In den Talkshows und überregionalen Zeitungen wurde es hoch gehandelt: das vom SPD-Duo Peer Steinbrück und Helmut Schmidt vorgelegte Buch „Zug um Zug“. Was steht drin? Und wird es Steinbrücks Kanzlerallüren weiterhelfen? Unser Mittwochskolumnist Alexander Marguier hat das Buch gelesen – mit Entsetzen
Um es gleich einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Das aktuelle Gemeinschaftswerk von Helmut Schmidt und Peer Steinbrück ist eine echte Mogelpackung. Zumindest dann, wenn man den Klappentext für bare Münze nimmt. Dort heißt es, diese beiden „bedeutendsten Politiker ihrer Generation“ kämen „zur Sache – gezielt, ohne Politjargon, Zug um Zug“. In Wahrheit ist das, was da auf 300 Seiten zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurde und jetzt für immerhin 25 Euro pro Exemplar auf den Bestsellertischen der treudoofen Kundschaft harrt, ein einziger Laberflash zweier älterer Herren, die einander immer wieder ihre Einzigartigkeit versichern – sich dabei aber inhaltlich schön brav auf dem Niveau der Kommentarleisten jeder beliebigen Regionalzeitung bewegen.
Dieser Basso continuo eines „Es muss doch mal gesagt werden, dass…“ ist noch deutlich weniger spannend als die von den hochmögenden Autoren mit bildungsbürgerlichem Dünkel gescholtenen Fernsehtalkshows, die ja in ihrem eigenen Fall immerhin dafür herhalten können, dieses Zwiegespräch in gedruckter Form unters Volk zu bringen. So viel Verlogenheit darf sicherlich sein, wenn es denn dem Abverkauf dient. Aber die eigentlich frappierende Erkenntnis für den Leser besteht darin, dass eine banale Unterhaltung nicht an Tiefe gewinnt, wenn man sie schwarz auf weiß besitzt und getrost nach Hause tragen kann. Es sei denn, der eine oder andere Hardcore-Verehrer möchte sich immer wieder an Dialogen wie dem folgenden ergötzen:
Schmidt: „Aber Sarrazin war wahrscheinlich Abteilung IV.“
Steinbrück: „Der war Wirtschaft, richtig. Hieß der Abteilungsleiter Schuhmann?“
Schmidt: „Nein. Horst Schulmann, ein wunderbarer Kerl, ein erstklassiger Ökonom mit großem internationalen Ruf in der damaligen Zeit. Sie haben eben Bernd von Staden erwähnt. Der war der Leiter der Abteilung Außen- und Sicherheitspolitik. Haben Sie den in Erinnerung?
Steinbrück: „Ja, zumal seine Tochter am Amos-Comenius-Gymnasium in Godesberg Schülerin meiner Frau war und sie nicht weit von uns entfernt wohnten. Aber noch mehr habe ich Hans Otto Bräutigam in Erinnerung. Der war Leiter Ihres deutschlandpolitischen Stabs.“
Schön, dass Schmidt/Steinbrück auch in solchen Angelegenheiten derart offen reden, sonst wären diese weltbewegenden Details womöglich irgendwann in Vergessenheit geraten.
Natürlich geht es auch um große Themen, um die Zukunft Deutschlands und Europas, um internationale Politik und die Weltfinanzkrise. Aber nicht auch nur eine Passage lässt ungeahnte Perspektiven aufschimmern oder vermittelt unerhörte Erkenntnisse. Der Schachtisch, über den hinweg Helmut Schmidt und Peer Steinbrück sich offenbar unterhalten haben, erfüllt seine Funktion als Stammtisch recht gut; dass sich dort zwei große Strategen ihre Gedanken machen – Zug um Zug, wie der Titel es insinuiert –, ist beim besten Willen nicht zu erkennen. Vieles wird angesprochen, wenig zu Ende geführt.
Die USA am Scheideweg? „Man wird als Europäer wenig Einfluss auf diese Entwicklung haben. Man muss gelassen abwarten, wie die Amerikaner ihre eigenen Geschicke gestalten.“ (Schmidt). „Ich habe den Eindruck, dass ein Paradigmenwechsel in der amerikanischen Finanzpolitik vorgenommen werden muss, der allerdings nur sehr schwer zu vermitteln ist und angesichts der fiskal-populistischen Haltung vieler Republikaner neue Zerreißproben begründen würde.“ (Steinbrück)
Griechenland vor dem Staatsbankrott? „Die Deutschen sollten sich aus der Griechenland-Polemik heraushalten. Aber sie sollten sich, wie die übrigen Europäer auch, daran erinnern, dass die Demokratie ihre Wiege in Griechenland hatte, in den ionischen Städten, genauer gesagt.“ (Schmidt) „Man darf den Griechen ihren Stolz nicht nehmen.“ (Steinbrück). Und so weiter wie gehabt. Steinbrücks in diesem Zusammenhang gewonnene Einsicht, „das deutsche Gewicht in Brüssel“ habe in den vergangenen Monaten wegen des „Versagens“ der Bundesregierung „deutlich abgenommen“, kann man getrost unter Wahlkampfrhetorik verbuchen, die dieses Buch zuhauf bietet.
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