Flüchtlinge werden in Ruhe gelassen. Das sei ihr Recht, sagt der Staat. Der Afrikaner Kelly Michael wurde auch in Ruhe gelassen. So starb er alleine und unbemerkt in einem Thüringer Flüchtlingsheim an Aids. Heute gedenkt die Welt der weit verbreiteten Seuche
Das, was Ende von dem Mann namens Kelly Michael übrig bleibt, hat den Klang eines zynischen Witzes. Nachdem der Mann in einem Lager in Thüringen einsam starb, die Staatsanwaltschaft die Legalität seines Todes festgestellt, das Amt den Fall für beendet erklärt und die Gemeinde die Leiche verbrannt hat, wird der Nachwelt einzig das erhalten bleiben, was im Obduktionsbericht geschrieben steht. Eine „landkartenartige Zeichnung“, so kann man lesen, erkannte man an den „Schnittstellen der Verfestigung der Lungengewebes“. Die durch HIV geschwächte und schließlich an einer Lungenentzündung kollabierte Lunge des Kelly Michael sieht also aus wie eine Landkarte. Die Lunge des Mannes, der nie irgendwo zu Hause war, dessen Herkunft im Dunklen liegt – und von dem nach seinem Tod vor ein paar Wochen nichts weiter bleibt als ein paar Aschenkrümel an unbekanntem Ort.
„Der Mann ist mit seinem Tod sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden. Im besten Fall ist er ein nicht tilgbarer Vorgang im Archiv.“ Das sagt kein Flüchtlingsvertreter, das sagt Friedrich Krauser, als stellvertretender Landrat zuständig für das Flüchtlingslager in der thüringischen Rhön-Gemeinde Gerstungen, wo Michael starb. Krauser hasst die Umstände.
Das Leben und Sterben Kelly Michaels zu rekonstruieren fällt schwer, man muss sich auf wenige, oft sich widersprechende Angaben verlassen. Geboren wurde er vor 37 Jahren, und schon hier fangen die Widersprüche an. In offiziellen Dokumenten, die auf Michaels eigenen Angaben beruhen, ist immer von Liberia als Geburtsort die Rede, allerdings wurde ein nigerianischer Pass im Nachlass gefunden. Vor neun Jahren kam Michael als Asylbewerber nach Deutschland. Nach einem längeren Aufenthalt in, wahrscheinlich, Spanien kam er im Frühjahr dieses Jahres zurück in die Bundesrepublik, lebte seit dem 18. Mai im Lager in Gerstungen. Schwer erkrankt an HIV kam er am 27. Juni für zehn Tage in ein Jenaer Krankenhaus, erholte sich, kam zurück nach Gerstungen. Wo er mehrere Wochen später starb.
Dass Michaels Tod Interesse erregte, lag schließlich daran, dass andere Bewohner des Hauses schwere Vorwürfe gegen die Heimleitung erhoben: So soll die Leiche zehn Tage im Zimmer gelegen haben, hießt es. Erst beißender Gestank habe dazu geführt, dass ein Arzt und schließlich der Leichenwagen gerufen wurden. Der Thüringer Flüchtlingsrat machte sich die Version zu eigen, ebenso die Flüchtlings-Organisation „The Voice“. Die Behörden weisen die Vorwürfe indes strikt von sich: So habe Michael Kelly nur vier Tage tot in seinem Zimmer gelegen.
Erst seit diesem September wird das Flüchtlingslager in Gerstungen, eine ehemalige Grenzkaserne, vom Kreis betrieben. Vorher war es in privater Trägerschaft. Eine halbe Million Euro, so der stellvertretende Landrat Krauser, sei in den vergangenen eineinhalb Jahren vom Kreis in die Sanierung investiert worden, neue Heizungen, neue Elektronik, Schönheitsreparaturen.
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