Offen und Ehrlich? Sich einfach mal aussprechen? Klartext ist doch überbewertet! Man denke nur an den öffentlichen Austausch zwischen Seehofer und Röttgen. Vielleicht doch lieber von einer all zu deutlichen Ansprache seitens der Exekutive verschont bleiben. Schön verpackte Probleme lassen sich einfach leichter verkraften
Mal ehrlich, diese Offenheit, die neuerdings überall zelebriert wird – mein Ding ist das nicht. Vor ein paar Jahren war ich mal bei der Paartherapie, als es in der Beziehung nicht besonders gut lief. Am Anfang der Sitzung hieß es, die Beteiligten sollten jetzt bitte ohne Scham und falsche Zurückhaltung darüber reden, was ihnen am jeweils anderen auf die Nerven geht.
Das Ganze endete in einem ziemlichen Desaster: Man hatte Dinge gesagt, die man aus gutem Grund am liebsten für sich behalten hätte – und Sachen über sich selbst erfahren, die auch nicht besonders schmeichelhaft klangen. Was dazu führte, dass die Therapie schon nach der ersten Stunde endgültig gescheitert war: Zwei Singles verließen die Praxis, die sie kurz zuvor noch als Partner betreten hatten. Der Nächste, bitte!
Warum sollte aber in der großen Politik eine Methode funktionieren, die schon im kleinsten privaten Kreis zu derart üblen Verwerfungen führt? Denken Sie nur an Horst Seehofers extemporierten Auftritt im „Heute-Journal“, als er dem ohnehin reichlich zerzausten Norbert Röttgen noch einmal öffentlich den Kopf wusch („Sie können das alles senden“):
Bereits am nächsten Tag war die Scheidung vollzogen, und der Umweltminister konnte die Bruchstücke seiner hoffnungsvollen Karriere vor der zugeschlagenen Kabinettstür einsammeln. Bürgerliche Umgangsformen sehen jedenfalls anders aus, und dass das Sorgerecht für Röttgens Ressort ausgerechnet einem alten Freund übertragen wurde, macht die Sache nur noch schlimmer.
Nun lautet ja der Vorwurf, Röttgen habe das hässliche Drama selbst heraufbeschworen, weil er im Wahlkampf sämtliche Fragen nach seiner weiteren Lebensplanung unter den Teppich kehren wollte. Ich halte das für Quatsch. Oder glauben Sie ernsthaft, die explizite Androhung, nach einer Niederlage als Oppositionsführer in Düsseldorf zu bleiben, hätte ihm in NRW auch nur eine Stimme mehr eingebracht? Eben. Klartext wird einfach überbewertet.
Besonders rätselhaft erscheint mir, warum ausgerechnet Journalisten ständig darüber klagen, dass Politiker immer noch viel zu selten deutliche Worte fänden. Immerhin lebt ja die ganze Branche davon, justement die undeutlichen Worte so lange hin und her zu interpretieren, bis die Kommentarspalten gefüllt und die Berichte mit in allerlei „Hintergrundgesprächen“ gewonnenen Informationen aufgeschrieben sind.
Wenn stattdessen Klartext zur lingua franca des politischen Betriebs würde, könnte kein Hauptstadtkorrespondent mehr davon träumen, die alleinige Deutungshoheit über das Regierungshandeln zu besitzen, und lieb gewonnene Formulierungen („wie aus dem Umfeld der Kanzlerin verlautete“ etc.) gehörten der Vergangenheit an. Diesen Kulturbruch kann niemand ernsthaft wollen, erst recht nicht in meinem Gewerbe.
Aber auch als Bürger dieses Landes möchte ich doch sehr darum bitten, vor einer allzu deutlichen Ansprache seitens der Exekutive verschont zu bleiben. Stellen Sie sich nur einmal vor, Angela Merkel würde plötzlich in den Gregor-Gysi-Duktus verfallen und uns auf einem Parteitag darüber in Kenntnis setzen, dass die CDU sich gerade „selbst zerstöre“.
Da würde einem doch angst und bange! Überhaupt ist Gysis Göttinger Wutrede der beste Beweis dafür, wie kontraproduktiv Ehrlichkeit sein kann. Horst Seehofer, zum Beispiel, wäre doch niemals bayerischer Ministerpräsident geworden mit einem Satz wie „Es ist besser, sich fair zu trennen, als weiterhin unfair, mit Hass, mit Tricksereien, mit üblem Nachtreten eine in jeder Hinsicht verkorkste Ehe zu führen“?
Bei dem hieß es damals aus gegebenem Anlass in eigener Sache lediglich „Die Familie Seehofer bleibt zusammen.“ Hätte Röttgens Missgeschick nicht so ähnlich aus der Welt geschafft werden können, irgendwie nach dem Motto „Der Norbert gehört weiterhin zur Familie“?
Stattdessen: Klartext, Türenknallen, Tränen und Zähneklappern. Wenigstens verweigerte sich die Kanzlerin dem unguten Trend zur Aufrichtigkeit und rief ihrem geschassten Minister ein versöhnliches „Ich danke Norbert Röttgen für sein großes klimapolitisches Engagement“ hinterher. Für „Lass uns Freunde bleiben!“ hat es dann leider nicht mehr ganz gereicht











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