Aber das ist natürlich nicht alles, Gauck soll ja schließlich auch Antidemokrat sein, der gegen die Occupy-Bewegung und damit irgendwie auch gegen die Freiheit und das Grundrecht auf Demonstration ist. Der Kölner Verlagserbe Konstantin NevenDuMont fasste das am Sonntag Abend so zusammen:
Wenn Joachim Gauck doch so für die Freiheit ist, was hat er dann gegen Demonstranten? #Occupy #Hartz4-Proteste #Gauck
Der Tweet des inzwischen mit einem eigenen Medienunternehmen („Evidero“) selbständigen Neven DuMont ist exemplarisch für die aktuelle Netzdebatte: Sie vergisst jegliche Differenzierung. Gauck äußert sich inhaltlich kritisch über Occupy und Hartz4-Demos? Dann ist er nicht nur komplett gegen diese Bewegungen, sondern gegen Demonstrationen, gegen Freiheit, gegen Demokratie. Muss ja so sein. Dabei lohnt auch hier der Blick darauf was genau Gauck gesagt hatte. Über das Thema Occupy-Bewegung beispielsweise äußerte er sich so:
„Das wird schnell verebben. Ich habe in einem Land gelebt, in dem Banken besetzt waren.“ Sagt Gauck damit, dass er gegen die Occupy-Bewegung, gegen Demonstrationen, gegen die Freiheit? Sagt er womöglich sogar, wie seit gestern hundertfach kolportiert, er halte die Demonstrationen und somit die ganze Bewegung für albern? Nein, keineswegs. Das inzwischen in Jehova-Rang erhobene Wörtchen „albern“ verwendete Gauck in einem anderen Kontext, nämlich bezogen auf die Utopie, man müsse sich einfach von „den Märkten“ befreien. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete über die Äußerung Gaucks am 17. Oktober so:
Die Antikapitalismusdebatte halte er für "unsäglich albern": Der Pastor betonte, dass der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könne, eine romantische Vorstellung sei. Zu glauben, dass die Entfremdung vorbei sei, wenn man das Kapital besiege, und dann alles schön sei, sei ein Irrtum.
Sieht man davon ab, dass es um Occupy in den letzten Wochen tatsächlich erheblich ruhiger geworden ist, lässt sich eine kritiklose Haltung Gaucks zu den Finanzmärkten und ein Ablehnen von Demonstrationen kaum aus diesen Sätze herauslesen, ebenso wenig wie aus seinen Sätzen zu den Hartz 4-Demonstrationen, die eine Zeit lang unter dem Titel „Montagsdemonstrationen“ durchgeführt wurden. Die Kritik Gaucks bezog sich ausdrücklich nicht auf den Inhalt, sondern den Titel der Veranstaltungen „Montagsdemonstrationen“. Diese Demos so zu benennen, so Gauck damals, sei „töricht und geschichtsvergessen“, was ein erheblicher Unterschied zu der im Netz inzwischen häufig suggerierten Meinung ist, Gauck habe die Demos als solche als „töricht“ bezeichnet.
Bleibt schließlich noch die Vorratsdatenspeicherung, deren uneingeschränkter Befürworter Gauck angeblich ebenfalls ist. Stein des Netz-Anstoßes ist eine Diskussion in Österreich, bei der Gauck tatsächlich sagt, er halte das Speichern von Telekommunikationsdaten nicht generell für den Anfang eines Spitzelstaates. Er sagt aber auch:
„Wenn der Staat Rechte beschneidet, dann muss es verhältnismäßig sein. Ich will tragfähige Belege, was das Ganze bringt."
Aber vielleicht ist das neben der Fähigkeit, einen Kontext mitzulesen, auch noch ein sehr spezielles Problem im Netz allgemein und des Kanals Twitter im Speziellen: Von einem Strom kann man sich schnell mal mitreißen lassen – und dass sich 140 Zeichen für eine tiefgehende Debatte eher weniger eignen, weiß man jetzt spätestens seit gestern Abend auch.











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