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Berliner Republik

SteinbrückWarum Merkel die SPD jetzt fürchten muss

Von Christoph Schwennicke28. September 2012
picture alliance
Angela Merkel,Bundeskanzlerin,CDU-Vorsitzende,ängstlich
Angela Merkel muss eine Revolte fürchten, kein freundliches Beiseiteschieben
Schrift:

„Es ist die Gerechtigkeit, Dummkopf!“ Wenn der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in seinem Wahlkampf die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich thematisiert, könnte er für Angela Merkel im Bundestagswahlkampf 2013 sehr gefährlich werden. Ein Kommentar

Wer wollte, konnte den Kandidaten in ihm schon hören, bevor er überhaupt Kandidat war. Denn den Schlüsselsatz seines Wahlkampfes führt Peer Steinbrück schon seit einigen Tagen im Munde. Bisher ist dieser überhört worden, obwohl er so viel sagt. Peer Steinbrück sagt, er wolle  es nicht nur besser, sondern anders machen als die amtierende schwarz-gelbe Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel.

Dieser Satz klingt vertraut. Er ist die Umkehrung der entscheidenden Aussage von Gerhard Schröder im Wahlkampf 1998. Damals hatte Schröder immer wieder betont, die SPD wolle in der Regierung nicht alles anders, aber vieles besser machen. Im Kanzlersessel saß Helmut Kohl, den man eher respektvoll vom Thron schieben als stürzen musste. Es gab eine Wechselstimmung, man brauchte keinen konfrontativen Wahlkampf. „Ist schon Recht, Helmut, es war nicht alles falsch. Aber jetzt ist es mal gut.“ Das war die sanfte Methode Schröder gegen einen verdienten Patriarchen im Herbst seiner Macht.

Jetzt ist alles anders. Es gibt keine Wechselstimmung. Merkel ist nach sieben Jahren Kanzlerschaft nicht im gleichen Stadium wie Kohl nach 15 Jahren. Deshalb kann Steinbrück sie nicht generös in die Ahnengalerie wegloben, wie es einst Schröder mit Kohl gemacht hat. Steinbrück muss Merkel stürzen. Er muss die Bundesregierung frontal angreifen, einen Politikwechsel versprechen. Daher stützt er sich nun in den „Anders“-Wahlkampf statt in den „Besser“-Wahlkampf. 

Für Manche steht bereits fest, dass das nicht klappen kann. Die „Zeit“ weiß ausweislich des aktuellen Titels schon genau: Die SPD wird den Kanzler im kommenden Jahr nicht stellen – und die Partei wisse dies auch.

Diese Behauptung ist doppelt kühn. Denn so gelaufen ist die Sache für Merkel auch wieder nicht. Ja: Sie sitzt fest im Sattel der Macht. Aber: Mit Steinbrück und einer klugen Wahlkampfstrategie kann ihr die SPD gefährlich werden.

Die Kanzlerin hat bereits erklärt, welches Thema ihr am liebsten wäre: Europa. Das ist weniger eine Prognose als ein Wunsch, ein frommer Wunsch. So hätte es Angela Merkel gerne, weil sie da als Amtsinhaberin beim Wähler mit einem großen Bonus rechnen kann. Ohne durchzublicken, haben die meisten Deutschen das Gefühl, in Sachen Eurokrise bei ihr gut aufgehoben zu sein. Je mehr Griechen und andere mit mehr oder weniger geschmackvoll historischen Analogien über das deutsche Spardiktat schimpfen, umso mehr fühlen sie sich in diesem Gefühl bestärkt.

Deshalb hat Steinbrück für seine erste Attacke als SPD-Kanzlerkandidat auch eine weiche Flanke für dieses Thema gesucht: Er ist nicht auf Merkel und ihre Krisenpolitik los, sondern auf die Banken und deren Domestizierung, die so dringend notwendig erscheint. Sein Bankenkonzept sagt in Kürze: Die Banken dürfen nicht länger das Geld der anständigen Leute einsammeln und damit an den globalen Roulettetisch zum Zocken gehen, das Risiko dieser Zockerei aber wieder den kleinen Bankkunden in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler aufbürden.

Das zieht. Und das zieht dann auch gegen die Kanzlerin. Steinbrücks Bankenkonzept wohnt ein unmoderner Gedanke inne, den man schon lange nicht mehr gehört hat. Gerade deshalb ist er so gefährlich für die Amtsinhaberin: Gerechtigkeit, es geht um Gerechtigkeit. „It‘s the economy, stupid!“ haben die Wahlkampfstrategen des Ex-US-Präsidenten Bill Clinton einst in dessen Kampagne das zentrale Thema benannt.

„Es ist die Gerechtigkeit, Dummkopf!“: Das ist die Variante dieses Satzes, mit dem die SPD gegen die Kanzlerin antreten möchte.

Der Boden für eine solche Kampagne ist bereitet. Die Bundesregierung selbst hat gerade einen Reichtumsbericht vorgelegt, der das belegt. Die Schere zwischen Arm und Reich geht in der Gesellschaft immer mehr auf. Ein Zehntel der Bevölkerung verfügt inzwischen über die Hälfte des Privatvermögens. Die Mittelschicht (früher bekannt als: die Mitte) guckt in die Röhre, und die Ärmsten haben abzüglich der Inflation in den vergangenen zehn Jahren unterm Strich zehn Prozent weniger in ihrem Portemonnaie. Man muss schon ein hartgesottener Konservativer sein, in seinen Ansichten und Feindbildern unerschütterlich gefestigt, um aus dieser Entwicklung die Parole „Mehr Wohlstand für alle“ ableiten zu können.

Darauf wird die SPD mit Peer Steinbrück abheben: Es geht nicht mehr gerecht zu in dieser Welt. Es geht nicht mehr gerecht zu in diesem Land. Und da können Partei und Kandidat einen Nerv treffen – bis weit in eine frustrierte Mittelschicht hinein.

Und damit bis weit in die FDP hinein. Vor ein paar Tagen hat Wolfgang Kubicki, der Liberale von der Küste, ein Buch über Peer Steinbrück vorgestellt und eine Anhebung des Spitzensteuersatzes für richtig und geboten erachtet (eine Wiedereinführung der Vermögensteuer wegen schädlicher Nebeneffekte übrigens nicht). Natürlich ist Kubicki nicht die FDP. Aber er ist auch die FDP.

Wenn es der SPD darüber hinaus gelingt, über Themen wie das Betreuungsgeld, der Union ein antiquiertes Gesellschaftsbild anzuhängen, was schon in Steinbrücks Wort von der „spießigen Biedermeieridylle des vorigen Jahrhunderts“ anklang, dann könnte bei aller Popularität der Kanzlerin in den kommenden zwölf Monaten auf alle Fälle ein sehr spannender Wahlkampf auf uns zukommen. Der Ausgang der Bundestagswahl ist mit der Kür von Peer Steinbrück zum SPD-Kanzlerkandidaten offener, als sich dies mancher derzeit vorstellt.

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Und: Gratulation zum Bekenntnis "der ISLAM" sei "Teil Deutschlands" das ist eben der große Unterschied zu Helmut Schmidt und Helmut Kohl... gleichzeitig fiel der NSU-Skandal aber in die Ära "MERKEL". Ein Schelm wer böses dabei denkt, waren die Akteure doch auch "Ossis"...

  • Antworten
STAATSAFFÄREN29.09.2012 | 10:13 Uhr

Was will Kandidat Peer Steinbrück?

Wer immer sich hinter "STAATSAFFÄREN" verbirgt, die Darlegungen erscheinen aus meiner Sicht eher einfältig und weniger vielfältig. Sei`s drumm.
Zunächst stellt sich mir die Frage: "Regiert" Frau Merkel wirklich? Wer steht im Geiste hinter ihr und hinter den Unionsparteien?
Beim Blick hinter die Kulissen der Politik wird schnell klar, daß auch die CDU/CSU eine von Lobbyisten aus Wirtschaft und Finanzwelt getriebene Parteienunion ist.
Dies zeigt sich beispielsweise an den Arzneimittelpreisen, die hier in Deutschland noch immer deutlich höher sind als etwa im europäischen Ausland.
Sichtbar wird der Einfluß der Wirtschaftslobbyisten auch bei den Parteispenden.
Die Unionsparteien erhalten den Löwenanteil der Spendengelder aus den Verbänden des Unternehmertums, natürlich nicht ohne Grund und Hintergedanken.
Also dürfte in der Konsequenz eigentlich niemand - außer den Oberen Zehntausend und deren Helfershelfer in den Verbänden und Vorständen - die Unionsparteien und damit Frau Merkel wählen, oder?
Nun zum Kandidaten Steinbrück. Für welche politischen Zielvorstellungen steht er wirklich? Will er wirklich die Großbanken "an die Kette legen", wie dies unter anderem der Wirtschaftsprofessor Dr. Rudolf Hickel (Buchtitel: "Zerschlagt die Banken") vehement fordert?
Frau Merkel will "Europa" zum Wahlkampfthema machen. Fraglich scheint, ob wir in Europa auf dem richtigen Weg sind?
Europa als Staatenbund oder Bundesstaat ist nur sinnvoll, wenn dieses Europa sozial-gerecht gestaltet wird.
Dann müßte endlich Schluß sein mit der ungerechten Einkommens- und Vermögensverteilung.
Dies wäre auch ein wichtiges Steinbrück-Thema, wenn es der Kandidat Steinbrück wirklich ernst meint mit einer konsequenten Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit in allen Lebensbereichen, auch und insbesondere in Wirtschaft und Arbeitswelt.
Ein weiter Weg zwar, aber der einzig Richtige!

  • Antworten
Yvonne Walden30.09.2012 | 10:47 Uhr

Steinbrück....

Ihrem Kommentar kann ich nur beipflichten, höchstens noch die Empfehlung das Buch von Sahra Wagenknecht "Freiheit statt Kapitalismus" zu erwähnen,eine geballte Ansammlung von Wahrheiten.
In einer satirischen Zeitung erlaubte ich mir aufgrund eines Artikels gleichen Themas die Bemerkung: "....dann wird alles ganz anders, der Peer spannt dem Oskar die Sahra aus und die verstaalichen alles, es kommt wieder Ordnung in den schwarzen Laden und rote Freude auf...."
Nicht verzweifeln, lächeln und draufhauen!

c - inribonax

  • Antworten
Heinz Boxan30.09.2012 | 18:34 Uhr

Staaten ohne Gerechtigkeit sind wie große Räuberbanden ...

Ja, es ist an der Zeit, dass sich die SPD auf ihre Kernkompetenz der gesellschaftlichen Solidarität besinnt und beim Namen nennt, dass "Staaten ohne Gerechtigkeit wie große Räuberbanden sind", wie Augustinus im 4. Jh. feststellte. Zur Zeit handeln alle nach der Maxime "Autorität und nicht Gerechtigkeit schafft das Gesetz", in unseren real existierenden Demokratien setzen sich Renitenz und Penetranz durch, "ein jedes ist, wie's jedem scheint", und alle wundern sich anschließend über die Resultate. Ich hoffe auf die Vernunft der Wähler und "günstigen Wind" für Steinbrück und Europa!

  • Antworten
Blase30.09.2012 | 12:57 Uhr

"In der Zeit von 1998 bis

"In der Zeit von 1998 bis 2008 verabschiedete der Bundestag nach amerikanischem und britischem Vorbild insgesamt 38 Gesetze und Verordnungen, die zur „Förderung und Liberalisierung der Finanzmärkte und des Bankensektors“ beitrugen.

Ein Teil dieser Liberalisierungsgesetze fiel in die Amtszeit von Finanzminister Peer Steinbrück (2005 – 2009), der sich nun offen um die Kanzlerkandidatur bewirbt. Er ist der Wolf im Schafspelz."

von Günther Lachmann, Geolitico

  • Antworten
Hitch Koch30.09.2012 | 17:19 Uhr

Ein unmoderner Gedanke, den man lange nicht gehört hat?

"Gerechtigkeit" hat man als Lippenbekenntnis bei der SPD schon immer mal wieder gehört. Regelmässig vor jeder Wahl. Und ebenso regelmässig wird das Thema nach der Wahl von ihr fallengelassen. Wieso die Wähler dieses Mal wieder auf den Unsinn reinfallen sollen und wieso dies nun DER heisse Wahlhit sein soll, der die Menschen an die Wahlurne für die SPD treibt, erschliesst sich nicht.Zumal der Gedanke der Gerechtigkeit für den Kommentator ein unmoderner Gedanke sein mag, ebenso wie für den Rest der Parteienlandschaft - für die Linke ist sie seit Jahren Hauptthema. Sicher ist die Gerechtigkeit dort auch besser aufgehoben.

  • Antworten
julius lieske01.10.2012 | 00:42 Uhr

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