Die Linke hat zwei neue Vorsitzende. Doch Katja Kipping und Bernd Riexinger stehen nicht für einen Neuanfang, sondern für den tiefen Konflikt in der Partei. Eine Spaltung, vor der Gregor Gysi seine Genossen in Göttingen eindringlich warnte, droht weiter. Ein Kommentar
Wahlen beendet. Die Linke existiert weiter - zunächst. Der tiefe Riss aber bleibt. Zwischen West und Ost, Reformern und Antikapitalisten. Mit Katja Kipping und Bernd Riexinger bekommt die Linke eine neue Führung, die alte Gräben endlich zuschütten soll. Dabei ist fraglich, ob mit dem bislang völlig unbekannten Gewerkschaftsfunktionär Bernd Riexinger ein wirklicher Neuanfang möglich ist. Schließlich wurde er von dem Lafontaine-Lager nur deshalb kurzfristig ins Kandidatenrennen geschickt, um Dietmar Bartsch, den Ost-Reformer und Intimfeind Lafontaines zu verhindern. Jetzt könnten die verfeindeten Lager der Partei noch weiter auseinanderdriften.
Lafontaines später Sieg könnte der Partei also noch teuer zu stehen kommen. Dietmar Bartsch hatte auf dem Parteitag in Göttingen vor allem die Mehrheit der ostdeutschen Reformer hinter sich. Hinter ihm steht die große Basis im Osten, die Regierungsbeteiligungen grundsätzlich offen gegenübersteht. Die Ostlinke, die in den neuen Bundesländern Volksparteienstatus hat, ist nun in dem Vorsitzendenduo nicht repräsentiert. Der viel beschworene Neuanfang sähe anders aus. Die neue Sollbruchstelle in der Linkspartei könnte nun Riexinger heißen.
Zwar wurde mit Katja Kipping auch eine Ostfrau gewählt. Sie sieht sich jedoch selbst als emanzipatorische Linke und ist nicht wirklich verankert im Osten. Überhaupt will sie einen „dritten Weg“ beschreiten. Ermüdet von den Flügelkämpfen warb sie im Vorfeld für eine weibliche Doppelspitze mit Katharina Schwabedissen aus NRW. Gemeinsam wollten sie für einen Generationswechsel und für eine neue Linke, jenseits von Taktiererei und allgewaltigen Männernetzwerken kämpfen. Doch Kipping und Schwabedissen fanden im Vorfeld keine Mehrheit für ihren „dritten Weg“. Schwabedissen zog ihre Kandidatur noch vor Beginn des ersten Wahlgangs zurück.
Überhaupt war der Göttinger Parteitag ein Ort der Frustration und Intrige. „Solidarisch, gerecht, demokratisch, friedlich“ sollte es zugehen, glaubte man dem Leitspruch des Parteitages. Die Worte schienen jedoch eher Appell denn Zustandsbeschreibung zu sein. Eine Art selbst auferlegte Hausordnung, eine Aufforderung. Doch ihre vermeintliche Kernkompetenz - die Solidarität - trat die Partei zumindest intern mit Füßen. Der Parteitag war geprägt von offenem Streit und Taktiererei. Lafontaine und Gysi duellierten sich, lieferten sich einen Showdown, bei dem der ganze Konflikt innerhalb der Partei noch einmal deutlich und offen zutage trat. Während Gysi von Spaltung sprach, reduzierte Lafontaine den innerparteilichen Antagonismus auf „Befindlichkeiten“.
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