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Berliner Republik

Solidarität – Nein, danke!West gegen Ost, Rache für Gauck?

Von Christoph Seils21. März 2012
picture alliance
Ost, West, Solidaritätszuschlag, Joachim Gauck, Solidarpakt
Der Osten – gut aufgestellt?
Schrift:

Kaum haben wir einen ostdeutschen Bundespräsidenten, fordern westdeutsche Politiker ein Ende der Sonderförderung für den Aufbau Ost sowie die Abschaffung des verhassten Solidaritätszuschlags auf die Einkommenssteuer. Nur Zufall? Ein Kommentar

Seite 1 von 2

Das ging ja schnell. Kaum ist ein Ostdeutscher Bundespräsident, kaum wird Deutschland an der Spitze des Staates von zwei ostdeutschen Protestanten regiert und repräsentiert, da machen die Westdeutschen im früheren Kernland des politischen Katholizismus ihre ganz eigene Rechnung auf.

Sie fordern ein Ende des Aufbaus Ost, wollen endlich den verhassten Solidaritätszuschlag auf die Einkommenssteuer abschaffen und den Ostdeutschen die finanzielle Solidarität aufkündigen. Jetzt wo wir endlich einen Präsidenten haben, der aus dem Osten kommt und der so gerne von der Freiheit redet, scheint Solidarität etwas Unpopuläres geworden zu sein. Oder ist die Forderung nach dem Ende der Solidarität mit dem Osten eine heimliche Rache für Gauck?

Anfang der Woche haben sich die Oberbürgermeister der Ruhrgebietsstädte zu Wort gemeldet. Dass die Wortführer alle der SPD angehören, ist sicher kein Zufall, schließlich wird in Nordrhein-Westfalen in sieben Wochen gewählt. Außerdem lässt sich so prima davon ablenken, dass die rot-grüne Landesregierung gerade daran gescheitert ist, im Landtag einen Haushalt mit Rekordschulden zu verabschieden. Stattdessen haben die Oberbürgermeister einen Ost-West-Krieg um Fördergelder angezettelt.

Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau nennt den Solidarpakt Ost in der Süddeutschen Zeitung ein „perverses System“, sein Gelsenkirchener Amtskollege Frank Baranowski beklagt sich über die „Solidaritätskeule“, die immer dann raus geholt werde, wenn die Mittel für den Aufbau Ost gekürzt werden sollen, dabei sei die Not im Ruhrgebiet mittlerweile „viel größer“.  

Beifall ist den Oberbürgermeistern aus dem Pott gewiss. Die Ost-West-Solidarität gehört schließlich zu den großen Reizthemen der politischen Debatte im wiedervereinigten Deutschland, da schlagen schnell die Emotionen hoch. Vor allem in Wahlkämpfen wie jetzt in Nordrhein-Westfalen befeuern westdeutsche Landespolitiker gerne die Neid-Debatte und auch die Mehrheit der westdeutschen Wähler, egal ob sie im armen Ruhrgebiet oder im reichen Bayern leben, ist seit Langem der Meinung, dass schon viel zu viel Geld in den Osten geflossen ist. Jeden Monat, wenn sie auf ihre Lohnabrechnung schauen und das Wort "Solidaritätszuschlag" lesen, werden sie daran erinnert.

Völlig falsch liegen sie damit einerseits ja auch nicht. Schließlich wurde beim Aufbau Ost von Anfang an ziemlich viel falsch gemacht. Angefangen bei der Einführung der D-Mark zum Umtauschkurs von 1:1, über das verheerende Wirken der Treuhandanstalt bei der Deindustrialisierung der ehemaligen DDR bis zur Gießkannenförderung von Investitionen. Auch manche vierspurige Asphaltpiste, die die leeren Landschaften im Osten durchschneidet, hat vor allem Tiefbauunternehmen reich gemacht. Denkmalschützer tun sich schwer, im Osten noch Schlösser oder Kirchen zu finden, die nicht saniert wurden. Zudem hat sich bei den Touristen herumgesprochen, dass man an der Ostsee komfortabler urlaubt als an der Nordsee. Halbleere Spassbäder gibt es auch genug.

Schon vor mehr als einem Jahrzehnt haben Wirtschaftsexperten und Fachpolitiker vor Fehlentwicklungen beim Aufbau Ost gewarnt, vor Geldverschwendung und völlig falschen Anreizen. Die Politik hat weitgehend tatenlos zugesehen. Jeder Versuch die Wirtschaftsförderung zu differenzieren, auf starke Regionen und starke Branchen zu setzen, damit diese den Rest des Ostens mit nach oben ziehen, scheiterte am Widerstand von Interessengruppen und Kommunalpolitikern. Und ein sachsen-anhaltinischer Ministerpräsident, der einst im Wahlkampf ehrlichen Herzens erklärte, in der Altmark könne man nicht reich aber glücklich werden, wurde wenig später vom Wähler aus dem Amt gejagt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Finanzprobleme in NRW hausgemacht sind

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Rache für Gauck

>>>ist die Forderung nach dem Ende der Solidarität mit dem Osten eine heimliche Rache für Gauck?<<<

Wäre ja verständlich:
Erst verpassen uns die Ossis acht zusätzliche Jahre Dr. Helmut Kohl, Dann acht Jahrer Merkel, nun Joachim Gauck - Das verdient Rache!

^^^^^^^^
Satire!

  • Antworten
M. Flöger21.03.2012 | 19:55 Uhr

Ziemlicher Unfug

Es würde ausreichen, wenn Gemeinden, denen auf Grund der völlig verfehlten Länderpolitik jetzt schon das Wasser bis zum Hals steht, nicht noch zusätzlich Schulden machen müssten, um einer Verpflichtung nachzukommen, die ohne jede Begründung aufrecht erhalten wird. Wer das Geld anderer will, hat gefälligst explizit nachzuweisen, wofür das Geld gebraucht wird. Verteilen mit der Gießkanne ist nicht angesagt. Mehr als zwanzig Jahre nach dem Fall der DDR sollte auch das letzte neue Bundesland in der Lage sein, einen halbwegs gesunden Haushalt aufzustellen. Dabei ist auf das Notwendige abzustimmen, nicht auf das Wünschenswerte. Hier wird zu viel, auf zu viele verschiedene Weisen an zu viele Institutionen umverteilt. Und so mancher Geber steht hinterher schlechter da als der Beschenkte. Wie üblich in diesem Land, der Erfolgreiche wird bestraft, der Versager belohnt.

  • Antworten
Mauermer22.03.2012 | 10:54 Uhr

West gegenOst. Rache für Gauck?

Es ist doch immer wieder das Gleiche: wie komme ich an das Geld der anderen bzw. wie verhindere ich, dass andere an mein Geld kommen.Dabei will man grundsätzliche Fragen weder stellen noch beantworten.
Hätte es z.B. die Wiederveinigung von WEST nch OST gegeben, wenn der Lebensstandard in der DDR drei mal so hoch gewesen wäre wie in der BRD?
Über "Krankenkassenstrukturausgleich", "Unfall-Renten", überhaupt die Rentenzahlungen wird nicht so gerne geredet. Über Stein-Kohle-Subvention eben auch nicht.
Man redet eben lieber über "Solidarität" und "Gerechtigkeit".
Alte Lebensweisheit: wenn einer mit Dir über Solidarität redet, dann halte Deine Geldbörse fest. Er will Dein Geld!.

  • Antworten
Wolfram Wiesel22.03.2012 | 14:14 Uhr

Soli / Finanzausgleich

Das zu Grunde liegende Problem ist doch eigentlich der Föderalismus. Das Konzept hat sich überlebt und ist innerhalb der EU nicht mehr tragfähig. Machen wir die Länder zu Verwaltungsbezirken mit einer zentralen Regierung in Berlin. Keine teuren Landtagswahlen, keine Abgeordentendiäten, kein Länderfinanzausgleich. Alles wird zentral geregelt, auch die Kultur und nicht zuletzt das Abitur. Aber das lässt die Selbstbedienungsmentaltität unserer politischen Klasse auf keinen Fall zu.

  • Antworten
Gert Korn22.03.2012 | 16:32 Uhr

kommunaler Finanzausgleich

In Sachsen und Thüringen haben sich die Kommunen untereinander eine Art Regiosoli vereinbart - Finanzstarke helfen Finanzschwachen - Vorschlag für NRW wenn ich das mit Düsseldorf und Bonn lese?
Der Solidarpakt - muss hier wohl nochmal gesagt werden - ist nicht! der Solidarzuschlag auf die Einkommensteuer, die jeder! also egal welcher Himmelsrichtung entstammend an den Bund entrichten muss und den H. Kohl eingerichtet hat, nachdem er bemerkte, dass seine Einigung aus der Portokasse nix wird. Die Gelder aus diesem Zuschlag sind auch nicht zweckgebunden - der Zuschlag ist einfach da, damit der Bund mehr Geld bekommt. Der Solidarpakt wurde von Bund, Ländern und Kommunen in ganz (West)Dtl beschlossen und bestätigt - auch von den OBs im Pott - und das gleich zweimal. Die Hauptfördersummen kommen mittlerweile in Ländern wie Thüringen von der EU (weil nach wie vor eine Strukturschwache Region - soviel zum "wissen vor Geld nicht wohin") und dem Bund sowie dem Länderfinanzausgleich (letzterer ist Grundgesetzpflichtig). Auch wenn unsinnige Ausgaben gemacht worden, eines ist doch in Deutschland eigtl. noch immer umgesetzt worden - die Gültigkeit von und Verpflichtung aus vereinbarten Verträgen. Oder nicht?

  • Antworten
quaestor23.03.2012 | 10:45 Uhr

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