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 > Werden die Piraten zur Partei der Eurogegner?

Berliner Republik

WirtschaftskursWerden die Piraten zur Partei der Eurogegner?

Von Petra Sorge14. Mai 2012
picture alliance
Piratenpartei, Wahlparty, ESM, NRW
Jubel auf der Wahlparty in Düsseldorf: Hort der Euro-Kritiker
Schrift:

Die Piraten in Nordhrein-Westfalen lehnen den permanenten Euro-Rettungsschirm ESM ab. Doch damit sind sie nicht alleine: In der Partei gibt es starke Kräfte, die sich gegen weitere Eurohilfen stellen – bis hin zur Ablehnung der Gemeinschaftswährung. Die Piraten könnten sich als Partei der Eurogegner entpuppen

 

Seite 1 von 3

Sie haben es geschafft, endlich. Mit ihrem vierten Einzug in den nordrhein-westfälischen Landtag, dem nunmehr vierten Parlament, gehören die Piraten zum politischen System. Schon 2013 könnten sie im Bundestag sitzen. Den Politneulingen ist klar: Sie sind nun nah dran an der Macht, sie können mitgestalten.

Und längst tun sie das nicht mehr nur bei ihren „weichen“ Themen, bei Transparenz und Datenschutz, direkter Demokratie und Bürgerbeteiligung. Sie tastet sich nun auch in harten finanz- und wirtschaftspolitischen Fragen vor. Eine zentrale Frage dabei: Wie steht die Partei zum Euro und zur Eurokrise? Die Antwort muss beunruhigen. Denn es zeichnet sich ab, dass die Piraten im Begriff sind, eine Partei der Eurokritiker zu werden. Eine Partei, die die europaweiten Hilfsbemühungen blockieren würde, wenn sie dies mitbestimmen könnte.

Als erster Landesverband hat sich der soeben in den Landtag gewählte nordrhein-westfälische zu diesem Kurs bekannt: Er lehnt den permanenten Euro-Rettungsschirm ab. Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) sei „intransparent“, „voreingenommen“ und unter „Einbeziehung der Finanzlobby“ entstanden, heißt es in einem Positionspapier. Er verstoße weiterhin gegen den Parlamentsvorbehalt, das Rechtsstaatsprinzip und gegen die Transparenz-Grundsätze der Partei. Deswegen haben die NRW-Piraten ihre Landesregierung aufgefordert, im Bundesrat ein Veto gegen den Gesetzentwurf einzulegen. Spitzenkandidat Joachim Paul erklärte, die Abgeordneten könnten dem Vertragswerk nur zustimmen – „oder Europa mit einer Ablehnung endgültig in die Krise stürzen“. Also wollen die Piraten es jetzt tun.

Der ESM soll die Wirtschafts- und Währungsunion eigentlich aus der Krise führen. Ob er das wirklich kann, da sind sich selbst die Finanzexperten uneinig – manche fordern sogar noch viel weitergehende Rettungsmaßnahmen. Dagegen haben sich alle großen Parteien außer der Linkspartei zum Euro bekannt: Sieht man von den wenigen schwarz-gelben Abweichlern ab, gibt es eine große Koalition der ESM-Befürworter. Am 1. Juli soll der Stabilitätsmechanismus kommen.

Bei den Piraten walten schon seit Monaten Kräfte, die die Partei in eine Anti-Euro-Richtung lenken wollen. Es sind kleine, gut vernetzte Basisgruppen. Ihr Einfluss reicht etwa in jene Zeit zurück, als in der FDP gerade der Eurokritiker Frank Schäffler Unterschriften für seine Mitgliederinitiative suchte. Schäffler lehnte den ESM ab – und hoffte, die liberale Basis könne die Parteiführung zu einem Kurswechsel zwingen. Daraus wurde bekanntlich nichts. Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Mitglieder nicht die schwarz-gelbe Koalition gefährden wollten.

Anders die Piraten: Sie profilieren sich als Oppositionspartei, sind von Regierungsverantwortung noch weit entfernt. Die Partei der Basisdemokratie sieht sich zudem von den Umfragen bestätigt. Im September lehnten 55 Prozent der Deutschen weitere Eurohilfen ab. 71 Prozent sagten, sie hätten das Vertrauen in den Euro verloren. Käme es zu einem Volksentscheid – den die NRW-Piraten fordern – würden weitere Eurohilfen krachend scheitern.

Seite 2: Europa werde zur „Tyrannei mutieren“

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Ablehnung des ESM bedeutet nicht zwingend Ablehnung ds Euro!

Ich bin in mehreren relevanten AGs der Piratenpartei tätig, und kann euch sagen, dass die Grundtendenz keineswegs den Euro ablehnt!

Es kommt auf die Ausgestaltung der Eurozone an, nicht mehr und nicht weniger. Und der ESM macht nunmal nichts anderes, als dass er die Banken weiterhin subventioniert. Wäre der ESM demokratischer konzipiert, und hätte er eine Bank Lizenz mit Zugang zu EZB Geld, würde sich die Piratenpartei wohl kaum dagegenstellen.

Es werden viele verschiedene Alternativen zum ESM diskutiert, aber bis diese fertig ausgearbeitet sind und sich die Basis auf ein Konzept geeinigt hat, wird das noch zum nächsten Bundesparteitag in Bochum dauern. Und das ist auch gut so.

Viele Grüße
Benedikt Weihmayr

  • Antworten
Benedikt Weihmayr15.05.2012 | 12:13 Uhr

FG Wirtschaft der bayerischen Piraten ist differenzierter

Die im Artikel angesprochene Fachgruppe Wirtschaft sieht die Probleme rund um den ESM sehr viel differenzierter als hier dargestellt. Insbesondere nach dem angesprochenen Treffen vergrößerte sich die Mitgliederzahl der Fachgruppe um Leute, die sehr detailliert erklären können, dass das häufig als völlig undemokratisch dargestellte Zustandekommen des ESM gar nicht so undemokratisch ist. Das deutsche Ratifizierungsgesetz sorgt dafür dass die deutschen Vertreter in den ESM Gremien keine eigenmächtigen Entscheidungen treffen können, sondern nur ermächtigt sind nach den Vorgaben des Bundestages zu handeln. Wer dies undemokratisch nennt, nennt unser Grundgesetz undemokratisch. Einzelne mögen dies tun, die Piratenpartei als Ganzes sicher nicht.

Allgemein kann gesagt werden, dass die Mitglieder der Fachgruppe Wirtschaft durchaus unterschiedlicher Meinungen sind. Eine dieser Meinungen, die sich mittlerweile gebildet hat ist, dass der ESM durchaus sinnvoll wäre, wenn er von entsprechenden Maßnahmen begleitet werden würde, die tatsächlich geeignet sind die Ursachen für die Verspannungen im Euro Raum zu beseitigen. Griechenland und andere müssen befähigt werden ihre Handelsbilanzdefizite zu beseitigen. Von alleine werden sie dies nicht schaffen und die Zeit die dies benötigt muss überbrückt werden - eben durch Mechanismen wie den ESM. Das Fehlen solcher Maßnahmen lässt den ESM letztlich jedoch als verfehlt erscheinen.

Wohin auch immer sich die Meinung bzgl. ESM bei den Piraten entwickeln wird, so bleibt doch festzuhalten, dass die Piratenpartei sich klar zu Europa positioniert hat. Konservative Denkstrukturen à la Gauweiler und Henkel werden nach meiner Einschätzung keine Mehrheiten in der Piratenpartei finden. Piraten suchen vorwärts gewandte Lösungen, kein Zurück zu vergangenen Zeiten.

  • Antworten
GeldPirat18.05.2012 | 14:06 Uhr

Eurokritiker? Beunruhigend?

Eurokritiker? Beunruhigend? Wie bitte? Das ist das beruhigendste, was ich seit langem gelesen habe! Das Parlament faselt bezüglich der "eurorettung" die ganze Zeit was von Mitbestimmung, und wenn dann mal jemand mitbestimmen möchte, also kritisch ist, dann wird er abgebügelt! Siehe Pofalla und Bosbach, das ist mit Sicherheit kein Einzelfall... Wenn eine Partei dieser unverantwortlichen und gefährlichen Politik, die am Ende den sogenannten "Retter" also uns, und damit dann am Ende ganz Europa ins verderben treiben wird, ein Ende setzt, dann ist es das beste Zeichen für ein noch etwas funktionierende Demokratie in diesem Lande seit langem!

  • Antworten
Erwin15.05.2012 | 12:30 Uhr

Irrtum

Lieber "Cicero",

es ist schön das mein Blog gelesen wird, es wäre jedoch nett wenn bemerkt werden würde das der genannte Blog-Artikel von meinem Co-Blogger stammt und nicht von mir. Das würde evtl. auch auffallen wenn man meinen Kommentar darunter liest. Mein Co-Blogger (ein Dipl. Oec) darf eigene Beiträge verfassen und benötigt dafür kein Einverständnis von mir. Unterschiedliche Ansichten sind die Würze eines Blogs.

Ich bitte doch das in obigem Text zu ändern.

Ansonsten: ich bin ich sehr Euro-Freundlich eingestellt und weniger bei der AG Arbeitspolitik als bei der AG soziale Marktwirtschaft als Koordinator tätig.

Grüße
O. S.-G. alias aloa5 (mein Co-Blogger hat im übrigen "Andena" als Nick)

  • Antworten
aloa515.05.2012 | 14:06 Uhr

Angenehme Träumereien und bittere Wahrheiten

Ich bin sehr froh, daß sich endlich ernsthafter politischer Widerstand gegen den Eurowahnsinn regt. Auch wenn es „nur“ die Piraten sein sollten, die anfangen, vorsichtigen Widerstand zu leisten.

Es existieren im Euro-Raum sehr heterogene, sehr stark differenzierende und dabei auseinander driftende Volkswirtschaften. Vom „Failed State“ und Pleitier Griechenland über einige osteuropäische Transformationsökonomien (Estland, Slowakei) bis zu den wirtschaftlichen Leistungsträgern beispielsweise Deutschland und Holland sowie einigen Zwergstaaten wie Malta, Zypern, Luxemburg, die sich ebenfalls in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit stark unterscheiden .
Schon jetzt beträgt der Verlust des Griechenlandabenteuers für Deutschland mehr als 73 Milliarden Taler.(ZDF-Dokumentation „Die Griechenlandlüge“ ZDF, 8.Mai 2012 um 20.15 Uhr; andere Quellen wie WiWo, FAZ nennen ähnliche Zahlen, manche bis zu 80 Milliarden.) Diese Summen, die als Kredite und Bürgschaften an Griechenland geflossen sind, sind weg! Die kommen nie wieder. Außerdem kommen weitere Hilfs- und Transferzahlungen für Griechenland in der nahen Zukunft hinzu; Milliarden, die wir verschenken.

Auch die vielen Milliarden, die Deutschland in Form von Euro-/Projektbonds demnächst in naher Zukunft an Frankreich und die Südländer vergeben werden, werden wir nie wiedersehen. Dazu kommen viele Milliarden Bürgschaften aus den Rettungsschirmen EFSF und ESM, die demnächst eine Metamorphose von Bürgschaften zu realen Zahlungen durchlaufen werden.

Vielleicht merken nicht nur die Piraten, sondern endlich auch die FDP und wenigstens Teile der CDU und CSU, daß der Euro für Deutschland zu einem finanziellen Desaster wird.

  • Antworten
Bakwahn15.05.2012 | 14:11 Uhr

Die Piraten - ihre angebliche Inkompetenz

Ja, Frau Sorge, bei einem Volksentscheid „würden weitere Eurohilfen krachend scheitern“.

Dem Volk wird allmählich klar, daß von der Politik - mit der Bundesregierung an der Spitze - eine Politik betrieben wird, die sich massiv gegen die Interessen des deutschen Volkes richten. Die Kanzlerin hat einen Amtseid geschworen, in dem es u.a. heißt: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden (…) werde.“
Merkels Euro-Politik hat bisher das genaue Gegenteil bewirkt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, daß die früher penetrant wiedergekäute Behauptung „Deutschland profitiert vom Euro“ in den letzten Wochen in den Fernsehdiskussionsrunden von keinem der Teilnehmer mehr wiederholt wurde.

Frau Sorge versucht auf eine sehr durchsichtige Weise bestimmte Mitglieder der Piraten, die wichtige programmatische Texte für ihre Partei entwerfen, zu verunglimpfen, sie in ihrer fachlichen Kompetenz in die Nähe eines gefährlichen Infantilismus zu rücken.
Formulierungen wie z.B.:
„Otmar Scherer-Gennermann. In einem Blog forderte der 38-jährige Steuerfachangestellte“
oder
„Der 21-jährige Berufsoberschüler Simon Landenberger, gelernter Bankkaufmann aus Nürnberg“

Aus der Sicht von Frau Sorge soll das heißen:
Was kann man von einem Steuerfachangestellten schon Gutes erwarten? Der hat doch von Finanzdingen überhaupt keine Ahnung, ein finanzpolitischer Einfaltspinsel! Und der 21-jährige Berufsoberschüler ist doch eigentlich noch ein kleines unmündiges Baby, das unter geistige Vormundschaft gestellt werden muß.

Da ist noch ein Hinweis. Frau Sorge erwähnt mit offensichtlich erzürnter Attitude, daß aus dem baden-württembergischen Wahlprogramm 2011, „die Piraten in Schleswig-Holstein vor der Wahl fleißig kopierten“. Klar, es geht um eurokritische Statements. Nun steht das Wort kopieren in einem semantischen Umfeld mit Verben wie abschreiben, plagiieren, (ab)spicken, abschauen, eben geistigen Diebstahl begehen. Seit den aufgedeckten Plagiaten von Guttenberg, über die Griechin Margarita Mathiopoulos, bis hin zu Annette Schavan und Silvana Koch-Mehrin, die ihre Doktortitel mit der Methode „copy und paste“ erworben haben, sind die Wörter „kopieren“ und „abschreiben“ besonders stark negativ konnotiert.
Meine Interpretation:
Sorge will die Piraten als geistig zurückgebliebene, intellektuell wenig inspirierte, als abschreibende, kopierende Hohlköpfe und Stümper diskreditieren, die in ihrer Ahnungslosigkeit und ihren unverantwortlichem Infantilismus gefährliche Anti-Euro-Positionen vertreten.

Frau Sorge, nichts ist falscher als das!
Wir sollten froh sein, daß sich in einer Partei endlich ein finanzpolitischer, genauer ein eurokritischer Realismus durchsetzt.

Lesen Sie meine Kommentare zu Michael Naumanns Artikel
Das Loch von Athen
vom 24. Oktober 2011

http://www.cicero.de/kapital/griechenland-euro-rettung-das-loch-von-athen/46264

  • Antworten
Bakwahn15.05.2012 | 14:22 Uhr

Euro-Gegnerschaft wäre rational...

...uns sozial sinnvoll!

Selbst die Linken haben mittlerweile erkannt: Sozial mit DIESER EU geht auf die Dauer nicht!

http://www.ahriman.com

EIR

http://www.bueso.de

Wahre Zahlen Abseits der Mainstream-Medien

http://www.volksprotest.de

Kopp Info

http://info.kopp-verlag.de/index.html

  • Antworten
Wolf Thom15.05.2012 | 17:17 Uhr

Rettung unmöglich: Euro kommt jetzt auf die IntensivstationInte

Rettung unmöglich: Euro kommt jetzt auf die IntensivstationInterview mit Prof. Wilhelm Hankel
In Griechenland herrscht Chaos und womöglich bald auch die linken Extremisten. Frankreichs neue Regierung mit François Hollande ist künftig ebenfalls links. Plötzlich spekulieren auch die linientreuesten Mainstreammedien über ein nahes Euro-Ende. Einer der vehementesten Gegner der »Gemeinschaftswährung« seit der ersten Stunde ist der Währungsexperte und Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Wilhelm Hankel. Er warnt seit langem vor einem neuen europäischen Sozialismus.

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/interview-mit-prof-wilhelm-hankel/rettung-unmoeglich-euro-kommt-jetzt-auf-die-intensivstation.html

http://info.kopp-verlag.de/index.html

  • Antworten
Wolf Thom15.05.2012 | 17:18 Uhr

Demokratie ohne wählbare Alternativen ist keine Demokratie

Essentielle Fragen wie die Ziele der Europäischen Union (Staatenbund oder Bundesstaat?) und der Umgang mit dem vorläufigen Scheitern der Eurozone heutigen Umfangs (reparieren, ganz oder teilweise zerlegen?) werden der demokratischen Entscheidung des Volkes von den Insidern der Politik in Parteien und Medien gezielt entzogen. Diese Insider, die sich selbst als Elite empfinden, handeln systematisch antidemokratisch, wenn sie sich in ihrer übergroßen Mehrheit auf Positionen einigen, über die es in der Wählerschaft keinen gleichlautenden Konsens gibt. Sie vergehen sich an der Demokratie, wenn sie einander mit Verweis auf Tabus und angebliche Lehren aus der Geschichte daran hindern, den Wählern in solchen Fragen echte Alternativen zur Entscheidung anzubieten. Die Piraten machen sich um die Demokratie höchst verdient, wenn sie das nun tun.

  • Antworten
Karl Schade16.05.2012 | 18:40 Uhr

Es Ist doch eine Frage der Demokratie,

dass die politische Meinung der Bevölkerung in den Parlamenten repräsentiert wird. Dies scheint mir in der Eurofrage nicht der Fall zu sein. Obwohl ich selbst ein Befürworter dieser Währung bin, ergeben sich dabei für mich ganz erhebliche Bedenken, nicht nur bezüglich der Verfassungsmäßigkeit der ganzen Konstruktion, sondern auch bezüglich nationalökonomischer Aspekte und ganz besonders in Bezug auf die Bevormundung des Volkes. Der elitäre Ansatz, der nur einer Minderheit von Meinungsmachern und Volksvertretern die Kompetenz zur Entscheidungsfindung zuspricht, ist zutiefst antidemokratisch und hat sich in der Vergangenheit bei diversen Themen nicht bewährt. Die mangelhafte Vertretung der Eurokritiker in den Parlamenten und diversen Medien, interessant ist ja die Divergenz zwischen Politik-, und Wirtschaftspresse, ist für mich ein weiteres Argument für die Notwendigkeit einer transparenten, auf offenen Diskussionen beruhenden politischen Entscheidungsfindung. ... und nein, ich bin kein Pirat.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann17.05.2012 | 04:33 Uhr

Stellungnahme der AG Geldordnung und Finanzpolitik

Wir, die Mitglieder der Piratenpartei Deutschland, sind uns der Bedeutung der europäischen Einigung für Frieden, Freiheit, Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit auf diesem Kontinent bewusst und erkennen, dass diese Errungenschaften weder selbstverständlich noch garantiert sind, sondern einer ständigen aktiven Verteidigung und Ausgestaltung durch die Bürger Europas bedürfen.

Die AG Geldordnung und Finanzpolitik unterstützt diesen Appell pro Europa und sieht in der Krise des Euro eine Gefahr für die europäische Idee. Dabei gab und gibt es gute Gründe für den Euro. Zum einen spielt er als Alternative zum Dollar eine wichtige geopolitische Rolle. Zum anderen könnte er sowohl die wirtschaftliche als auch die politische Integration Europas wesentlich erleichtern - wenn er im Sinne und zum Wohle aller Menschen in Europa eingesetzt würde. So war es ja auch erklärtes Ziel bei der Einführung des Euro, die europäischen Volkswirtschaften konvergieren zu lassen.

Tatsächlich haben sich die Euroländer seit der Einführung der gemeinsamen Währung auseinanderentwickelt. Angesichts der daraus resultierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten in vielen Euroländern und der Probleme der europäischen Institutionen die angestrebte Stabilität zu gewährleisten, ist die Hinterfragung des Euros in seiner aktuellen Form und im Rahmen der aktuell herrschenden Politik jedoch mehr als geboten.

Genau aus diesem Grund setzt sich die AG Geldordnung und Finanzpolitik kritisch mit dieser Fragestellung auseinander. Es muss möglich sein, sich mit den Mängeln des Euro auseinanderzusetzen, ohne dass dies automatisch als grundsätzliche Ablehnung interpretiert wird. Denn das Ziel unserer Diskussion ist ein Vorschlag zur Erreichung eines in Frieden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geeinten Europas.

Dabei halten wir es ebenfalls für notwendig, Euro und ESM einer differenzierten Beurteilung zu unterziehen. So kann man sich durchaus für den Euro aussprechen und gleichzeitig den ESM ablehnen. Ist man sich jedoch einig, dass das zugrundeliegende Ziel eine Politik für die Menschen in der Eurozone und die Stärkung der Demokratie in Europa ist, so muss man bezüglich des ESM-Vertrags feststellen, dass dieser in beiderlei Hinsicht ein Schritt in die falsche Richtung ist.

Zum einen werden Entscheidungen über Auszahlungen des ESM nicht in den nationalen oder gar im europäischen Parlament diskutiert, wie man dies von einem demokratischen System eigentlich erwarten würde, sondern es findet genau die Hinterzimmerpolitik statt, die von der Piratenpartei zu Recht kritisiert wird. Zum anderen ist der ESM aber auch aus wirtschaftspolitischer Sicht fraglich, weil er dem Wohl der Menschen in der Eurozone unnötig entgegen steht. Die Auszahlungen des ESM sind mittels Fiskalpakt an massive Sparauflagen für den Empfänger gekoppelt, und das obwohl wir jetzt schon seit drei Jahren beobachten können, dass Austerität allein nicht funktioniert.

Wie also sieht die von den Piraten vertretene Alternative zum ESM aus und wie kann man den Euro für die Zukunft gestalten? Als Piraten sind wir da ehrlich: Es gibt noch keine offizielle Parteiaussage. Aber im Gegensatz zu den alten Parteien diskutieren wir das Problem offen und transparent und in den thematischen Arbeitsgruppen ist diese Diskussion inzwischen weit fortgeschritten. Aktuell werden u.a. folgenden Thesen in der AG Geldordnung und Finanzpolitik erörtert:

Mittelfristig werden Griechenland und vermutlich weitere Staaten finanzielle Hilfe brauchen. Es ist durchaus fair und angemessen, wenn man diese Hilfe an Bedingungen knüpft, zum Beispiel die der Korruptionsbekämpfung. Aber man darf die Menschen in Europa, die die geringste Schuld trifft, nicht weiter unter stetig zunehmender Austerität leiden lassen. Investitionen sind unumgänglich und für die Hilfen muss es im Zweifelsfall möglich sein, auf eine Finanzierung durch die EZB zurückzugreifen. Vor allem aber muss jede Entscheidung über dieses Mittel und die Auszahlung von Hilfen einen geordneten demokratischen Prozess durchlaufen, wie er auch bei Haushaltsgesetzen üblich ist.

Letztendlich stoßen jedoch alle kurzfristigen Hilfen dort an ihre Grenzen, wo es um die langfristige Sicherung der gemeinsamen Währung geht. Denn diese kann nur durch die Schaffung von Vorraussetzungen, die Hilfsprogramme künftig überflüssig machen, gewährleistet werden. Derzeit gibt es weder eine gemeinsame Wirtschaftspolitik noch eine ausreichende Kontrolle des Finanzsystems. Genau dies ist aber notwendig, denn allein auf Basis der Selbstregulierung der Märkte, ohne eine tiefgreifende Reform der Finanzmärkte und einem großen Schritt in der politischen Integration Europas, wird der Euro langfristig nicht zu retten sein.

Um eine derartige Integration Europas jedoch zu ermöglichen, müssen auf lange Sicht die Ungleichgewichte in der Eurozone abgebaut werden. Das ist ein schwieriger Prozess, nicht zuletzt weil er der Politik die Einsicht abverlangt, dass auch Deutschland Fehler gemacht hat. So war in Deutschland die Reallohnentwicklung im letzten Jahrzehnt schwächer als im Rest der Eurozone. Demnach müssen unsere Löhne nun stärker ansteigen als in den übrigen Euro-Ländern.

Wir werden erst im November in Bochum herausfinden, für welches Konzept sich die Piratenpartei am Ende entscheidet. Bis dahin ist die Diskussion für jeden Bürger offen und transparent einsehbar. Dabei kann natürlich so manche Aussage von Außenstehenden falsch interpretiert werden - das ist bei unserer offenen Arbeitsweise leider nicht vermeidbar. Aber wir sind davon überzeugt, dass eben diese Arbeitsweise das Risiko wert ist, weil sie der Schlüssel zu einer besseren Politik ist.

  • Antworten
Piratenpartei06.06.2012 | 12:37 Uhr

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