Über das Prostitutionsgewerbe kursieren zahlreiche Mythen. Werden die Huren auf Deutschlands Straßen wirklich alle zu ihrem Job gezwungen? Wünschen ihre Freier tatsächlich wilden Sex, bei dem sie ihre Partnerin unterdrücken? Eine Spurensuche
Wenn Männer sich eine Frau in einem Bordell aussuchen, dann wollen sie mit ihr roughen, wilden Sex haben. Das, was sie bei ihrer eigenen Frau nicht bekommen. Sie wollen penetrieren, unterdrücken. So ist das gängige Klischee, wenn in Betroffenheitsmanier über das schlimme Schicksal von Prostituierten gesprochen wird. Wenn in deutschen Kriminalfilmen Huren und der Straßenstrich zum Thema gemacht werden, dann geht es um Frauen, die aus den verschiedensten Gründen zum Sex gegen Bezahlung gedrängt werden, um gewalttätige Zuhälter, um Zwangsprostituierte.
Die gemeine Realität ist eine andere. Die Vorstellung, dass Männer in den meisten Fällen zu einer Hure gingen, um Gewalt auszuüben, ist falsch. So zumindest hat es die Soziologin Christiane Howe in ihren Recherchen vor Ort beobachtet: Ein Gang ins Freudenhaus bedeutet für die Freier dagegen häufig Überwindung: „Im Bordell hat die Sexarbeiterin die Hausmacht, sie bestimmt, sie legt die Regeln fest. Dass Frauen die komplette Verfügungsgewalt über ihren Körper abgeben, wenn sie für Sex Geld bekommen“, sei ein grotesker Fehlschluss. Und der basiert vor allem darauf, „dass wir männliche Sexualität mit Gewalt gleichsetzen“.
Die Freier, die Howe im Bordell begegneten, waren oft schüchterne Typen. Im Puff geht es nicht um ihre Lust, sondern um seine. Nach dem Motto: Sie macht, er lässt machen. Für eine Studie ließen Dieter Kleiber und Doris Velten 1994 über 600 Freier befragen, welche Praxis am meisten gewünscht wurde. Das Ergebnis: Sie, aktiv, oral. Auf dem zweiten Platz lag der klassische Geschlechtsverkehr. Die Freier wollen also nicht die Passivität, die Verfügungsgewalt. „Sie freuen sich daran, dass es direkt zur Sache geht, sie endlich einmal begehrt werden und nicht dem alltäglichen Leistungsdruck ausgesetzt sind“, folgert Howe.
Manche Freier, wenn auch die wenigsten, ziehen denn auch den schnellen, billigen Straßenstrich zum Vollzug vor. Hier, an der Kurfürstenstraße in Berlin, die so gar nichts gemein hat mit ihrem großen und glänzenden Namensvetter, dem Kurfürstendamm, stehen die ärmsten Dirnen der Stadt. „Eigentlich zähle ich sie nicht einmal zu den Prostituierten“, sagt Pastor Fuhr. Es sind Frauen, die von der Not getrieben diesen Job ausüben. Sie tun das weder routiniert noch geschäftsmäßig. Die Mädchen, die traditionsgemäß in der Nähe von Fuhrs Apostelkirche stehen, sind Drogenabhängige, die das Geld für den nächsten Schuss brauchen.











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