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Berliner Republik

ESM-KlageWie liefen die Verhandlungen in Karlsruhe?

Von Robert Birnbaum11. Juli 2012
picture alliance
Bundesverfassungsgericht,Parlament,Richter,Karlsruhe,Urteil,ESM,Fiskalpakt,Voßkuhle
Karlsruhe lässt sich Zeit
Schrift:

Im Verfahren um den europäischen Fiskalpakt und den Euro-Rettungsschirm ESM zog es Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle vor, schon vor dem Eilentscheid die Beteiligten ausführlich zu hören. Wie liefen die Verhandlungen?

Seite 1 von 2

Der Vorgang ist ungewöhnlich, aber der Lage angemessen. Normalerweise lädt das Bundesverfassungsgericht die Kläger und die Beklagten erst im Hauptverfahren zur Anhörung; über eine Einstweilige Anordnung entscheidet man in Karlsruhe gewöhnlich nach Aktenlage. Im Verfahren um den europäischen Fiskalpakt und den Euro-Rettungsschirm ESM aber zogen es Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle vor, schon vor dem Eilentscheid die Beteiligten ausführlich zu hören. Dahinter steckte, wie sich sehr schnell zeigte, eine Idee. Und hinter der Idee steckt ein Dilemma.

Andreas Voßkuhle scheint alle Zeit der Welt zu haben, den Eindruck machte er zumindest am Dienstag bei der Anhörung des Verfassungsgerichts zu den Beschwerden gegen ESM und Fiskalpakt in Karlsruhe. Der Präsident des Gerichts fragt den Bevollmächtigten der Bundesregierung, Ulrich Häde: „Wieviel Zeit würden Sie uns denn geben?“ Häde weicht der Frage zunächst aus und umschmeichelt die Richter mit dem Hinweis darauf, dass er ihnen eine gründlich und zügige Prüfung zutraue. Voßkuhle gibt sich damit nicht zufrieden und bohrt weiter: Welcher zeitlicher Rahmen ihm vorschwebe? Drei Wochen würde er sehr unterstützen, sagt Häde. Einige Wochen länger wären aber auch noch „erträglich“.

Häde wird diese zusätzliche Zeit wohl auch ertragen müssen. Voßkuhle kündigt nämlich eine „verfassungsrechtlich vernünftige Prüfung“ der Klagen an. Die Dauer eines normalen Eilverfahrens werde dabei aller Wahrscheinlichkeit nach überschritten. Bis zu drei Monate könne die Prüfung dauern, vermutet man in Karlsruhe.

Der Präsident des Verfassungsgerichts steht seit Wochen unter Druck. Nicht nur die Bundesregierung, der Bundestags beobachten derzeit jeden Schritt der Richter an Deutschlands höchstem Gericht – ganz Europa klebt an ihren Lippen. „Viele werden sich schon mal gewünscht haben, Verfassungsrichter zu sein“, sagt Gregor Gysi und bringt Voßkuhle zum Grinsen. Dann fährt Gysi fort: „Aber heute will wohl niemand mit Ihnen tauschen.“ Da nickt der Gerichtspräsident. Doch der Richter mit den jugendlichen Gesichtszügen lässt sich den Stress nicht anmerken. Ruhig stellt er seine Fragen, keine Spur von Nervosität davon, dass die ganze Republik ihm über die Schultern schaut.

Der 48-Jährige wird sich daran gewöhnt haben, dass man in Berlin in den Verfassungsrichtern schon aus Tradition nur die granteligen Damen und Herren aus der südwestdeutschen Provinz sieht. Nicht erst seit gestern stellt man sich in der Hauptstadt die Frage, was man in Karlsruhe schon von Europa wisse. Als Voßkuhle, damals noch als Vizepräsident, mit dem Urteil zum Lissabon-Vertrag die Europapolitik der Bundesregierung in ihre Schranken wies, polterte Ex-Außenminister Joschka Fischer, die Realitäten Europas seien „komplizierter als die Karlsruher Fiktionen“. Drei Jahre später rangeln das Gericht und Berlin erneut um Europa. An den Vorwürfen hat sich nichts geändert. Die Urteile der Richter seien „teilweise von großer Unkenntnis geprägt“, zischte der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), in der vergangenen Woche.

Das Gericht antwortet auf solche Vorhaltungen natürlich nicht. Aber ganz konnte und mochte sich Voßkuhle eine Replik nicht verkneifen: „Europa fordert den demokratischen Verfassungsstaat ebenso wie der demokratische Verfassungsstaat Europa fordert“, sagt er in seinen einleitenden Worten. „Wer dieses Verhältnis zu einer Seite auflöst, verliert die andere Seite.

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Verfassungsrechtlich vernünftige Prüfung

Das Bundesverfassungsgericht steht mit beiden Füßen auf dem Grundgesetz. Mit einer ruhigen Art und Weise ging es verantwortlich an die Endscheidungsfindung heran. Es nimmt sich die notwendige Zeit. Lässt sich nicht unter Druck setzen, oder gar instrumentalisieren. Wie Teile der politischen Kaste und Medien zeitlichen Druck und Rechtsrat im Vorfeld in der Öffentlichkeit erteilen wollten, war für mich als Bürger sehr befremdlich. In einer demokratischen Gesellschaft gibt es Systemgrenzen, Regeln und Rechte können nicht einfach so aufgehoben werden. Das garantiert unser Grundgesetz, verhindert die „Ewigkeitsklausel“ unserer Verfassung, die bestimmte Grundsätze wie etwa das Demokratieprinzip jeglicher Änderung entzieht. Auch durch eine 2/3 Mehrheit im Bundestag soll das nicht aufhebbar sein. Solange das deutsche Grundgesetz den Rahmen für unser gesellschaftliches Zusammenleben bildet, haben wir uns alle danach zu richten, gerade auch in einer Krisensituation, sonst geraten wir alle in den Sumpf. Gerade unsere Geschichte lehrt das. Oft wird behauptet, die Politik orientiert sich an der Wirklichkeit. Auch die Politik liefert keine Abbildung der Realität, sondern vertritt bestimmte Interessen, Wirklichkeitsmodelle und Szenarien. Es sind Problemformulierungen mit dem Versuch Probleme zu lösen, jedoch können auch diese Konzepte und Entwürfe im Vorfeld nicht auf Effizienz überprüft werden. Einen „Point of no Return“ in diesem Zusammenhang des Vorgangs, von dem an eine Rückkehr nicht mehr möglich ist, kennt das Grundgesetz nicht. Heute gibt es eine Vielzahl miteinander konkurrierender Theorien, auch in der Wissenschaft. Das liegt auch an der Komlexität der Dinge. Politische Konzepte und Entwürfe sollten jedoch immer auf Bewährung und demokratische Lebbarkeit überprüft werden. Verantwortlichkeit sollte in den Vordergrund treten. Und das macht das Bundesverfassungsgericht, indem es sich Zeit für eine „verfassungsrechtlich vernünftige summarische Prüfung“ nimmt. Wir leben in einer Zeit, wo wir uns nicht mehr auf ewige Werte und letzte Wahrheiten beziehen können. Erodierende Finanzmärkte, Staaten, Ideologien und Supertheorien können wir beobachten. Die Lebenswirklichkeiten der Bürgerinnen und Bürger stimmen nur noch partiell mit der gegenwärtigen Politik überein. Die Veränderung des Verhältnisses zu Europa resultiert aus Enttäuschung über die Ergebnisse, die geliefert wurden. Der grobe Konstruktionsfehler der Währungsunion, die zu enge Verknüpfung zwischen der Verschuldung des Finanzsektors und des Staates, kann inzwischen zu einer Staatsfinanzkrise führen und ganze Volkswirtschaften zerstören. Das ist Wahnsinn! Jetzt kommt tatsächlich die Frage danach, ob eigentlich Europa in lauter Teile zerfällt. Der Euro war für viele eine gestaltende Größe, so wie allgemein als Metapher für Fortschritt und Zukunftshoffnung. Heute heißt es, gib alle Hoffnung auf Sicherheit auf. Stabilität soll ja organisierte Ordnungsbildung sein, die ständig aktiv aufrechterhalten werden muss, und das geht nur mit und nicht gegen unser Grundgesetz. Die Prüfung des Sachverhalts "muss dem Hauptsacheverfahren vorbehalten werden", so das Bundesverfassungsgericht. Ich habe vollstes Vertrauen. Vertrauen in seine Rationalität und Vernunft, die nicht der Irrationalität der Märkte willfährig folgt und sich treiben lässt. Auch das gehört zum „Demokratieprinzip". Unsere Demokratie funktioniert und lebt, dafür bin ich sehr dankbar. Vielen Dank, an das höchste deutsche Gericht, Hüter der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

  • Antworten
bernhard jasper11.07.2012 | 09:05 Uhr

Wetten, dass...

Sehr verehrter Herr Jasper,

Sie finden wohlwollende Worte - ich entnehme ihnen sogar Hoffnung. Nach der mündlichen Verhandlung ist mir diese weitestgehend abhanden gekommen.

Zu deutlich buhlt das Gericht um eine positive Öffentlichkeit, zu deutlich signalisiert es dem Bürger: Wir nehmen deine Bedürfnisse ernst, wir kümmern uns! Dass sich das Gericht derart bemüht, kann nur bedeuten, dass es dem ESM, vielleicht mit ein paar kleinen Einschränken, schon irgendwie den Weg durch die Verfassung bahnen wird. Und am Ende soll niemand behaupten: Karlsruhe als letzte Hilfsinstanz des Bürgers würde seinem verfassungsrechtlichen Auftrag nicht nachkommen. Am Ende wird es heißen: Das Verfassungsgericht hat besonnen und wiese die "richtige" Entscheidung getroffen. Wetten?

Das Drehbuch steht indes schon, es wird gerade verfilmt. Aber kann man es dem Verfassungsgericht Übel nehmen? Wer will sich schon vorwerfen lassen, den Euro zu beerdigt zu haben?

Allein die letzte Frage ist Zeugnis von Merkels äußerst erfolgreicher Propaganda. Denn als wenn die Welt unterginge, wenn der ESM ausbliebe; als wären damit alle Alternativen ausgeschöpft. Unsäglich. Klar würde es rappeln. Kommt der ESM wird aus auch rappeln - nur eben später. Dann aber richtig. Wetten?

Paul Kirchhof war heute in der FAZ zu lesen. Grandios klar, erhellenden stringent: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/europas-zukunft/paul-kirchhof-zur-krise-der-eu-verfassungsnot-11817188.html

Darin bringt er das Problem auf den Punkt: Wir haben nunmehr keine ausschließliche Krise der Politik, auch längst keine anhaltende der Finanzwirtschaft (den Boni nach zu urteilen gar keine mehr), sondern vor allem eine des Rechts - und das schon länger. Hätte man das Recht der Verfassungsverträge der EU beachten, hätten wir das Problem weniger. Hätte der Finanzwirtschaft rechtlich Einhalt geboten, hätten wir das Problem noch weniger. Hätten Politiker sich kein Euro- und europäisches Denkmal setzen wollen, hätten wir das gar nicht.

  • Antworten
Daniel E.12.07.2012 | 16:23 Uhr

Großartig und erhellend

Lieber Herr Daniel E.,
den exellenten Beitrag von Prof. Paul Kirchhof, „Verfassungsnot!“ in der FAZ, habe ich gelesen. „Die EU steckt in der Krise, weil Recht missachtet wurde.“ Einfach großartig, erhellend, wunderbar! Ich bin begeistert! Sollte Pflichtlektüre für jeden Politiker sein. Herrn Kirchhof hätten wir damals als Finanzminister gebraucht. Übrigens soll Herr Voßkuhle den Anwesenden bei der Anhörung zur Mittagspause eine Frage mit auf den Weg gegeben haben. Sie sollten sich eine Antwort auf die Frage überlegen, ob der ESM nicht irgendwann wie eine „systemrelevante Bank" sei, in die man immer wieder Geld nachschießen müsse, um Europa zu retten.
Grüße Bernhard Jasper

  • Antworten
bernhard jasper12.07.2012 | 18:31 Uhr

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