Vor 30 Jahren, am 1. Oktober 1982, wurde Helmut Kohl durch ein Misstrauensvotum zum Bundeskanzler gewählt. Zu diesem Anlass wird er heute in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion geehrt. Kohl gilt als Kanzler der Einheit, dabei verkörpert er in erster Linie die alte Bundesrepublik: Er hat es nicht geschafft, Gesamtdeutschland neu zu denken
Aus gegebenem Anlass – dem Jahrestag vom 1. Oktober 1982 – möchte ich noch einmal zurückkommen auf Helmut Kohl. An diesem Tag, vor nunmehr dreißig Jahren, löste er im Wege eines Konstruktiven Misstrauensvotums den Sozialdemokraten Helmut Schmidt als Bundeskanzler ab und wurde an der Spitze einer christdemokratisch/liberalen Koalition zu dessen Nachfolger gewählt. Er blieb, was ihm keiner vorausgesagt hätte, sechzehn Jahre Kanzler – sogar zwei Jahre länger als Konrad Adenauer, der nach vierzehn Amtsjahren, 1963, widerwillig Ludwig Erhard Platz machte. Mir geht es heute um die Frage, was diese Kanzlerschaft für die Bundesrepublik bedeutet hat und weshalb es zu einer Renaissance wohl nie mehr kommen wird, die ihm auch nur etwas von jener Anerkennung zuteil werden ließe, die der Mann genießt, den er im Herbst 1982 ablöste. Ist die Geschichte so ungerecht, dass sie einem Großen nicht Größe bescheinigt?
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Dass sein Gesundheitszustand ihm nicht mehr erlaubt, wie Helmut Schmidt zu den großen nationalen Fragen zielstrebig zu intervenieren und an die seltenen Einmischungen sich zudem die Frage knüpft, wie weit er das selber so noch zu formulieren in der Lage gewesen sei – das sei hier nur am Rande erwähnt. Der 93jährige Schmidt hat sich – wie beispielsweise auch Ex-Bundespräsident Weizsäcker – vorgenommen, sich über den ungeliebten, von ihm nie sonderlich respektierten Nachfolger nicht mehr kritisch einzulassen, das Alter stimmt ihn milde und der Blick auf die physische Verfassung Kohls selbstredend auch. Vielen geht es so, gerade auch unter den Weggefährten, mit denen er sich überwarf. Mitgefühl schwingt mit, wenn sie denn überhaupt über Kohl sprechen wollen.
Politisch, das wird erst aus historischer Distanz klar, war Kohl der letzte Kanzler der alten Bundesrepublik – und man muss das ganz wörtlich nehmen. Der Nimbus des „Kanzlers der Einheit“, den er gern einstrich, verdeckt ironischerweise das wirkliche Verdienst dieses Mannes aus dem kleinbürgerlichen Milieu Ludwigshafens, der erstaunlich früh und zielstrebig wie nur wenige sich das Amt des Regierungschefs im damals noch geteilten Land zutraute und es eisern entschlossen anstrebte. Unbestritten, dass Kohl seit Ende November 1989 die Einheit der beiden deutschen Staaten umsichtig betrieb – auch wenn er sie zuvor wie praktisch die gesamte politische Klasse, wir Journalisten eingeschlossen, aus den Augen verloren und als aktiv zu erstrebendes Ziel aufgegeben hatte. Aber sein Zehn-Punkte-Plan, den selbst Schmidt als geniale Idee pries, ging eben schon drei Wochen nach dem Mauerfall davon aus, dass es, wenn auch noch als eine „Art Konföderation“ gedacht, zu einem Ende der Zweitstaatlichkeit kommen muss.
Dank seines Biographen Hans-Peter Schwarz wissen wir nun auch, dass den Anstoß dazu in einem Vier-Augen-Gespräch Kohls Parteifreund, der Staatsrechtler Rupert Scholz gab. Kohl verstand und zog Konsequenzen! Respekt! Aber noch einmal: Lässt man dies alles einmal beiseite, muss man Kohl eben doch in erster Linie als Repräsentanten der alten Bundesrepublik verstehen, wenn man ihm gerecht werden will. Das gilt für deren Schwächen und Anfälligkeiten, aber für deren Stärken natürlich auch. Für Kohl war nämlich die Westrepublik – obgleich geteilt – in einem gewissen Sinne „fertig“, als architektonischen Ausdruck hatte davon hatte er sich das „Haus der Geschichte“ gewünscht, das in Bonn denn auch bald errichtet wurde, sowie das „Deutsche Historische Museum“ in Berlin.











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