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 > Wer sind die Piratenwähler?

Berliner Republik
Stimmenfänger

Wer sind die Piratenwähler?

von 
Manfred Güllner
27. Oktober 2011
Burkhard Mohr
Berlin, Piraten, Wahl, Wähler
Achtung, die Piraten schneiden gut ab

Nach aktuellen Umfragen könnte die Piratenpartei im Bund den Koalitionspartner geben. Aber woher kommen ihre Wähler? Sind es tatsächlich Überläufer der Grünen? Forsa-Chef Manfred Güllner in seiner Donnerstagskolumne über einen Mythos

Seite 1 von 2

Nachdem die Piraten bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin fast 9 Prozent erhalten haben und bundesweit in Umfragen bis zu 10 Prozent Sympathien für die neue Partei bekunden, wird in den Medien - unterstützt durch politische Akteure und Analysten jedweder Couleur – über die Herkunft der potentiellen Wähler der Piraten spekuliert. Der erste grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann meint z.B., die Piraten seien eine „männlich-dominierte Protestpartei von Internet-affinen Menschen“ und eine „Ein-Punkt-Partei“. Generell wird von vielen gemutmaßt, die Piraten kämen überwiegend aus dem „Fleisch“ der grünen Bewegung. So behauptet ein politischer Wissenschaftler der Universität Trier im Economist, die Wähler bzw. Sympathisanten der Piraten seien „mit grünen Werten“ aufgewachsen.

In Wirklichkeit aber sind die Anhänger der grünen Bewegung Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit den Sympathisanten der Piraten heute nicht zu vergleichen. Die grüne Bewegung war das, was die politische Soziologie als eine Form des  „Mittelschicht-Radikalismus“ bezeichnet. Es war im Milieu der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft der Aufstand der Bürgersöhne gegen die Bürgerväter (denen sich später auch die Bürgertöchter anschlossen). Die Mehrzahl der Grünen-Wähler war bei den ersten bundesweiten Wahlen, bei denen die Grünen antraten (Europawahl 1979, Bundestagswahl 1980), zwischen 18 und 25 Jahre alt. Und bis heute sind die Grünen im Kern eine Klientel-Partei der oberen Bildungs- und Einkommensschichten („Postmaterialisten“ meist im Dunstkreis des öffentlichen Dienstes) geblieben. Untere Bildungs- oder Einkommensschichten haben nie in nennenswerter Zahl grün gewählt.

Die Anhänger der Piraten aber finden sich heute nicht nur unter den ganz jungen Wählern, sondern - mit Ausnahme der über 60-Jährigen – in allen Altersgruppen. Und die Piraten-Anhänger entstammen auch nicht – wie die Grünen bis heute – nur einem kleinen Segment der Gesellschaft, sondern sind in allen Schichten der Bevölkerung – auch den unteren sozialen und Bildungsschichten – anzutreffen. Arbeiter, Angestellte und Selbständige zeigen wie Schüler und Studenten Sympathien für die Piraten. Beamte hingegen, die überproportional den Grünen zuneigen, sind unter den Anhängern der Piraten kaum zu finden. Dabei spielt die Internet-Affinität – anders als von Kretschmann und anderen unterstellt – keine entscheidende Rolle: Anhänger der Grünen z.B. nutzen das Internet in gleichem Maße wie die Anhänger der Piraten.

Die Anhänger der Piraten sind auch nicht – wie behauptet – im schmalen Wertemilieu der Grünen aufgewachsen, sondern verkörpern in ihrer Anhängerschaft – anders als die Grünen – den pluralistischen Werte-Kanon der Gesamtgesellschaft.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, in welcher politischen Richtung sich Piraten- und Grünen-Wähler verorten.

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der Artikel: differenziert und sachkundig - ein Lichtblick!

Hr. Güllner setzt sich mit seiner differenzierten Betrachtung der Piraten positiv von sonstigen erschreckend pauschalen und grob verkürzenden sog. „Analysen“ ab. Seine Ausführungen lassen erkennen, dass er im Gegensatz zu vielen sonstigen Autoren und anderen Personen (siehe Kretschmann im Artikel) über Sachkunde verfügt. Obwohl dies eigentlich selbstverständlich sein sollte, stellt das heute leider immer öfter die Ausnahme dar. Umso mehr ist Hr. Güllner Respekt zu bezeugen, dass er nicht dem platten Schubladendenken Anderer Vorschub geleistet hat.

Hr. Güllner hat absolut Recht, wenn er attestiert, dass sich Piraten aus der Breite der Bevölkerung „rekrutieren“ und als „heterogene Masse“ den „pluralistischen Werte-Kanon der Gesamtgesellschaft“ widerspiegeln - das kann ich aus eigener Erfahrung als Pirat nur bestätigen.
Um so mehr erfreut es mich, dies nun von unabhängiger 3. Seite zu lesen - was indirekt bestätigt, dass der Anspruch der Piraten als Bürgerpartei, die im Gegensatz zu den alten Parteien endlich einmal die Bedürfnisse der Gesellschaft aufgreift, der Realität entspricht.

Um dem oft genannten - aber von Hr. Güllner wohl weislich vermiedenen - Klischee des „Grünen-Abkömmlings“ zu begegnen: meine ursprünglich politische Haltung entstammt dem bürgerlich-konservativen Lager und ich kenne einige Piraten, die den gleichen Hintergrund haben! Wie viele andere Piraten auch bin ich durch eine Protagonistin aus ebenjenem Lager geradezu in die Hände der Piratenpartei getrieben worden: Zensursula, welche im Bundestagswahlkampf 2009 durch die Verlogenheit bei ihrem angeblichen Kampf gegen Kinderpornographie derart negativ auffiel, das es selbst an den ohnehin schon niedrig angesetzten Erwartungen gegenüber Politikern jeder Beschreibung spottete.

Richtig ist auch, dass Piraten keineswegs nur "Internet-Nerds" sind, sondern sich Viele dort engagieren, weil ihnen Bürgerrechte am Herzen liegen - jene Rechte, die durch eine vermeintliche Sicherheitspolitik zunehmend ausgehöhlt werden.

Fazit:
Im Sinne einer an den Fakten orientierten Meinungsbildung ist zu wünschen, dass mehr Artikel von dieser Güte zu lesen wären!
Vielen Dank, Hr. Güllner!

  • Antworten
Logos28.10.2011 | 14:27 Uhr

Besonderheit der Piratenbewegung

Die Piratenbewegung ist Teil einer internationalen Bewegung der Informations- und Wissensgesellschaft, mit dem Ziel die Bürgerrechte zu verteidigen, informationelle Selbstbestimmung zu gewährleisten, für Transparenz des Staates in allen seinen Verzweigungen zu sorgen und den freien Zugang zu Wissen und Bildung zu fördern.

Nachdem die Globalisierung im Wirtschaftsbereich Fakt geworden ist, hat die etablierte Politik es wieder einmal versäumt, die Zeichen zu sehen und darauf zu reagieren.

Nachdem die linken Internationalen (und niemand trauert ihnen nach, ich zumindest nicht) in die Geschichtsbücher eingegangen sind, gibt es heute bis auf die Piratenparteien eigentlich nur eine grenzüberschreitende politische Bewegung (ob es einem gefällt oder nicht)– die des mehr oder weniger radikalen Islamismus.

Fußt die radikalislamische Bewegung auf einem anderen, theokratischen Weltbild, scheint mir die Piratenidee derzeit die einzige politische Basis für die Verwirklichung der neuzeitlichen Überproduktionsgesellschaft in Freiheit.

Es ist aufschlußreich, sich den Globus unter dem Aspekt der Verbreitung der Piratenidee und des Islams anzusehen. Man findet die Bestätigung, dass es sich um sich gegenseitig ausschließenden und nicht konvergente Systeme der Grundwerte handelt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich hier langfristig die 2 Hauptvertretungsmodelle des 21. Jahrhundert auskristallisieren.

Interessanter Weise haben diese beiden Bewegungen sogar einen gemeinsamen Nenner – und zwar die Betonung des individuellen Weges zum Ziel innerhalb des von ihnen vertretenen Systems. Dabei ist auch der system-immanente Pluralismus im Islam bei fehlender Zentralisierung gegeben: Sunnitischer Islam ist anders als schiitischer Islam, und das sind nur die beiden Hauptströmungen. Dies macht die Einschätzung des Islam westlicherseits so problematisch und einheitliche Handlungsweisen so schwierig.

Ich sehe die Position der Piratenpartei weniger bei der Umsetzung von Kollektivierungsideen angesiedelt, sondern mehr bei der Förderung von Individualrechten gegenüber dem Kollektiv.

Die unwidersprochene Zustimmung zur Verteidigung der Freiheitsrechte eines jeden Individuums durch alle, die sich zu der Idee der Piratenpartei bekennen, ermöglicht es, ein breites Spektrum von Einzelmeinungen zu deren Verwirklichung zu integrieren.

Diese integrative Funktion, die allgemein mit dem Schlagwort „Volkspartei“ beschrieben wird, macht mich optimistisch, dass die Piratenpartei langfristig eben eine solche Zustimmung und nicht nur in Deutschland erreicht.

Deshalb ist die Piratenpartei nicht nur eine Protestpartei und deshalb haben es die "Anderen" so schwer gegen sie anzukommen. Sie ist sicherlich AUCH Protestpartei, schliesslich ist jede Revolution aus dem Protest entstanden.

  • Antworten
sailor201030.10.2011 | 04:29 Uhr

treffend

Danke für den interessanten Artikel. Wohltuend einen journalistischen Beitrag zu lesen, der sich darin erübrigt, die vorherrschende Pressemeinung zu wiederholen.

Dass man hier mitnichten eine weitere linke Partei vor sich hat, sieht man meines Erachtens an dem Beschluss des Parteitags zur Aufnahme der Abschaffung der IHK-Zwangsmitgliedschaft in das Wahlprogramm bei gleichzeitigem Beschluss eines Grundeinkommens. Dieser Pragmatismus ist sehr erfrischend und schafft vielleicht den Spagat zwischen Arbeitnehmern und -Gebern.

Ich habe früher SPD und FDP gewählt, nun die Piraten

  • Antworten
Geisterfalle27.12.2011 | 12:38 Uhr

Der Mensch als Mittelpunkt der Politik

Die Piraten könnten die FDP ersetzen, ohne deren Programm oder das, was der Parteivorstand der FDP dafür hält, zu übernehmen.
Die übrigen Parteien sollten endlich erkennen, daß es Aufgabe der Poltik ist, die Menschen wieder in den Mittelpunkt aller Bemühungen zu stellen und nicht Wirtschaftssubjekte oder Finanzinstitutionen.
Ob dies alsbald gelingt, dürfte insbesondere davon abhängen, ob die Altparteien endlich zu neuen Ufern aufbrechen oder ob sie dazu mittlerweile schon zu schwach sind.

  • Antworten
Yvonne Walden31.12.2011 | 17:36 Uhr

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