Ur-Grüne kritisiert Umgang mit Islam

„Zu viel Political Correctness hat für Verwirrung gesorgt“

Eva Quistorp, Grüne der ersten Stunde, kritisiert den Umgang ihrer Partei mit konservativen islamischen Kräften. Genauso wenig, wie die Grünen früher für eine rechtskonservative katholische Kirche eingetreten seien, sollten sie heute für die konservativen islamischen Vereine eintreten

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere begrüßt in Berlin die Teilnehmer der Islamverbände
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Unser Autor

Eva Quistorp ist eine Mitbegründerin und Aktivistin der deutschen Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung. Die evangelische Theologin und Politologin ist Gründungsmitglied der Grünen und ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments

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Nach den grauenhaften Massakern in Paris an Künstlern und Journalisten der Satirezeitung Charlie Hebdo, an Juden und Polizisten, scheint auch in einigen deutschen Zeitungen langsam das Nachdenken zu beginnen: Sie fragen sich, warum so viele junge Männer sich von der rigidesten Form des Islam fasziniert fühlen, die geistig zurück in die Wüste des 7. Jahrhundert will.

Was hat der Islam, der auch in Europa gelehrt wird, mit dem zerstörerischen Heldentum von Selbstmordattentaten gegen sogenannte Ungläubige, Frauen, Kinder, Journalisten, Christen, Jesiden, moderate Muslime und buddhistische, christliche, muslimische Heiligtümer und Kulturdenkmäler zu tun?

Als Antwort darauf sagt Frau Merkel nun, wie Ex-Bundespräsident Christian Wulff einige Jahre vorher: „Der Islam gehört zu Deutschland.“

Welch eine Einsicht! Es ist sicher gut gemeint – gegen ausländerfeindliche Stimmungen. Es wärmt auch die Seelen vieler Muslime in Deutschland. Doch gleichzeitig ist es banal, zu simpel und ein falsches Signal in den Krisen, in denen Europa sich befindet.

Denn es geht seit Jahren darum, welcher Islam, welche islamische Theologie, welcher islamische Religionsunterricht, welche islamischen Sitten und Gebräuche aus welchen Jahrhunderten und welche Kleiderpolitik zu Europa und Deutschland gehören. Die wahhabitische Saudi-Arabiens und die der Theokratie in Iran, wo Frau Roth auch mal gerne aus „Unterwerfung“ grüne Schleier trägt und nichts mehr gegen Atomanlagen sagt, doch hoffentlich nicht und auch nicht die der Muslimbrüder und Salafisten? Ist es der Islam Erdogans und der ihm nahen DITIB, deren Imane von der türkischen Regierung bezahlt werden?

Daher fand ich es gut, dass nicht alle CDU/CSU-Abgeordneten diese doch allzu schlichte Beruhigungs- und Belobigungsformel für die Islamvereine durch Angela Merkel beklatscht haben.

Es war ein deutlicher Rückfall hinter die Reden von Johannes Rau und von Bundespräsident Joachim Gauck zum Thema Integration und kulturelle und religiöse Vielfalt. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Gründerin der Grünen und deren Vordenkerin für Reformbündnisse und die Wiedervereinigung Europas auch immer eine Querdenkerin innerhalb der Grünen war und nicht jeden Schwachsinn oder jede mangelnde Weltsicht teilte. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich dem simplen Spruch nicht folgen will, ebenso wie Herr Bosbach und der kluge Herr Lammert, weil ich nicht nur wie Frau Merkel Pastorentochter bin, sondern auch Theologie der Befreiung studiert und das erste Netzwerk feministischer Theologie mitgegründet habe, 1979. Das war das Jahr der Afghanistan-Invasion der UDSSR, und die USA begannen, die Islamisten – inklusive Osama bin Laden, zu finanzieren und ihnen logistisch zu helfen. Auch beim Sieg der Mullahs in der iranischen Revolution.

Mehr Religionskritik wagen
 

Religionskritik ist wichtig. Sie kann ja ruhig stilvoll und höflich sein, aber auch kämpferisch, wenn nötig. Das habe ich – aus einer Hugenottenfamilie kommend – als Differenzierung zwischen den christlichen Kirchen und Lehren, als Tochter aus der Bekennenden Kirche, als 68erin und als frühe Feministin gelernt.

Also nehme ich doch den Islam und die Vielfalt der Muslime nur ernst, wenn ich auch auf ihren inneren Streit, auf die notwendigen Reformen im Islam in Europa zumindest eingehe und nicht anfange, wie jetzt auch in den Medien üblich, Deutschland in Muslime und Nichtmuslime einzuteilen und so zu spalten, wie es Pegida nicht besser kann. Wir müssen schärfer zwischen liberalen, moderaten, rechten und rechtsextremen Islamvereinen und Formen unterscheiden.

Religionskritik oder Kritik am Alltagsverhalten einiger Jungmännerbanden, die sich mit einem selbstgebastelten Fundi-Islam schmücken und Macht über andere aufbauen, der zwischen Bushido, Gangstarap und Salafisten, world of warcraft und Waffenspielen pendelt, dürfen nicht einfach mit dem Schlagwort Islamophobie in die rechte Ecke gestellt und damit tabuisiert werden. Ich erkenne eben in dem Islam nicht wie viele Mulitkultis das Andere, das Fremde, sondern mir kommt aus der christlichen Geschichte vieles bekannt vor. Sowohl die Achtung für Schönheit und Güte in Lebenserfahrungen und die Dankbarkeit für die Schöpfung sind zu finden – aber auch die zu strengen Sitten gegen die Sünde und was als Sünde erklärt wird, die Schattenseiten des brutalen Patriarchats und des unbarmherzigen Kampfes gegen Andersgläubige, als auch Ansätze zum eigenen Umdenken, zur Umkehr. Auch wegen der Ähnlichkeiten der Religionen bin ich mit Alice Schwarzer und Lale Akün von der SPD und Julia Klöckner von der CDU für ein Burka- und Niqabverbot, mit Bischof Huber gegen das Kopftuch für Lehrerinnen, mit Frankreich gegen das Kopftuch an Schulen und für gleiche Regeln im Sexualkunde- und Sportunterricht, auch wenn es nicht immer Koedukation sein muss.

Der Aufruf grüner Politikerinnen für das Kopftuch für Lehrerinnen, woran sich Claudia Roth, Renate Künast, Marieluise Beck und Adrienne Goehler beteiligten, war kontraproduktiv für die Integration des Islam in die deutsche und europäische Demokratie. Sie alle ziehen sich gern mal grell an und verlangen von den christlichen Kirchen eher extreme Liberalität oder die Anerkennung schwuler Ehen, von den Moscheen aber nicht. 

Wir müssen in Medien, Politik und Wissenschaft einen europäischen, aufgeklärten Islam fördern. Die meisten Talkshows, Parteien und Universitäten in den letzten Jahrzehnten haben das eher blockiert.

Der liberale, progressive Islam, der zu Europa und Deutschland gehört und wirklich bereichert, ist vorhanden, wenn auch recht schwach. Er wird von Professor Bassam Tibi seit langem gefordert. In Ansätzen finden wir ihn in dem historisch kritischen Grundlagenwerk von Abu Zaid, der im Exil in Leyden lehrte, in Büchern von Hamed Abdel-Samad aus Ägypten, Abdelwahab Meddeb aus Tunesien, Navid Kermani aus Iran, Seyran Ates aus der Türkei, die eine sexuelle Revolution im Islam fordert und endlich liberale Moscheen, wie von Necla Kelek, die die verlorenen Söhne der muslimischen Familien beschreibt. Auch von Mouhanad Khorchide aus dem Libanon am Lehrstuhl in Münster, und bei vielen anderen, die auch ohne Kopftuch oder Burka mit einem Glas Wein und Tanz fromm sein können.

Doch die beiden liberalen islamischen Theologen in Münster, vielleicht auch der in Freiburg, wurden von der DITIB bedrängt, von rechtskonservativen Muslimverbänden und Lobbys aus der Türkei und Saudi-Arabien, auf muslimischen Webseiten bedroht oder von der Universität getrieben. Gerade jetzt müsste der Lehrer eines barmherzigen und weltoffenen Islam, Khorchide, die curricula des islamischen Religionsunterrichtes und die Talkshowdebatten mitprägen können.

Es sollte zur Grundbildung derer, die im Fernsehen und Radio über den Islam reden, gehören, Abu Zaid gelesen zu haben, die „women under muslim law“ zu kennen, die französische Kampagne „ni poutain, ni soumi“, den Tunesier Abdelwahab Meddeb, der von der „Krankheit des Islam“ spricht und den Algerier Boualem Sansal, der den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2011 erhielt.

Für einen liberalen Islam
 

Sie alle haben, neben vielen Unbekannten und einfachen, lebensfrohen Muslimen, den Weg bereitet für einen liberalen Islam. Da ist die in einer von den Islamisten auch in Mali und Nigeria bedrohte liberale, sinnenfrohe Volksfrömmigkeit mit starken, freien Frauen oder die linksliberale Kultur, Bildungs- und Politikszene der Türkei, Ägyptens, Tunesiens oder Berlins.

Als Europaabgeordnete habe ich mich für die bosnischen Muslime unter Lebensgefahr engagiert und bin 1991 nach Marokko, Algerien, Israel und Palästina in der Zeit des zweiten Golfkrieges gefahren. In Algerien musste ich von Samuel Schirmbeck und afrikanischen Feministinnen früh lernen, dass sich islamistische Gruppen, die zu Banden wurden, global vernetzen – auf der Basis brutaler islamistischer Ideologie. So wurde in vielen islamischen Ländern die liberale Elite zwischen Islamisten und Regierung eingezwängt.

Daniel Cohn-Bendit predigte damals noch in der taz: „Wir müssen mit den Islamisten reden.“ Ich habe das als Verrat an den Berbern und als vollkommen naiv empfunden. Soll man alle heftigen Konflikte, hinter denen geopolitische Interessen stehen, durch Reden lösen? Erst seit dem Massaker an seinen Freunden in Paris spricht auch Cohn-Bendit von Islamofaschismus und hat sich nun auch für die französischen Militäreinsätze in Mali und Libyen eingesetzt, während man hier die Kurden weitgehend allein lässt.

Doch diese erschreckenden Tatsachen des global agierenden Islamismus, die ja seit 2001 spätestens die öffentliche Debatte über Moscheepredigten hätten anstoßen müssen, wurden von der Mehrheit der Medien und Politik verdrängt.

Die europäische Bürgergesellschaft darf aber nicht weiter so religionsanalphabetisch sein. Sie muss gegen Hass und Gewaltvideos, gegen sexistischen Gangsta-Rap und Egoshooterspiele, in denen das Töten trainiert wird, Gesicht zeigen. Zu viel Political Correctness, zu viel abgehobene Identitätsdiskurse haben für Verwirrung gesorgt.

Jeder, der es wagte, den Islam nach denselben Maßstäben zu kritisieren wie die mangelnden Reformen im Christentum, wurde bisher schnell der Islamophobie bezichtigt. Man berauscht sich und spiegelt sich in der Verehrung des angeblich Anderen, hängt Multikultiträumen nach, statt nüchtern Alltagsrealitäten zu betrachten und zu versuchen, sie auch zu lösen.

Da ich für die Frauenquote und für den Atomausstieg und ein buntes Deutschland in einem wiedervereinigten Europa schon auf dem Gründungsparteitag der Grünen 1980 eingetreten bin, bin ich über einige Erfolge der Grünen auch zur Einwanderungspolitik und zu Frauenrechten froh. Doch bin ich damals nicht mit Petra Kelly und Winfried Kretschmann als Kulturrelativistin angetreten gemäß eines „anything goes“-Lifestyles von Frauen und Männern. Wir sind nie für eine rechtskonservative katholische Kirche eingetreten mit ihren dunklen Geldkanälen oder ihrer Sexualitäts- und Frauenpolitik. Warum sollten wir dann heute für die konservativen islamischen Vereine, Behörden, Prediger und deren Geldgeber eintreten?

Die konservativen Islamverbände
 

Wer, wie die Grünen und die Groko, ebenso wie Wirtschaftsverbände und Medien weiter vor allem die konservativen und machtorientierten Islamverbände fördert, Alltagsprobleme bei Bildung und Kriminalität verschweigt, und wer an Polizisten, Lehrern und Sozialarbeitern spart, braucht sich auch über Radikalisierungen von Muslimen einerseits, über die AfD und Pegida andererseits nicht zu wundern. Es wurde zu lange „übersehen“, wie sich muslimische Gruppen radikalisiert haben. Dazu gehört auch ein neuer Antisemitismus, der sich in muslimischen Milieus in Europa gebildet hat – der Morde, Gewalt und Demütigungen von Juden in Frankreich verursacht hat und auf viele europäische Länder übergreift.

In der konkreten Anwendung des Grundgesetzes bezogen auf die Religions-, Kunst- und Meinungsfreiheit und der Gleichstellung von Frau und Mann dürfen keine anderen Standards für Muslime in Deutschland gelten – weder im Sportunterricht, noch in angeblich religiösen Kleiderzwängen. Ich bin vom Kulturrelativismus gerade in der linken und grünen Szene, die mit ihren Wahlerfolgen und ihren Sympathien in den Medien nun 40 Jahre nach 68 heute bis in die CDU hineinreicht, schwer enttäuscht und sehe darin auch einen Verlust klaren Denkens, wie es auch Alain Finkielkraut in Frankreich festgestellt oder der Philosoph Slavoj Žižek erkannt hat.

Welcher Islam gehört zu Deutschland und Europa?

Da Angela Merkel mutig gegenüber dem Papst war, als es um Antisemitismus in der katholischen Kirche ging und neulich auch volkserzieherisch von oben meinte, in die „kalten Herzen“ von Pegida-Demonstranten schauen zu können, kann man wohl von ihr erwarten, auch gegenüber den muslimischen Gelehrten und Muslimverbänden mutig zu sein. Das hat die Islamkonferenz auch versäumt. Es ging immer mehr um Anerkennung und Macht und Gleichstellung der Muslimverbände mit den Kirchen, statt erst einmal um eine demokratische Repräsentanz auch der liberalen Muslime und um die Förderung von Selbstkritik der Vereine und eine kritische islamische Theologie.

Also, Frau Merkel, Herr Gauck, fordern und fördern sie zusammen mit Wissenschaft und Medien notwendige Religionskritik, demokratiefreundliche Satire und einen europäischen Islam.

Eva Quistorp ist eine Mitbegründerin und Aktivistin der deutschen Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung. Die evangelische Theologin und Politologin ist Gründungsmitglied der Grünen und ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments

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