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Berliner Republik

BildungsberichtWarum ist der soziale Aufstieg so schwer?

Von Anja Kühne23. Juni 2012
picture alliance
Kind, Schule, Bildung, Karriereleiter, Klötzchen bauen
Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten haben es im deutschen Schulsystem schwerer, nach oben zu klettern
Schrift:

In Berlin wurde am Freitag der Nationale Bildungsbericht von Bund und Ländern vorgelegt. Dieser zeigt: Zu viele Menschen mit geringer Bildung schaffen den sozialen Aufstieg nicht. Doch woran liegt das?

Seite 1 von 2

Die deutsche Bildungslandschaft verändert sich in vielen Bereichen. Doch der Sockel von Menschen mit sehr geringem Bildungsniveau bleibt stabil. Das geht aus dem vierten Nationalen Bildungsbericht hervor, der am gestrigen Freitag in Berlin vorgestellt wurde: „Angesichts der immer engeren Koppelung von Bildungschancen an Lebenschancen ist das die größte politische Herausforderung“, erklärt Andrä Wolter, Professor für Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität und Mitautor der Studie. Der Bericht „Bildung in Deutschland 2012“, den eine Gruppe von Wissenschaftlern unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) erarbeitet hat, wird im Auftrag von Bund und Ländern erstellt.

Der Anteil von Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss sank zwischen den Jahren 2004 und 2010 leicht: von acht auf 6,5 Prozent. Der Abstand der Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund zu den Deutschstämmigen bleibt bestehen: Unter den 30- bis 35-Jährigen haben zehn Prozent keinen Hauptschulabschluss und 37 Prozent keinen beruflichen Abschluss. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund steigt jedoch stetig: Unter den 24-Jährigen liegt er bei 23 Prozent, bei den unter Einjährigen bereits bei 35 Prozent.

Wegen des Geburtenrückgangs entspannt sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt, so dass weniger Jugendliche in das Übergangssystem wechseln müssen. Doch ihr Anteil an den Neuzugängen in die berufliche Bildung liegt noch immer bei 30 Prozent.

Noch immer wächst fast jedes dritte Kind in Deutschland in „mindestens einer Risikolage“ auf, stellen die Wissenschaftler fest. Das entspricht dem Stand bei der letzten Untersuchung vor zwei Jahren. Als die drei Risikolagen, die den Bildungserfolg gefährden können, gelten ein bildungsfernes Elternhaus oder eins, indem beide Eltern arbeitslos sind, sowie ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze. In Berlin haben 44 Prozent der Kinder mindestens eine Risikolage, damit liegt Berlin bundesweit vorn.

Seite 2: Warum auch die Politik auch bei den Hochschulen vor großen Herausforderungen steht

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Blockadehaltung der Etablierten gegenüber dem Proletariat

"Der Staat müsse sich Gedanken darüber machen, dass sein Angebot die Bedürfnisse der Eltern nicht befriedige, erklärte Horst Weishaupt vom DIPF. Die Frage stehe im Raum, ob der hohe Anteil von Privatschülern noch dem Geist der Verfassung entspreche. Dort werden Hürden für Gründungen „privater Volksschulen“, etwa ein „besonderes pädagogisches Interesse“, formuliert."
Das sogenannte dreigliedrige Schulsystem (Grundschule, alternativ Hauptschule/Realschule oder Gymnasium) wurde jahrzehntelang von den sogenannten konservativen Parteien (CDU/CSU/FDP) favorisiert.
Hintergrund war, daß der Nachwuchs aus bessergestellten Kreisen möglichst nicht gemeinsam mit dem Nachwuchs des Proletariats die Schulbank drücken solle.
Die Kinder der sogenannten Mittel- und Oberschicht sollten unter allen Umständen die Hochschulreife erwerben, ein universitäres Studium absolvieren und dadurch automatisch zu Besserverdienenden werden.
Diese Einstellung sitzt tief, und zwar noch immer bei Mitgliedern und Wählerinnen/Wählern konservativer und elitärer Parteien.
Und genau diese Abwehrhaltung der Etablierten gegenüber den sozial Schwachen und Bildungsfernen macht den sozialen Aufstieg so schwer!

  • Antworten
Yvonne Walden23.06.2012 | 11:15 Uhr

falsch

Ich habe Dutzende von Mitschülern in der Grundschule gehabt deren Eltern Arbeiter (Sie nennen es "Proletariat") waren und die mit mir anschl. aufs Gymnasium gegangen sind. "Komischerweise" waren es immer die fleissigen Schüler aus Arbeiterfamilien die mit mir Nachmittags gelernt haben. Einem Großteil war jedoch die Schule egal, der Fussballplatz war ihnen wichtiger.
Es liegt an der Einstellung zur Bildung in einem Haushalt ob Schule wichtig genommen wird (und Eltern u.a. auch auf dem Elternabend erscheinen) oder keinen hohen Stellenwert hat.
Da der Anteil der "Proletarier" in unserer Gesellschaft abnimmt wird sich dieses Problem von alleine lösen - was die ganzen Betroffenenverbände natürlich nicht sehr erfreut.

  • Antworten
Stefan23.06.2012 | 13:50 Uhr

Warum ist der soziale Aufstieg für bestimmte Schüler so schwer?

Es stimmt ja nicht, dass der soziale Aufstieg für alle Immigranten so schwer ist - er ist nur für bestimmte Imigrantengruppen so schwer. Asiaten und Osteuropäer haben i.d.R. keine Probleme sich recht gut zu integrieren, andere Immigrantengruppen hingegen schaffen es nicht. Haben sich diese Gruppen mal gefragt warum dies so ist?
Antwort: oftmals liegt es an einem selbst. Bildung bedeutet sich auf den Hintern zu setzen und sich die Sprache und die Kultur des Landes anzueignen in dem man lebt. Damit hat man die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration geschaffen.
Ich habe es während meines Lebens im Ausland so gemacht - es hat perfekt funktioniert. Und bei meinen Angestellten ist es heute das Gleiche: Immigranten die fleissig sind schaffen es (und legen bewundernswerte Karrieren hin), wer hingegen meint er müsse nichts tun und die Integration käme von alleine der schafft es i.d.R. nicht. Klingt vielleicht etwas hart - ist aber so.

  • Antworten
Stefan23.06.2012 | 12:21 Uhr

Sozial Schwache sollen doch überhaupt keine Bildung haben

Hallo,

wenn unsere Regierugn will, dass auch sozial Schwache Bildung bekommen, warum kürzen diese dann immer die Bildungsausgaben für Alg2 und so. Hört mir doch auf mit dem Geschwätz. Es ist doch überhaupt nicht gewollt, dass sich diese Menschen weiterbilden. Selbst wenn sie sich dann weiterbilden, dann bekommen sie keine Chance.

freundliche Grüße
Josef

  • Antworten
Josef24.06.2012 | 08:42 Uhr

Der soziale Aufstieg ist auch

Der soziale Aufstieg ist auch deshalb so schwer, weil nicht alle oben sein können. Das gilt für jegliche, auch für eine sozialistische Gesellschaftsform. Das bedeutet: Wenn es nur eine begrenzte Anzahl von Häuptlingen geben kann, muss die Fluktuation größer werden. Da gibt es aber nicht nur gewollte Mechanismen, die das erschweren. Abgesehen von der verständlichen Abwehr eines sozialen Abstiegs (den es aber auch gibt) in den führenden Schichten wäre da die Erziehung, die einerseits aus dem Erwerb von Bildung und den entsprechenden Abschlüssen besteht (Sache von Schule und Universitäten), andererseits aber aus dem Erwerb auf Neudeutsch so genannter social skills, was nichts anderes darstellt als das, was man früher Etikette nannte. Sie beinhaltet nur zum Teil das später noch in Benimmkursen erlernbare Verhalten in bestimmten Situationen, sondern eben auch - und das ist das eigentlich Wichtige - das Austarieren von Selbstbeherrschung und Durchsetzungsvermögen, bei gleichzeitigem Respekt gegenüber dem Gegenüber, die Kenntnis kultureller Hintergründe und vieles mehr. Der Erwerb dieser Qualitäten ist aber unbedingt eine Sache des Elternhauses. Der lässt sich - vor allem vor dem Hintergrund einer zu beobachtenden Verrohung der Sitten, auch in den höheren Schulen - nirgends anders unterbringen. Von den Medien wird diese Verrohung noch zusätzlich als erstrebenswerte Coolness unterschwellig untermauert, wenn in vielen Bereichen das unsägliche Geduze unbekannter, auch älterer Personen die Regel ist, wenn in vielen Unterhaltungssendungen, aber auch in der Werbung respektloses Verhalten als witzig dargestellt wird.
Die oberen Zehntausend und ihre Kinder wissen, dass es das eben nicht ist. Sie wissen zu unterscheiden und haben deshalb dann oft die bessere Startposition und wegen der erlernten Selbstdisziplin nicht selten den längeren Atem.
Ein Trugschluss der gesamten so genannten Bildungspolitik (vor allem seit der Kompetenzdebatte) ist, dass man jungen Menschen einige wenige Techniken (Kompetenzen) beibringen kann und sie damit Karriere machen. Man muss nur hoffen, dass auf lange Sicht es verstärkt nur die schaffen, verantwortungsvolle Posten zu bekommen, die die Verantwortung aufgrund ihrer vernetzten Kenntnisse und Denkfähigkeiten, aufgrund ihres Charakters und des Respekts gegenüber den Menschen auch tragen können. Bei allem Verständnis für den hehren Wunsch, diese Positionen allen offenzuhalten, sollte es doch eine Grenze geben, die eben nicht nur diese Kompetenzen berücksichtigt. Die hat nämlich auch jeder skrupellose Banker oder Konzernchef oder Politiker oder ähnliches.

  • Antworten
tizian24.06.2012 | 14:24 Uhr

Antwort auf Ihrer Frage hier im Commentar:

Beobachtungen aus dem Abseits - Ein Beitrag von Nasrin Amirsedghi
Nasrin Amirsedghi

Mit Dschungel-Methoden MigrantInnen für den Arbeitsmarkt fit machen. Eine generöse Verordnung! Laut Zuwanderungsgesetz vom 13. Dezember 2004 trägt der Bund die Kosten für die Durchführung von..

... Integrationskursen in einer geschätzten Höhe von jährlich 76 Mio. Euro.

MigrantInnen sind einerseits "berechtigt", andererseits "verpflichtet", nach 645 Stunden Unterricht und Landeskunde ihre Sprachkenntnisse mit dem DaZ-Zertifikat (Deutsch als Zweitsprache) nachzuweisen. Staatliche Zielvorgabe: "die Sprachförderung auf ein völlig neues Qualitätsniveau zu heben" und die Chancengleichheit und Teilhabe an Bildungsprozessen für MigrantInnen zu fördern.

Wie hat sich die Verordnung seither ausgewirkt? Welcher Prozentsatz von MigrantInnen ist bereits integriert und wie viele können halbwegs vernünftiges Deutsch verstehen, sprechen und schreiben? Da Zahlen und Fakten entweder gutmütig geschönt sind oder kaum erfasst werden, sind diese Fragen nicht leicht zu beantworten. In der Tat liegt seit Einführung des Zuwanderungsgesetzes noch keine wissenschaftliche Evaluation über die Nachhaltigkeit solcher Sprachförderungen vor.

Wie sieht nun die Realität tatsächlich aus? Ein Blick hinter die Integrationskulissen

Ich hatte letztes Jahr die zweifelhafte Ehre, als Dozentin in zwei Integrationskursen bittere und doch kostbare Erfahrungen zu sammeln. Was ich erlebt habe, steht in absolut keiner Relation zu all meinen bisherigen Unterrichtserfahrungen. Ich habe mich gefragt, welche Erfolgserlebnisse man überhaupt noch erzielen kann, als ich zwei Kurse, angeboten von zwei großen Trägern, zustande bringen sollte. Denn die Bedingungen waren eher dubios und fragwürdig als Erfolg versprechend.

Erstens bestand die Zusammensetzung der KursteilnehmerInnen (männlich und weiblich) aus einem Sammelsurium von über zwölf Nationalitäten aus allen Himmelsrichtungen und einem Altersspektrum von 22 bis 63 Jahren. Der Bildungsgrad der TeilnehmerInnen bestand zu 70% aus Bildungsfernen und Lernungewohnten ohne beruflichen oder Schulabschluss und zu 30% aus Lernerfahrenen bzw. Lerngewohnten mit Universitätsabschluss aus den Heimatländern (z.B. ehemalige LehrerInnen, PersonalmanagerInnen, KünstlerInnen, SoziologInnen, BeamtInnen, BetriebswirtschaftlerInnen). Die TeilnehmerInnen hatten eine Aufenthaltsdauer in Deutschland zwischen einem bis dreißig Jahren. Obwohl 70% von ihnen das DaZ-Zertifikat nach den Kompetenzstufen A2 ("elementare Sprachverwendung") oder B1 ("selbständige Sprachverwendung") nachweisen konnten, waren ihre Sprachkenntnisse sehr mangelhaft (mündlich, schriftlich und im Hör- und Leseverstehen).

Eine weitere Besonderheit war die unterschiedliche Lernmotivation: bei 70% war sie sehr gering (Zwangscharakter der Maßnahme), bei 30% sehr hoch. Der Grund könnte darin liegen, dass die TeilnehmerInnen, veranlasst durch die Job-Center, die Kurse wegen MAE-Maßnahmen (Mehr-Aufwand-Entschädigung/Ein-Euro-Job) besuchen mussten. Sie nahmen z. B. entweder vier Tage am Unterricht teil (täglich 6 Std.) und waren einen Tag in den Einsatzstellen (Pflegeheim, Kindergarten, BVG) als Pflege-, Garten-, Büro- oder ReinigungshelferInnen beschäftigt. Oder sie besuchten nur einen Tag (6 Std.) den Unterricht und waren die übrigen vier Tage in ihrer Einsatzstelle (Kindergarten, Altersheim) als Küchen- oder PflegehelferInnen beschäftigt.
Bei einem Träger war bis zur dritten Woche nicht klar, wie viele TeilnehmerInnen den Kurs mit insgesamt 94 Unterrichts-Stunden bis zum Schluss besuchen konnten. Bei einem anderen Träger wurden alle zwei Wochen neue TeilnehmerInnen vermittelt. Die Fluktuation lag bei 80% und hielt sogar bis zwei Wochen vor dem Ende des Kurses an. Das störte die Unterrichtsplanung sowie die Gruppendynamik und -findung. Alle waren gezwungen, sich jeden Tag aufs Neue auf die Gruppenzusammensetzung einzustellen.

Am kritischsten waren die Arbeitsbedingungen. Beispiele: Bei einem Kurs mit neun TeilnehmerInnen wurde erst zwei Wochen nach Beginn mitgeteilt, dass drei von ihnen den Kurs nur die ersten zwei Wochen besuchen konnten, da ihre MAE-Arbeitsverträge endeten. Einige meldeten sich ab der dritten Woche krank. Ein anderer Kurs sollte mit 320 Stunden starten. Die TeilnehmerInnen wurden entsprechend vom Job-Center vertragsbindend angemeldet. Erst zwei Wochen nach Kursbeginn wurde die Unterrichtszeit auf 165 Stunden halbiert.

Die Kurse fanden entweder in einem kleinen Büro statt, in dem es keine Tafel, dafür viele Möbel gab, die den Bewegungsspielraum einschränkten, oder sie wurden – gerade so, wie es das Schicksal mit den Teilnehmerinnen machte – aller paar Wochen auf Raumwanderung geschickt. Bei beiden Trägern gab es entweder keine technischen Mittel wie Fernseher, CD- und Videogeräte, oder die Teile waren funktionsuntüchtig. Statt einer Tafel musste man sich mit einem kleinen Flipchart arrangieren. Die überreguliert bürokratischen Abläufe seitens der Job-Center dominierten die gesamte Unterrichtsatmosphäre von Anfang bis Ende - ein willkommener Konfliktstoff! Es war kein geeignetes Lehrbuch vorhanden. Die TeilnehmerInnen durften die Arbeitsbücher nicht mit nach Hause nehmen oder darin schreiben. Als Dozentin musste ich die Materialien selbst zusammenstellen auf der Basis von Sprachkenntnissen der KursteilnehmerInnen von null bis sehr gering. Natürlich für das gleiche Honorar, was mit enorm hohem Arbeitsaufwand verbunden war und die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts vervierfachte.

In dieser Zeit musste ich feststellen, dass sich der Status der AdressatInnen sowie die Form der Sprachangebote im Vergleich zur Zeit vor elf Jahren von Grund auf geändert haben. Ich war über diese Umstände fassungslos! Ich stellte mir die Frage, was sich die Job-Center denken, wenn sie eine/n TeilnehmerIn zwei Monate (für die Restzeit von 48 Std.), ja sogar zwei Wochen (für eine Restzeit von 12 Std.) vor Kursende vermitteln. Wenn eine türkische Teilnehmerin, die seit zehn Jahren in Deutschland ist und auf Kosten des Staates bereits 450 Sprachkurs-Stunden absolviert hat und sogar im Besitz eines DaZ-Zertifikates ist, immer noch eine einfache Frage wie "Seit wann bist du hier in Deutschland?" nicht beantworten kann, weil sie sie gar nicht versteht, wie soll sie dann in so absurd kurzer Zeit für den Arbeitsmarkt und für die deutsche Sprache fit gemacht werden? Dabei ist doch in den DaZ-Kursen die Einführung von acht bis zehn lexikalischen Einheiten pro Stunde geplant. Warum die Träger dies hinnehmen und mitspielen, ist ihr eigenes Geheimnis! Ich machte mir eher Sorgen um diejenigen, die willens und bereit sind, die deutsche Sprache zu lernen und die gute berufliche Voraussetzungen und Aussichten auf dem Arbeitsmarkt hätten, die aber in solchen Kursen im völlig falschen Theater sitzen. Seither beschäftigen mich diese und viele andere Fragen ernsthaft.

WARUM gibt es trotz ausreichender Sprachförderprogramme für Einwanderer nach wie vor kein zufriedenstellendes Ergebnis?

Die Hauptprobleme sehe ich in der Methodik der Sprachvermittlung und bei den zugelassenen, aber didaktisch nicht geeigneten Lehrbüchern, dazu kommen die überregulierten administrativen Abläufe durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Die Kurse werden nach dem "kommunikativen Ansatz" durchgeführt: "Sprechen" und "Hören" sind wichtiger als "Lesen" und "Schreiben". Als wichtigstes Lernziel wird "Kommunikationsfähigkeit in Alltagssituationen" aufstellt. Der Sprachakt wird reduziert auf eine "Alltagskultur", die vielleicht für eine/n TouristIn ausreichend ist, jedoch nicht für EinwandererInnen, die ihren Lebensmittelpunkt hier in Deutschland haben und in dieser Gesellschaft integriert werden sollen und wollen. Die Reduktion von Sprache auf bestimmte Situationen führt dazu, dass ein Sprachakt außerhalb dieses Aktionsraumes nicht mehr funktioniert und die MigrantInnen in anhaltende Sprachlosigkeit geführt werden. Sprache ist das Merkmal einer Kultur, Kultur ist jedoch viel mehr als "Alltagskultur". Durch Sprache wird innerhalb einer Kultur Denken wahrgenommen. Sie zu reduzieren auf eine einfache Alltagssprache bedeutet Entehrung und Entstellung einer Kultur und ihrer Weltauffassung, sie ist nicht mehr das, was sie sein sollte. Es wäre falsch zu glauben, dass die Grundbedürfnisse von Menschen einzig durch "Essen", "Wohnen" oder "Gesundheit" (so jedenfalls die Inhalte der Lehrbücher) befriedigt werden. Der Mensch braucht eben auch "das Denken", die Grundsäule der Kommunikation zwischen Menschen. Wenn die MigrantInnen lernen, sich in die deutsche Sprache und Kultur hineinzufühlen, dann können sie später Handlungssituationen wie "Wohnen", "Essen" oder "Gesundheit" selbst organisieren. Durch die beharrliche Fokussierung der Lerninhalte auf eine reduzierte "Alltagskultur" wird die deutsche Sprache zwar "verwaltet", jedoch nicht inhaltsreich vermittelt.

Da ist es nicht verwunderlich, wenn TeilnehmerInnen in meinen Kursen, von denen die Mehrzahl bereits ein Daz-Zertifikat vorweisen kann, auch nach etlichen Aufenthaltsjahren noch immer "fließend falsch" sprechen und immer noch nicht fähig sind, einen einfachen Brief an Behörden oder eine Entschuldigung an die Schule zu schreiben.

BG, nasrin amirsedghi

  • Antworten
Nasrin Amirsedghi25.06.2012 | 13:32 Uhr

Danke für diesen Streifzug durch die Realität!

Man kann daran sehen, wie staatliche Institutionen systematisch Geld verbrennen und, was noch viel schlimmer ist, Biographien zerstören, indem sie mit einem riesigen Etikettenschwindel vorgeben, sozial aktiv zu sein, aber eigentlich nur verwalten.
Ich weiß sicher(!), dass man diese Arbeitsweise auch auf Schulen übertragen kann, wo von staatlicher Seite her so getan wird, als wolle man den Kleinen oder Großen was beibringen, aber - einerseits ferngesteuert durch dubiose Studien oder Fachdidaktikern mit Eigeninteressen, andererseits durch die political correctness und dem vermuteten Wählerwillen - eigentlich Schüler nur aufwändig verräumt, bis man glaubt, dass sie nun alt genug für das Abitur sind.
Wenn ich mir dann vorstelle, wie es den ganz Kleinen in den Kitas gehen mag, wo man auch ernsthaft erwogen hat, wegen Personalmangel arbeitslose Verkäuferinnen einzustellen, wird mir ganz übel. Da passiert wieder das Gleiche.
Nichtsdestoweniger bleibe ich bei meiner Aussage: Oben und unten sind in jeder Gesellschaft relativ und es gibt (hoffentlich) immer eine Pyramidenform, in der nur wenige oben und mehr unten sind. Stellte man sich vor, dass hier dasselbe wie bei der auf dem Kopf gestellten Alterspyramide passieren sollte, d.h. wenige unten werden von vielen oben gegängelt, weiß man, dass das erstens unmenschlich ist und zweitens nicht funktionieren kann.

  • Antworten
tizian27.06.2012 | 19:07 Uhr

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