Ständig und überall soll man seinen Namen unter irgendwelche Listen setzen. Jetzt sind sogar die deutschen Wirtschaftsprofessoren diesem Wahn verfallen – und machen sich wieder einmal lächerlich
Ich unterschreibe gar nichts mehr. Früher habe ich oft und gerne unter jeden auf deutschen Fußgängerzonen vorgehaltenen Zettel meinen Namen gesetzt, plus Adresse und womöglich sogar Kontonummer. Es diente ja dem guten Zweck. Wer will denn schon unverrichteter Dinge davonlaufen, wenn mit einer simplen Signatur das Abschmelzen der Polkappen verhindert werden kann? Wenn sich mit einem Füllfederstreich die EU-Agrarsubventionen und damit der Hunger in der Dritten Welt beseitigen lassen? Wenn eine einfache Paraphe genügt, um das örtliche Schwimmbad zu retten oder das globale Klimasystem? Jawohl, diese herz- und verantwortungslose, eigensüchtige, ignorante Person im akuten Unterschrifts-Verweigerungs-Modus trägt seit Neuestem meinen Namen.
Es wird nämlich so langsam zu viel. Laufen Sie hier in Berlin an einem halbwegs sonnigen Tag einfach mal die Friedrichstraße entlang, dann wissen Sie, was ich meine: Alle paar Meter kommen verhaltensauffällige Jugendliche auf einen zugesprungen und wedeln einem mit irgendwelchen Petitionen vor der Nase herum; ein Entkommen ist praktisch unmöglich. Und wenn ich sage „zugesprungen“, dann meine ich das auch so: Die Unterschriftensammler von heute hauen einen nicht mehr im Vorbeigehen von der Seite an, sondern sie fixieren ihre Opfer bereits im Abstand von etwa 20 Metern, um sie dann armschwenkend und mit Gummiball-ähnlichen Hüpfbewegungen frontal in Angriff zu nehmen.
In Russland würden freilaufende Menschen mit derart bedrohlicher Motorik auf offener Straße erschossen, und zwar aus Putativnotwehr. Aber selbst hierzulande hilft oft nur aggressives Forechecking, um die caritativ enthemmten Autogrammjäger abzuschütteln. Wobei ich mir habe sagen lassen, dass deren bemerkenswertes Engagement nicht einmal uneigennützigen Motiven entspringt, weil sie in Wahrheit von den mildtätigen Organisationen für das Drangsalieren argloser Passanten bezahlt werden, inklusive Abschussprämie für jede abgerungene Unterschrift.
Da ist es natürlich nur konsequent, dass Angehörige osteuropäischer Großfamilien, die sich bisher auf Hütchenspiele oder das ungebetene Putzen von Windschutzscheiben an Ampeln beschränkten, ihr Geschäftsmodell mittlerweile durch öffentliches Unterschriftensammeln mit anschließender Spendenkollekte erweitert haben. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass einfaches Betteln nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Womöglich ist dies aber auch eine unmittelbare Folge aus dem Merkel‘schen Rettungsdiktat, welches gerade in abgelegenen Balkanregionen die Erkenntnis hat reifen lassen, dass die Deutschen ihr Geld nur bei Gewährleistung funktionierender Verwaltungsstrukturen auf Nehmerseite herausrücken – selbst wenn diese im sinnlosen Auffüllen von Petitionslisten bestehen. Die kapitalistische Logik treibt mitunter eben seltsame Blüten.
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