Zum Jahreswechsel zeigen wir Ihnen noch einmal die erfolgreichsten Artikel aus dem Jahr 2012. Im Februar:
Er gilt im Internet plötzlich als Antidemokrat, Sarrazin-Freund, Occupy-Gegner und Befürworter der Vorratsdatenspeicherung. Die Mär vom bösen Gauck ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus journalistischer Verkürzung und der rasenden Schnelligkeit des Netzes eine Welle wird. Auf Faktentreue kommt es dabei längst nicht mehr an
Julia Probst ist das, was man im Web 2.0 durchaus prominent nennen darf. Sie schreibt ein viel gelesenes Blog, bei Twitter bringt es ihr Account @EinAugenschmaus auf beachtliche 6382 Follower. Kurz nach der Nominierung von Joachim Gauck gab sie ihrer Entrüstung Ausdruck: Wenn das der neue Bundespräsident werde, dann wandere sie zum Sommer aus. Dem Tweet verpasste sie einen Hashtag, der an diesem Twitter-Abend noch öfter zu lesen sein sollte: Notmypresident.
Not my President? Das war schon alleine deswegen erstaunlich, weil dieser Hashtag bis zum Sonntag Abend noch weitgehend Christian Wulff vorbehalten war (und davor ursprünglich mal George W. Bush). Jetzt also ist auch Gauck eine Netz-Person non grata? Der Mann, der noch 2010 in der Netzgemeinde eindeutig als die bessere Wahl gesehen worden war – jetzt unwählbar? Jawohl, unwählbar, schob Julia Probst kurz darauf per Tweet nach. Weil:
#Gauck ist für #VDS, findet die Überwachung der Linken gut, äußerte sich abfällig über #Occupy. Und lobte Sarrazin. Darum unwählbar!
Tatsächlich blieb Julia Probst mit dieser Auffassung an diesem Netzabend keineswegs alleine. Bei Twitter fanden sich unter den entsprechenden Hashtags nahezu sekündlich neue Einträge, bei Facebook formieren sich seither erste Anti-Gauck-Gruppen, in Blogs wurde Gauck wahlweise als Antidemokrat und als Kandidat von Springers Gnaden bezeichnet. Eine kleine Auswahl von Tweets über den Kriegsbefürworter, Sarrazin-Bruder-im-Geiste, Anti-Demokraten und guten Freund von George W. Bush:
#Gauck ist pro Überwachung im Internet, pro Sarrazin, pro G.W.Bush, pro Irakkrieg. Ausgerechnet den wollen SPD, Grüne und FDP wählen? *ROFL*
Und dieser #Gauck würde auch ein Ermächtigungsgesetz unterschreiben! deshalb #NoGauck
FDP erzwang #Gauck, den Prediger des Neoliberalismus und der Militanz
Durchs Netz geistern des Weiteren: ein Foto Gaucks mit Carsten Maschmeyer und Veronica Ferres, Spekulationen zu einer über eine das normale Maß hinausgehende Nähe des designierten Präsidenten zur DDR-Staatssicherheit, Zitatesammlungen, die mit „Worte eines Antidemokraten und Extremisten“ betitelt wurden. Das ist wenigstens erstaunlich: Antidemokrat und Sarrazin-Befürworter – und davon will niemand von denen, die 2010 noch ganz hingerissen von Gauck waren, vorher etwas bemerkt haben?
Stein des Anstoßes bei Gaucks vermeintlichem Lob für Sarrazin war für viele ein Interview, das Gauck dem Berliner „Tagesspiegel“ gegeben hatte. Ein Interview, das exemplarisch die manchmal fatale Wirkung zeigt zwischen journalistischer Verkürzung und der latenten Neigung im Netz, ohne längeres Verifizieren drauflos zu diskutieren. Tatsächlich schrieb der „Tagesspiegel“ in seiner Zusammenfassung des damaligen Interviews am 30.Dezember 2010 folgendes:
Dem früheren Berliner Finanzsenator und Autor des umstrittenen Sachbuches „Deutschland schafft sich ab“, Thilo Sarrazin, attestierte Gauck, „Mut bewiesen“ zu haben. „Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik.“ Die politische Klasse könne aus dem Erfolg von Sarrazins Buch lernen, dass „ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen“.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie Gauck zu Sarrazin steht











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