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Berliner Republik

KachelmannVom Rechtsstaat und der Brücke in die Gesellschaft

Von Daniel Martienssen16. Oktober 2012
picture alliance
Jörg Kachelmann
Kachelmann stößt notwendige Debatte an, kann sie aber nicht führen
Schrift:

Das Buch „Recht und Gerechtigkeit – Ein Märchen aus der Provinz“ von Jörg und Miriam Kachelmann ist kaum lesbar: Viele Plattitüden und ein schlechter Schreibstil. Die notwendige Debatte um das Verhältnis von Rechtsstaat und Gesellschaft droht zu zerfasern

Seite 1 von 3

„Oje, nicht schon wieder, werden Sie sagen, nicht schon wieder der Kachelmann.“ So leitet Jörg Kachelmann sein 384 Seiten umfassendes Buch „Recht und Gerechtigkeit – Ein Märchen aus der Provinz“ ein und gibt damit schon den Tenor vor: kokettierend um gesellschaftliche Rehabilitation werben. Er hat es gemeinsam mit seiner Frau Miriam Kachelmann geschrieben, die in mehreren Kapiteln ihre Perspektive in „Miriams Sicht“ darlegen darf.

Das siebte Kapitel des Buches „Was sich ändern muss“, in dem Frau Kachelmann auf 73 Seiten unter anderem die Missstände in der juristischen Ausbildung beschreibt und die Defizite Alice Schwarzers als „Gerichtsreporterin“ der Bild-Zeitung herausarbeitet, gehört mit Abstand zum stärksten Teil. Das liegt aber vor allem daran, dass die übrigen Passagen kaum mehr als voyeuristische Einblicke auf Boulevard-Niveau widerspiegeln. So berichtet Frau Kachelmann an anderer Stelle von ihrer ersten Begegnung mit dem ersten Verteidiger, Reinhard Birkenstock, an einer Autobahnraststätte, „Herr Birkenstock bestellte sich eine große Portion Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelbrei und Kaffee.“ Wie die Eheleute Kachelmann mit diesem Buch eine ernsthafte Debatte um den Rechtsstaat und sein Spannungsverhältnis zur Gesellschaft anstoßen wollen, bleibt wohl ihr Geheimnis. Zuviel Subjektivität überschattet eine nüchterne Analyse.

Bildergalerie: 20 Gründe, keine Bücher mehr zu lesen

Die Medienmaschine drehen die Kachelmanns indes richtig auf: großes Spiegel-Interview, Frankfurter Buchmesse und am letzten Sonntag dann die Aufwartung bei Günther Jauch. Und weil die Eheleute ausreichend Aufmerksamkeit erzeugt haben, ist die Buchveröffentlichung auch prompt um eine Woche vorgezogen worden. Geschwärzte Passagen und ein Zivilrechtsstreit um die Namensnennung der Nebenklägerin, Claudia D., als Begleitmusik mit der Option, die Auflage zu steigern.

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Insgesamt schwacher Artikel

Der Anfang Ihres Artikels ist vorurteilsbeladen und kaum zu ertragen. Bei dem Buch kommt es nicht auf den Stil an, sondern auf die Tatsachenschilderungen (bei der Verhaftung, im Gefängnis, vor Gericht). (Ich habe das Buch am Wochenende komplett gelesen). Zum Ende hin wird Ihr Artikel dann vernünftiger und differenzierter. Ihr naiver Glaube aber, "Politik", "Medien" und "Justiz" sollten und würden an dem zum Teil korrupten und kranken Justizsystem selbst etwas ändern, lässt mich dann schon wieder an Ihrer Intelligenz zweifeln. Deshalb, ja, ist Kachelmannm hier der Richtige, um etwas zu sagen – weil nämlich kein anderer den Mund gegen den bequemen Mainstream aufmacht. Und die Presse ist hier so feige wie alle anderen. - Das war mein erster Cicero-Artikel, und vermutlich auch schon der letzte. Schönen Gruß an die Chefredaktion.

  • Antworten
Jo16.10.2012 | 18:47 Uhr

Das Buch ist sehr wohl lesbar!

Denn es enthält neben den subjektiven Beschreibungen von Jörg und Miriam Kachelmann auch jede Menge Auszüge und Zitate aus den Gerichtsakten, sodass man sehr gut nachvollziehen kann, wie das gruselige Spiel abgelaufen ist.
http://www.ein-buch-lesen.de/2012/10/erschutterndes-dokument-eines.html

  • Antworten
Ursula16.10.2012 | 19:47 Uhr

Einzelfall

Was ich als Außenstehender zu beurteilen vermag, ist beim Kachelmann-Prozess, wirklich etwas schief gelaufen. Das beginnt m.E. schon damit, dass es wohl eine persönliche Verbindung zwischen dem Vater der Opferzeugin und dem Vorsitzenden Richter gegeben haben soll. Während das bei dem Streit über eine Handwerkerrechnung vielleicht wirklich hätte vernachlässigt werden können, hätte es dem Richter gut angestanden, sich selbst als befangen abzulehnen.
Auch wenn Kachelmann in seinem Buch noch andere Fälle aufführt und jeder Einzelfall bedauerlich ist, funktioniert die Rechtsprechung in Deutschland insgesamt gut. Gerade Strafrecht ist ein verschwindend geringer Teil der Streitigkeiten. Bei der Masse der Zivilrechtsstreite ist sicher immer einer unzufrieden, aber das liegt in der Natur der Sache und auch darin, dass viele Menschen glauben, wenn sie vor Gericht etwas zusammenlügen, bestreiten, was sie eigentlich wissen, den Prozess torpedieren, es dann Schuld des Gerichts ist, wenn ein aus ihrer Sicht "ungerechtes" Ergebnis herauskommt.
Der Beruf des Richters ist - Sparmaßnahmen bei den allgemein zu Unrecht verhasssten Beamten "sei dank"- in finanzieller Hinsicht unattraktiv (http://www.drb.de/cms/fileadmin/docs/gutachten_kienbaum_endg_080703.pdf) . Daneben sollte bei der Berufung zum Richteramt der Charakter des Richters beurteilt werden, mehr noch als die juristischen Fähigkeiten, sollte es ihm Möglich sein seine eigenen Ansichten und Meinungen zu hinterfragen und zu revidieren.

  • Antworten
querdenker16.10.2012 | 21:55 Uhr

kluft zwischen oben und unten

dass der so genannte normalbuerger inzwischen seine zweifel am rechtsstaat hat, hat weniger mit kachelmann zu tun, sondern mit dem gefuehl, dass rechtsstaat bedeutet, die grossen kommen entweder ungeschoren davon oder koennen sich freikaufen, waehrend der so genannte normalbuerger keine chance hat, den muehlen der justiz und justizverwaltung zu entkommen.
es ist auch das gefuehl, dass dieser rechtsstaat eigentum fuer verteidigungs- und schuetzenswerter haelt als delikte gegen leib und leben.
es ist das gefuehl, dass man als so genannter normalbuerger vor gericht in aussichtloser position ist, wenn man sich zum beispiel gegen eine versicherung oder eine bank zur wehr setzen oder sein recht einfordern will. die liste der verfahren, in denen versicherungen prozesse um jahre hinauszoeger durften, nur um nicht zahlen zu muessen, ist lang.
der so genannte normalbuerger versteht auch nicht mehr, wieso grosse unternehmen, banken und versicherungen mit der taktik durchkommen, grundsatzentscheidungen zu verhindern, indem sie erst in revision gehen und diese dann aber zurueckziehen. der so genannte normalbuerger versteht nicht, warum dann kein oberstes bundesgericht ein grundsatzurteil wegen ueberragenden interesses der oeffentlichkeit faellen darf.
der so genannte normalbuerger versteht nicht, warum sich politiker wie helmut kohl jeder rechtsstaatlichen verantwortung entziehen duerfen, indem sie einfach stur die aussage verweigern, aber dafuer nicht in aussageerzwingungshaft genommen werden, so wie jeder kleine schwarzfahrer oder ladendieb, warum politiker, parteien und ministerien untersuchungsausschuessen des bundestages akten oder aussagen verweigern duerfen.
der so genannte normalbuerger versteht nicht, warum es nach wie vor gesetzlich legitimierte schlupfloecher fuer unverschaemte abzocke und verbraucherbetrug gibt, warum gerichte gegen sattsam bekannte betrueger, die mit immer neuen briefkastenfirmen agieren, doch nichts ausrichten koennen und duerfen.
der so genannte normalbuerger versteht aber nicht nur die justiz und ihre urteile nicht mehr, der so genannte normalbuerger versteht ja schon nicht die gesetzlichen grundlagen, weil sie entweder aus betriebsblindheit der juristen oder mit voller absicht vollkommen weltentrueckt und fuer einen so genannten normalbuerger nicht mehr zu verstehen sind.
und was kachelmann betrifft, hier hat die masse der so genannten normalbuerger ganz einfach den eindruck, dass da ein emporkoemmling zurueckgebissen wurde. und mit so einem solidarisiert man sich eben, weil es "dem" ja so ergeht wie "mir" kleinem licht...

  • Antworten
Andrew P17.10.2012 | 14:07 Uhr

From Hero to Zero

Was das Verfahren zeigt, am Ende haben beide verloren .Kachelmann wird die Hypothek der Vorwürfe nochlange zu tragen haben- und man kann soetwas auch mißbrauchen.
Deshalb war es gut sich an die Öffentlichkeit zu wenden.

  • Antworten
Fake17.10.2012 | 21:52 Uhr

Eine starke Frau im Kampf gegen die blinzelnde "Justitia"

Ich habe das Buch in zwei Tagen gelesen; und war besonders von den psychologischen und opfer/täter- diskutierenden und antfeministischen Partien der Miriam K. überzeugt.
Etwas Snack-Gebabbel habe ich überschlagen,
Aber:
Der Anwaltswechsel war entscheidend für die beiden.

  • Antworten
Antonius REyntjes18.10.2012 | 18:15 Uhr

Freispruch bedeutet nicht automatisch Falschbeschuldigung

Was die Kachelmanns und der Artikel für die laienhaften Leser missverständlich ausdrücken ist die Tatsache, dass ein Freispruch des Beschuldigten nicht bedeutet, dass der Anzeigeerstatter die Straftat vorgetäuscht hätte und dass ein Freispruch auch nicht bedeutet, dass da nichts Strafbares vorgefallen wäre. Der Angeklagte ist freigesprochen worden - folglich ist er als unschuldig zu behandeln. Aber ein Gericht prüft auch die Variante, dass am Vergewaltigungsvorwurf nichts dran war und dass die ganze Anzeige erfunden ist - und wenn das Gericht da im Urteil klar stellt, dass diese Variante sich auch nicht beweisen ließ, dann ist es auch fair für die Anzeigende.

  • Antworten
Beide Seiten22.10.2012 | 23:36 Uhr

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