwar mag das Überholen so eines 25-Meter langen Riesen tatsächlich unangenehm sein. Dafür sollen aber für dieselbe Menge Güter nur noch zwei statt drei Laster auf die Straße müssen. Doch gegen die „Monster-Trucks“ geschimpften Laster wurde umgehend dermaßen Stimmung gemacht, dass kaum jemand an dem Feldversuch mehr teilnehmen wollte. Allen voran sagten die meisten Bundesländer ab; grundsätzlich alle, in denen nicht die Union regiert. Nun dürfen seit Jahresbeginn 400 dieser Laster nur in jedem zweiten Bundesland fahren, weshalb selbst Spediteure absprangen, die eigentlich für Lang-LKW sind. Zu Recht verstehen sie unter „Fern“-fahren mehr, als an Landesgrenzen umsatteln zu müssen. So blieben gerade einmal sieben Unternehmen, die mitmachen.
Die Bahn will diese Idee kopieren und die erlaubte Maximallänge von Güterzügen auf 1500 Meter verdoppeln. Doch ihr fehlt es für diesen Versuch bereits an Schienenstrecke. Denn seit der Bahn-Privatisierung vor bald 20 Jahren haben Bahnmanager den größten Rückbau von Infrastruktur angeordnet, den es je in Friedenszeiten gab. Und das schlicht deshalb, um Wartungskosten einzusparen: Fast zwanzig Prozent der Gleise wurden entfernt, die Hälfte aller Weichen und über zwei Drittel der völlig intakten Anschlüsse an Industriefirmen. Bund und Bahn, Länder und Gemeinden geben ihre verkehrspolitische Notlage offen zu und sie alle nennen denselben Grund: kein Geld. Niemand will zahlen, das Volk schon gar nicht. Das ist höchst fahrlässig.
Denn über ein Viertel aller Transporte innerhalb der EU verläuft durch Deutschland. Deutschland ist der Verkehrsknoten Europas, bestehend aus dem weltweit längsten Autobahn- und Bundesstraßennetz sowie dem fast längsten Netz aus Schienentrassen und Wasserstraßen. Würde es bei uns zum Verkehrsinfarkt kommen, wäre ganz Europa wirtschaftlich im Herzen getroffen.
Gutes Wirtschaften besteht nicht aus Sparen allein, es kostet Geld und den buchstäblichen Mut zu neuen Wegen. Es ist höchste Zeit, hier Missverständnisse auszuräumen. Wenn jetzt die Ferienzeit beginnt, dann steht kein Autofahrer auf einer verstopften Straße IM Stau, sondern er IST der Stau, ein kleines Teil des großen Problems. Eines ist absehbar: Der Verkehr wird rasant zunehmen.
Das Güterverkehrsaufkommen hat sich seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt. Es wird ein weiterer Anstieg der Güter-Verkehrsleistung um fünf Prozent jährlich vorausgesagt – verteilt auf Straße, Schiene, Wasser und Luft. Doch Verursacher dafür ist kein Fuhr- und kein Fährunternehmer, kein Bahn- und kein Flugbetreiber und auch kein Politiker. Verursacher dafür sind wir alle, die Nutzer und Verbraucher all dieser Waren.
Panta rhei – alles fließt. Diese Erkenntnis hatte Heraklit vor zweieinhalb Jahrtausenden vom idealen Lauf der Dinge. Damit seine Philosophie auch noch für unsere Wege zeitgemäß bleibt, dürfen wir länderübergreifendem Verkehrsmanagement, dürfen wir uns selbst nicht länger im Weg stehen.










