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 > Verzweifelte Suche nach der „kreativen Klasse“

Berliner Republik

Deutsche WirtschaftVerzweifelte Suche nach der „kreativen Klasse“

Von Wulf Schmiese 1. August 2012
picture alliance
Made in Germany,Produkt,Qualität,Export,
„Designed in Germany“ kann schon bald wichtiger werden als „Made in Germany“
Schrift:

Kreativität bedeutet für die deutsche Wirtschaft inzwischen das kostbarste Gut – das haben die Firmen wie die Regierenden längst erkannt. Doch diese Ressource kann allzu leicht knapp werden – und die Suche nach kreativem Nachwuchs trägt verzweifelte Züge

Seite 1 von 2

Der konjunkturelle Sommer war lang und warm. Nun neigt er sich dem Ende zu für die deutsche Wirtschaft. Schlechte Zahlen ziehen wie drohende Gewitter über das Land: Siemens und Thyssen-Krupp hat der Blitz des Niedergangs schon getroffen. Wir ahnen längst, dass dies erst der Anfang ist. Bundeskanzlerin Merkel hat seit Jahren ein Credo für eine rosige Zukunft der deutschen Wirtschaft. „Wir müssen so viel besser sein, wie wir teurer sind.“

Das sagt sich leicht, sofern die Zahlen gut sind. Doch in wirtschaftlich rauen Zeiten  bedeutet ein solches Motto allergrößte Anstrengung. Denn teurer als die Billiglohnländer wird die deutsche Produktion immer bleiben. Es wird daher nicht einmal ausreichen, die weltweit besten Ideen zu haben, um den Wirtschaftsstandort Deutschland führend zu halten. Deutschland hat schon viel erfunden, das andere Länder verkauft haben. Vor über 50 Jahren wurde hier der Computer geschaffen, vor einem Jahrzehnt dann der MP-3-Player. Das große Geld damit machen jedoch die USA. Warum? Weil dort Kreative, also Designer und Marketingfachleute, die Idee am erfolgreichsten verpacken und verkaufen. Kreativität bedeutet für Deutschland inzwischen das kostbarste Gut – das haben die Firmen wie die Regierenden längst erkannt. Doch diese Ressource kann allzu leicht knapp werden.

Vor zehn Jahren schrieb der amerikanische Ökonom mit dem sonnigen Namen Richard Florida über „The rise of the creative class”. Es war eine Hymne über den Aufstieg einer „kreativen Klasse“, die nur in hochentwickelten Wirtschaftsnationen entstehen kann. Eine florierende Wirtschaft ziehe kreative Menschen an, die wiederum die Wirtschaft am Laufen halte, mutmaßte Florida.

Das leuchtete dem Deutschen Bundestag dermaßen ein, dass er vor vier Jahren hochamtlich einen neuen Wirtschaftszweig definierte: „Kreativwirtschaft“. Das ist ein Sammelsurium aus insgesamt elf Branchen, von denen etliche pessimistisch gestimmt sind: Ob nun Presse, Rundfunk, Buchmarkt, Film oder Musik – keiner dieser Branchen geht es derzeit uneingeschränkt gut. Auch Werbung, Design, Architektur, Darstellende Kunst und Kunst klagen. Einzig die vom Bundestag definierte Untergruppe „Software/Games“ hat keine Zukunftssorgen.

Insgesamt gibt es eine Million Beschäftigte in der deutschen Kreativwirtschaft. Sie produzieren jedes Jahr einen Güterwert von enormen 60 Milliarden Euro. Das ist mehr als die deutsche Autoindustrie schafft. Die Kreativwirtschaft entwirft, gestaltet, und komponiert all das, was die Welt von uns kaufen soll. Ihr Stellenwert steigt. „Designed in Germany“ kann schon bald wichtiger werden als „Made in Germany“, da immer mehr Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern.

Deutschland hat den Titel Exportweltmeister an China verloren, das weiß inzwischen jeder. Doch was landläufig kaum bekannt ist: Im Export des deutschen Designs ist Deutschland führend. Kein anderes Land exportiert so viele Produkte, die auch hier gestaltet werden. Das moderne Industrie-Design hat bei uns seinen Ursprung. Vor 170 Jahren hatte in Boppard, einem Ort in Rheinhessen, der Tischler Michael Thonet ein mechanisches Verfahren entdeckt, um Holz zu schichten und zu biegen. Der sogenannte Bugholz-Stuhl gilt als Beginn des industriellen Designs.

Heute hat die Suche nach Kreativen schon verzweifelte Züge. Ein großer Musikkonzern zog von Hamburg nach Berlin wegen des „kreativen Umfelds“. Weltunternehmen, ob Autohersteller, Pharmariese oder Medienkonzern, sie alle spüren wie mit der Wünschelrute nach der kreativen Klasse. Wo lebt sie? Und noch wichtiger: Wie will sie gern leben? Womit lässt sie sich mehren?  An Plätzen, die emsige Stadtvordere fördern, wie dem „Beta-Haus“ in Berlin-Kreuzberg? Oder dem „Gründerhaus“ in Frankfurt am Main? Oder doch nur im Netz, wo Woche für Woche 8000 Apps entstehen?

Seite 2: Ist die kreative Klasse eine Chimäre?

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Firmen und Regierende längst erkannt?

Da möchte ich einmal ein dickes Fragezeichen setzen. Die Kinder heute durchlaufen - man denke an G8 und "Bätscheler" Studiengänge - viele Jahre eine Bildungspolitik, die Kreativität unterdrückt. In den wenigsten Unternehmen ist das anders - im öffentlichen Dienst schon überhaupt nicht. Kreativität wird zwar oft verlangt - letztlich sind die Vorgaben aber so eng, dass wirklich kreative Menschen sich mit Grausen abwenden.

  • Antworten
Alexander Benra01.08.2012 | 12:09 Uhr

Kreativität und Deutschland?

Kreativität und Deutschland? Ein Land in dem alles genormt ist und keinerlei Ausbruch daraus erwünscht ist? Jeder "nicht-genormte" sofort als untauglich diffamiert wird?

Sorry, das passt nicht zusammen.
Kreativität braucht Freiraum der in der auf die Sitze getriebenen Gleichmacherei ("Hallo" auch an die Gleichmacher ROT und GRÜN, Quoten & Co.) nicht wachsen kann.

  • Antworten
Jako01.08.2012 | 13:23 Uhr

Begriff

Buzzwords sind wichtig, das haben sowohl Sie als auch Richard Florida erkannt. Leider kommt in Ihrem Artikel nicht heraus, welchen Begriff Florida von der Kreativen Klasse hat:
Florida meint nicht "gestaltende" Berufe oder Persönlichkeiten. Kreativ heißt bei ihm selbstorganisierte Arbeit ohne direkte Anleitung. Der Kern der Kreativen Klasse besteht aus den "Professionals", i.e. Ingenieuren, Unternerhmensberatern, Anwälten, Informatikern und anderen überdurchschnittlich vergüteten akademischen Berufen. DIe Kreative Klasse im weiteren Umkreis bezeichnet Beschäftigte in wissensintensiven Bereichen wie etwa Laboranten, Mediengestalter, Paralegals, i.e. den Bereich der Fachkräfte.
Diese Kreative Klasse ist für Florida Gradmesser für den wirtschaftlichen Erfolg von Stadt- und Regionalentwicklung. Er geht davon aus, dass die 70h-Arbeitenden sich am ehesten in diversifizierten, urbanen, dichten Räumen wohlfühlen. Florida spricht von den Drei T: Technology, Talent & Tolerance. Die Boheme, die gestaltenden Freiberufler und die am Rande der Marktfähigkeit existierenden Blogger und Künstler sind so für ihn der Boden, auf dem sich die Attraktivität einer Stadt für den Kern der Kreativen Klasse entwickelt. Diese sind jedoch nicht identisch miteinander. Um den für deutsche Ohren - wie hier wieder einmal sichtbar - missverständlichen Ausdruck zu umgehen, schlägt Manuel Castells den Begriff der Knowledge Worker, der Informationsarbeiter, vor.

  • Antworten
Falko Blumenthal01.08.2012 | 13:36 Uhr

Irrtümer

Kunst, Künstler, Kreative, Designer, ...das ist halt alles nicht das Gleiche. Künstler gibt es viele, wirklich Kunst produzieren wenige. Kunst und Künstler sind aber für die Industrie auch nicht besonders ineressant - außer vielleicht posthum.
Interessanter sind da schon die Kreativen, von denen auch Florida redet. Das sind die Hamster, die das Rad der Konsumgesellschaft am Laufen halten; sie bestimmen nicht nur die neuen Trends, neue Bedürfnisse, sondern produzieren dazu auch die entsprechenden Produkte, den dazugehörigen Lifestile, und rehabilitieren so ganz nebenbei auch ganze Bezirke.
Bleibt die Frage, was nun unter "kreativ" zu verstehen ist. Design, auch ausgesprochen gutes Design, ist nicht unbedingt "kreativ". Beispiel: Audi oder BMW haben ausgezeichnete Designer, aber Käfer, VW Bus, Mini oder Fiat 500 (die Originale natürlich) waren meilenweit kreativer als das heute jeder noch so gute Wagen aus deutschem Hause ist. Kreativ heißt eben nicht unbedingt mehr oder teurer.

  • Antworten
athe01.08.2012 | 13:57 Uhr

Kein Wunder, dass die

Kein Wunder, dass die Kreativität fehlt, wenn nur Stromlinienförmige gesucht werden, die "funktionieren", aber bloß nicht quer denken.

  • Antworten
N. N. 01.08.2012 | 14:02 Uhr

Ach wirklich

Als jemand, der seit rund 25 in der "Kreativbranche" (TV-Produktion) tätig ist, kann ich den von Herrn Schmiese proklamierten Fachkräftemangel nicht erkennen, im Gegenteil. Nach wie vor labt sich die Branche an einem Heer von Praktikanten und prekär beschäftigten Niedriglöhnern, und das wird auch weiterhin prächtig funktionieren. Schließlich ist die Zahl der Ausbildungsstätten in den letzten Jahren inflationär angestiegen, gleichzeitig steht uns eine Absolventenflut bevor, dank Turbo-Abi und Aussetzung der Wehrpflicht. Der Umzug eines (!) Unternehmens von Hamburg nach Berlin belegt höchstens, dass man Nachwuchskreative an der Spree noch billiger bekommt, als an der Alster.

  • Antworten
G.L.01.08.2012 | 15:39 Uhr

International

Was auch fehlt, ist, dass gerade diese Branche sehr international ist. Im übrigen glaube ich nicht, dass Kreative gesucht werden, sondern erfolgreiche Produkte. Beides hat nur wenig miteinander zu tun.

  • Antworten
Robert01.08.2012 | 21:43 Uhr

den letzten beiden Sätzen

den letzten beiden Sätzen stimme ich zu

  • Antworten
Gerdchen02.08.2012 | 00:52 Uhr

Lob des Fehlers

Wer auf die Frage, ob er heute schon einen Fehler gemacht hat mit "Nein" antwortet, hat noch nichts gewagt. - So steht es in dem 1999 (!) erschienenen Buch "Lob des Fehlers" von Reinhard Kahl. In D darf man keine Fehler machen, was die Voraussetzung für Kreativität ist. Der Weg ist das Ziel und er muß kurz sein, effektiv und ohne Spielereien. Eine 8-Jährige kann sich mit dem Puppenwagen nur noch hinter Hecken des elterlichen Grundstückes zeigen, ansonsten ist sie am nächsten Schultag "dran". Daran haben Schule und Gesellschaft und die Wirtschaft, die eben keine Puppenspieler haben will, ihren Anteil. Die Amerikaner, sagt man, sind dagegen große Kinder.....

  • Antworten
hallertauer02.08.2012 | 07:28 Uhr

Kreative Kaufleute

Der Begriff der Kreativität ist in unserer deutschen Kultur so sehr an künstlerisch gestaltende Tätigkeiten oder allenfalls noch technische Erfindungen gekoppelt, dass sich viele - wohl auch Sie, Herr Schmiese - nicht vorstellen können, was Kreativität im Geschäftsleben bedeutet. Der Begriff "Kreativwirtschaft" für Designer, Marketingexperten und Medienleute führt in die Irre. Bei der Frage nach KreativWIRTSCHAFT geht es darum, Neues erfolgreich im Markt zu verankern. Der Unterschied zwischen Deutschland und USA besteht hauptsächlich darin, dass kreative Köpfe bei uns Wirtschaft meist als uncooles Betätigungsfeld mittelmäßiger Streber betrachten, während dort der spielerische, von sportlichem Ehrgeiz bestimmte unternehmerische Umgang mit Geschäftsideen von den geistig Beweglichsten als Abenteuer und Herausforderung angesehen wird. Dabei entsteht viel Unsinn, aber auch manch großer Erfolg, wie beispielsweise Facebook - das man von einem hochmütig-bildungsbürgerlichen Gesichtspunkt aus natürlich auch als Unsinn betrachten kann.

  • Antworten
Karl Schade02.08.2012 | 22:55 Uhr

Kreativität in Deutschland

Wenn sie eine Firma verlassen und in ihrem Zeugnis steht, sie seien ein kreativer Kopf oder dem Neuen aufgeschlossen, dann ist das im deutschen Zeugniscode eine euphemistische Umschreibung für: Sie sind ein Spinner.
Lassen wir die deutschen Firmen weiter neue Lösungen suchen. Sie werden sie nicht finden. Sie machen immer nur wem oder was sie nicht ausweichen können. Und das immer nur reproduzierend.
Sollte es anders werden?
Zunächst muss sich das ganze Volk ändern und seine panische Angst vor "Neu" - huch...oder "anders" huch... verlieren.
Kreative sind Selbstbewusste. Eine deutsche Dienergesellschaft liebt sie aber nicht.
Deutsche schwimmen gern mit dem Strom.

  • Antworten
Karl Wilhelm Goebel25.01.2013 | 11:13 Uhr

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