Zwischen Munster und Berlin, zwischen Netz- und Verteidigungspolitik, zwischen Internet und Real Life. Es sind eine Menge Spagate, die ein Netzpolitiker und Abgeordneter im Bundestag wie Lars Klingbeil zu bewältigen hat. Wann fordern soziale Netzwerke zu viel Aufmerksamkeit? Wann sollte man Twitter Twitter sein lassen? Ein Portrait
Lars Klingbeil sitzt über den Tisch gebeugt, beiläufig streicht er mit dem Zeigefinger über sein iPhone. Ab und zu hebt sich sein Blick in die Mitte des Raumes. Für ein paar Takte folgt der SPD-Bundestagsabgeordnete der ruhigen Diskussion, die im Saal stattfindet. Der Unterausschuss Neue Medien tagt zum Thema „Vermarktung und Schutz kreativer Inhalte im Internet“: Sachverständige sind geladen, der Besucherrang ist gefüllt.
Doch Klingbeils Blick fällt schnell wieder aufs iPhone. Die Diskussion dort ist wesentlich lebhafter: Im Halbminutentakt laufen bei Twitter Kurznachrichten zur Sitzung ein, nicht immer sind sie sachlich. Um das virtuelle Stimmengewirr zu steuern, war vor der Sitzung der Hashtag „#uanm“ vorgegeben worden. Damit hat sich die Aufmerksamkeit ins Netz verlagert. Kaum jemand, der parallel nicht mit Smartphone oder iPad beschäftigt ist. Unter den Netzpolitikern ist Klingbeil nur einer von vielen.
Für die SPD allerdings hat der 34-jährige netzpolitische Sprecher 2009 einen neu geschaffenen Posten übernommen. Ursprünglich war Sicherheitspolitik das Kernthema von Klingbeils Kandidatur. Doch Netzdebatten und die Piratenpartei haben neue Schwerpunkte vorgegeben. Die Mammut-Aufgabe, die SPD zu Themen wie ACTA, Vorratsdatenspeicherung oder Urheberrecht im Netz zu positionieren, liegt nun in den Händen des Niedersachsen. Doch im Hintergrund bremst seine Partei. In einem geheimen Strategie-Papier der SPD heißt es, die SPD solle in der Netzpolitik auf keinen Fall die Auseinandersetzung mit den Piraten suchen. Sie „auf ihrem eigenen Feld zu schlagen“ sei „aussichtslos“.
Dennoch setzt Klingbeil der Piraten-Expertise etwas entgegen. Netzpolitik sei aber nicht von den Piraten vorangetrieben, sagt er: „Sie wird sich als eigenständiges Politikfeld wieder auflösen. Netzpolitik hat ehrlich gesagt auch wenig mit den Piraten zu tun. Auch die Piraten haben auf viele netzpolitische Fragen keine umfassenden Antworten.“
Obwohl heute neugierig auf jedes Apple-Produkt, war Klingbeil früher kein Technik-Freak. Den ersten hauseigenen Computer, einen Commodore 64, hat er nie auseinandergeschraubt oder neu verkabelt: „Das muss ich auch nicht. Ich muss verstehen, worum es gesellschaftspolitisch geht.“ In der SPD sei er der „Übersetzer zwischen den Welten“, so Klingbeil diplomatisch. Tatsächlich dürfte sich die Rolle eher wie die eines Gewichthebers anfühlen, der eine massige Partei der Industrialisierung ins Zeitalter der Digitalisierung zu stemmen hat.
Die große, kräftige Statur dazu hätte er jedenfalls. Während er heute in schlichtem Anzug mal mit, gerne auch ohne Krawatte auftritt, kam er 2005 – als er bereits für neun Monate auf einen Bundestagsplatz aufgerückt war – mit langen Haaren und Piercing in der Braue: Noch ganz der Frontmann seiner Jugendband „Sleeping Silence“. Reichstagsrocker, skandierte die Bild. Der Focus verkündete prompt die optische Revolution im Bundestag. Klingbeil ärgert sich noch heute: „In diesen neun Monaten haben mich nur zwei Journalisten gefragt, wie ich zu politischen Themen stehe.“ Man interessierte sich für Klingbeil nur als Person, nicht als Politiker. „Das fand ich erschreckend.“
Rockmusik macht Klingbeil immer noch in der alten Besetzung, „weil Musik eh das Schönste ist und ich es liebe, im Freundeskreis nicht der Bundestagsabgeordnete zu sein.“ Solche Momente gehören ins niedersächsische Munster, wo er mit seiner Lebensgefährtin Britta und ihrem Sohn Lucca lebt.
Für Berlin und den Bundestag passt Klingbeil sich weitestgehend der Politikerkleiderordnung an. Dringend will er das Image des Youngsters loswerden, sich stattdessen in seiner Funktion als netzpolitischer Sprecher der SPD profilieren. Doch die derzeit gereizte Kommunikation zwischen Netzaktivisten und altvorderen Politikern erschwert die Arbeit und nervt ihn. Vor allem die digitale Szene reagiere arrogant, meint Klingbeil: „Wenn Netzaktivisten davon ausgehen, dass jeder Politiker mit 60 oder 65 Jahren automatisch verstehen muss, wie sie ticken, sollten sie ihr Politikverständnis hinterfragen.“











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