Nach aktuellen Umfragen könnte die Piratenpartei im Bund den Koalitionspartner geben. Aber woher kommen ihre Wähler? Sind es tatsächlich Überläufer der Grünen? Forsa-Chef Manfred Güllner in seiner Donnerstagskolumne über einen Mythos
Nachdem die Piraten bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin fast 9 Prozent erhalten haben und bundesweit in Umfragen bis zu 10 Prozent Sympathien für die neue Partei bekunden, wird in den Medien - unterstützt durch politische Akteure und Analysten jedweder Couleur – über die Herkunft der potentiellen Wähler der Piraten spekuliert. Der erste grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann meint z.B., die Piraten seien eine „männlich-dominierte Protestpartei von Internet-affinen Menschen“ und eine „Ein-Punkt-Partei“. Generell wird von vielen gemutmaßt, die Piraten kämen überwiegend aus dem „Fleisch“ der grünen Bewegung. So behauptet ein politischer Wissenschaftler der Universität Trier im Economist, die Wähler bzw. Sympathisanten der Piraten seien „mit grünen Werten“ aufgewachsen.
In Wirklichkeit aber sind die Anhänger der grünen Bewegung Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit den Sympathisanten der Piraten heute nicht zu vergleichen. Die grüne Bewegung war das, was die politische Soziologie als eine Form des „Mittelschicht-Radikalismus“ bezeichnet. Es war im Milieu der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft der Aufstand der Bürgersöhne gegen die Bürgerväter (denen sich später auch die Bürgertöchter anschlossen). Die Mehrzahl der Grünen-Wähler war bei den ersten bundesweiten Wahlen, bei denen die Grünen antraten (Europawahl 1979, Bundestagswahl 1980), zwischen 18 und 25 Jahre alt. Und bis heute sind die Grünen im Kern eine Klientel-Partei der oberen Bildungs- und Einkommensschichten („Postmaterialisten“ meist im Dunstkreis des öffentlichen Dienstes) geblieben. Untere Bildungs- oder Einkommensschichten haben nie in nennenswerter Zahl grün gewählt.
Die Anhänger der Piraten aber finden sich heute nicht nur unter den ganz jungen Wählern, sondern - mit Ausnahme der über 60-Jährigen – in allen Altersgruppen. Und die Piraten-Anhänger entstammen auch nicht – wie die Grünen bis heute – nur einem kleinen Segment der Gesellschaft, sondern sind in allen Schichten der Bevölkerung – auch den unteren sozialen und Bildungsschichten – anzutreffen. Arbeiter, Angestellte und Selbständige zeigen wie Schüler und Studenten Sympathien für die Piraten. Beamte hingegen, die überproportional den Grünen zuneigen, sind unter den Anhängern der Piraten kaum zu finden. Dabei spielt die Internet-Affinität – anders als von Kretschmann und anderen unterstellt – keine entscheidende Rolle: Anhänger der Grünen z.B. nutzen das Internet in gleichem Maße wie die Anhänger der Piraten.
Die Anhänger der Piraten sind auch nicht – wie behauptet – im schmalen Wertemilieu der Grünen aufgewachsen, sondern verkörpern in ihrer Anhängerschaft – anders als die Grünen – den pluralistischen Werte-Kanon der Gesamtgesellschaft.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, in welcher politischen Richtung sich Piraten- und Grünen-Wähler verorten.









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