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Berliner Republik

Religion und SchmähkritikGewalt wird belohnt

Von Malte Lehming17. September 2012
picture alliance
proteste_gegen_innocence_of_muslims
Demonstranten lehnen sich gegen Schmähfilm auf
Schrift:

Steht das Ordnungsrecht über den Grundrechten auf freie Meinungsäußerung und Kunst? Das wäre der Sieg für Gewalt und Fanatismus. Die Zivilgesellschaft muss Schmähkritik aushalten – ein Kommentar

Man hört und staunt. Die Meinungsfreiheit (und die Freiheit der Kunst) werden bei uns nur noch dann verteidigt, wenn sie nicht die „öffentliche Sicherheit“ beeinträchtigen. Deshalb setzt sich die Bundesregierung – unterstützt von einem Großteil der Opposition – für ein Aufführungsverbot des Films „Die Unschuld der Muslime“ ein. Das heißt in der Praxis: Je aggressiver sich jene aufführen, die sich durch Wort, Ton, Bild oder Schrift beleidigt fühlen, desto eher können sie ein Verbot des beleidigungsverursachenden Mediums bewirken. Gewalt wird belohnt. Steine siegen.

Bildergalerie: Von Salman Rushdie bis zum Mohammed-Video – der Zusammenprall der Kulturen

Besonders befremdlich wirkt, dass ausgerechnet Bundeskanzlerin Angela Merkel die weiße Fahne hisst. Sie war es doch, die den dänischen Zeichner der Mohammed-Karikaturen, Kurt Westergaard, ausgezeichnet hat. Zur Erinnerung: Bei Protesten gegen dessen Karikaturen kamen mehrere Dutzend Menschen ums Leben. Erneut drängt sich der Verdacht auf, dass Merkel mit der Westergaard-Ehrung nur ihre Berufsverbotskampagne gegen Thilo Sarrazin wiedergutmachen wollte. Die Meinungsfreiheit war ihr schnuppe.

Das ist sie vielen. Das Satiremagazin „Titanic“, das unlängst auf seinem Titelbild den Papst in durchnässter Soutane gezeigt hatte, was weit über katholizismuskritische Kreise hinaus klammheimliche Freude auslöste, wurde für seinen Mut und seine Standfestigkeit gelobt, sich gegen den Antrag des Vatikans auf eine Einstweilige Verfügung gewehrt zu haben. Wie mutig es in Wahrheit ist, in Deutschland den Papst satirisch darzustellen, lässt sich indes schon daran ermessen, dass die „Titanic“-Leute allein beim Gedanken daran, auch mal den Propheten Mohammed auf ihrem Titelbild in durchnässter Hose abzubilden, sich selbst nass machen würden.

Oder „Pussy  Riot“. Nach dem Auftritt der Punkband in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, dem zentralen Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche, führte die anschließende Verhaftung von einigen ihrer Mitglieder zu einer riesigen Sympathiewelle in Europa. Zu recht. Es lohnt sich, auch für einen Freiheitsbegriff zu streiten, der so weit ist, dass dessen Inhalte gelegentlich sogar als blasphemisch empfunden werden können. Doch dann müssten wir ebenso, nur als Beispiel, für das Recht von islamkritischen Rappern kämpfen, in einer Moschee auftreten zu dürfen.

Gleiches Recht für alle – ius respicit aequitatem. Verschiedenheit rechtfertigt weder Diskriminierung noch besondere Vorzüge. Wer die „öffentliche Sicherheit“ zur obersten Richtschnur für die Grenzen von Freiheitsrechten macht, belohnt Gewalt. Kritik zu ertragen, auch Schmähkritik, muss eine Zivilgesellschaft aushalten und auszuhalten lernen. 

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Leider springt dieser Artikel

Leider springt dieser Artikel viel zu schnell auf die zweite Ebene.

Zunächst wäre doch zu überlegen, ob es sich bei diesem Film überhaupt noch um eine Meinungsäußerung im Sinne des GG handelt. Meinungen im grundgesetzichen Sinne sind dabei als wertende Aussage zu verstehen, die nicht der Kategorie richtig oder falsch (dann wären es nämlich Tatsachen) zuzuordnen sind. Ich bezweife stark, dass dieser Film noch von der Meinungsfreiheit gedeckt ist.

Außerdem geht es Pro Deutschland bei der geplanten Aufführung des Films gerade darum, Moslmens in ihren religiösen Gefühlen zu verletzen. Hierbei wäre auch darüber nachzudenken, inwiefern eine Veranstaltung, die auschließlich der Provokation dient, unbedingt mit dem scharfen Schwert des Verfassungsrechts begründet werden muss. Ein gemeinsames Leben in Deutschland auf Grundlage des Grundgesetzes fördert ein solcher Film jedenfalls nicht.

  • Antworten
Lelouch17.09.2012 | 17:08 Uhr

Die westlichen Werte

werden geopfert, weil die politische 'Elite' einknickt vor dem drohendem Erdölentzug.

  • Antworten
Very Serious Sam17.09.2012 | 18:13 Uhr

Danke

Danke, für diesen wirklich guten Kommentar.
Ich würde mir wünschen, das ihn auch Ihre meinungsbildenden Kollegen von der SZ, FN, Stern... diesen Kommentar lesen und darüber nachdenken.
Was mich verwundert ist, dass es ausgerechnet die CDU und nicht die RotGrünen sind, die den Film verbieten wollen.
Die CDU buhlt wohl um muslemische Wählerstimmen. Den Mehrheitsbeschaffern der Zukunft.
Am besten die CDU führt eine Kopftuchpflicht für ALLE Frauen ein, sonst könnte ja noch einer der Muslimbrüder denken, wir hätten in Deutschland keinen Respekt vor dem großen Propheten.

  • Antworten
Willis17.09.2012 | 18:15 Uhr

Ehrlicher Disput

Es ist eine Sache, einen Film, oder Gemälde, Roman und dergleichen von der Form her, also ästhetisch, zu beurteilen. Eine ganz andere Sache ist es, sich mit dem Inhalt oder der Inhaltslosigkeit auseinanderzusetzen. Oder es auch sein zu lassen.
Die Muslime scheinen sich aber nicht aus formalistischen Gründen zu echauffieren. Darum macht es kaum Sinn, sich im Zusammenhang mit den Ausschreitungen auf die miese künstleriche Machart des Films zu berufen, um ein Verbot als hinnehmbar erscheinen zu lassen.
Es geht also um den Inhalt. Und wenn man an dem etwas auszusetzen hat, sollte man von reifen Menschen erwarten können, mit Argumenten aufzuzeigen, was an den beschriebenen historischen Begebenheiten falsch oder richtig ist.

  • Antworten
Jonardo Tenner17.09.2012 | 20:35 Uhr

Genau!

Ein Artikel, der meiner Meinung vollkommen entspricht. Ich habe mich auch schon gefragt, wie die Welt reagieren würde, wenn Pussy Riot vor der Al Aqsa Moschee wegen eines gotteslästerlichen Konzertes gesteinigt worden wäre. Wir beginnen mit unterschiedlichen Maßstäben zu messen. Das haben die "Gutmenschen" schon immer getan, doch jetzt fängt die CDU damit an. Endlich ein Grund die mühsam erkämpfte Meinungsfreiheit einzuschränken und man kann sich noch als Wahrer des interkulturellen Friedens darstellen. Man hat wirklich keinen Bock für dieses Machwerk auf die Barikaden zu gehen. Ich habe nur ein paar Sekunden im Internet gesehen und das hat schon gereicht. Es geht jedoch ums Prinzip und dieser Gummiparagraph, von der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit bedarf der Auslegung durch die Gerichte. Eine Aufführung in einem geschlossenen Raum wäre mit Sicherheit keine unzulässige Provokation. Will sich wirklich jemand von ein paar Analphabeten vorschreiben lassen, welche Filme er sehen darf und welche nicht? Die Reaktion der Regierung verblüfft mich, obwohl ich jeden verstehen kann, der für diesen Drecksfilm keine Sympathie hegt.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann18.09.2012 | 05:40 Uhr

Der Film ist ein stupides

Der Film ist ein stupides Machwerk, Bauerntheater auf dem niedrigsten Niveau, hölzern, unbeholfen, und sich selbst der Lächerlichkeit preis gebend. Seltsam, dass man sich von so etwas überhaupt provoziert fühlen kann. Dennoch: selbst die dümmste und geschmackloseste Meinungsäußerung muss in einer westlichen Demokratie erlaubt sein und einen entsprechenden Schutz genießen. Wie würden wir denn in einem vergleichbaren Fall auf die Gewaltandrohung christlicher Fundamentalisten reagieren? Auf den Sturm der deutschen Botschaft durch amerikanische Abteibungsgegner, die sich - wie auch immer - provoziert fühlen? Wie fänden wir es, wenn als Reaktion auf das im Artikel erwähnte Titanic-Titelbild deutsche Touristen auf dem Petersplatz verprügelt würden? Ich zitiere (abgewandelt) Voltaire: "Ich finde Ihre Meinungsäußerung geschmacklos, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern können." Und ich wünsche mir Religionen, die tolerant und selbstbewußt genug sind, auch mit solchen Provokationen gelassen umzugehen. Oder sie einfach nur zu ignorieren.

  • Antworten
Dr. Andreas Selling18.09.2012 | 13:54 Uhr

Voltaire

Wikipedia entnehme ich, dass der oft zitierte Satz „Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen“, der irrtümlicherweise Voltaire zugeschrieben wird, von Evelyn Beatrice Hall stammt. (Evelyn Beatrice Hall (* 1868; † nach 1939) war eine englische Schriftstellerin, die unter dem Pseudonym S. G. Tallentyre schrieb. Sie ist vornehmlich für ihre 1906 fertiggestellte Biographie von Voltaire bekannt, die unter dem Titel "The Friends of Voltaire" erschien.Sie verwendete diesen Satz in ihrer Biographie von Voltaire als Illustration von Voltaires Einstellungen.) Soweit Wikipedia - wusste ich bis jetzt aber auch nicht :-).
Nun ist es aber relativ irrelevant, ab Voltaire wirklich für jeden Schwachsinn in den Tod gehen würde, relevant ist aber, dass es in Deutschland nach der Nazizeit schon eine Übereinkunft gibt, nicht jede Meinungsäußerung zu tolerieren (Stichwort: Holocaustleugung). Und wenn, wie in diesem Fall, eine politische Gruppierung dieses bedauerliche Machwerk öffentlich nur deshalb aufführen will, um eine gesellschaftliche Minderheit zu provozieren, handelt es sich schlicht um einen Missbrauch der Meinungsfreiheit.

  • Antworten
ingwersen18.09.2012 | 17:03 Uhr

Ich danke für die Korrektur

Ich danke für die Korrektur in Sachen "Voltaire": Manches solide Halbwissen setzt sich einfach im Kopf fest.

Und wenn es noch so weh tut und noch so geschmacklos ist: Auch Provokoation - und leider auch die Provokation einer Minderheit - genießt den Schutz der Meinungsfreiheit! Wo wäre z.B. die Kunst ohne die Provokation, wo wären Satire, Karrikatur, Cabaret usw. usf. Wo wäre die gesamte öffentliche Diskussionskultur, wenn nicht auch Provokationen so manche Diskussion und Auseinandersetzung mit einem Thema auslösen würden? Beispiele gibt es viele: Sicherlich waren konservative Kreise in den 70`ern vom "Ich habe abgetrieben"-Bekenntnis provoziert, mit dem eine Diskussion losgetreten und eine Liberalisierung herbergeführt wurde. Hätten wir damals einen Sturm der katholischen Kirche auf die Redaktion des Stern billigen sollen? Denken Sie an die Provokationen der 68`er, die uns ebenfalls von manchem Muff befreit haben. Die Beispielreihe lässt sich fortsetzen.

Wir alle haben bestimmte Empfindlichkeiten: dem Einen geht dieses Provokation zu weit, dem Anderen jene, die Eine findet dieses geschmacklos, die Anderes jenes. Aber wo ziehen wir die Grenze, und vor allem: wer zieht die Grenze? Und den Vergleich mit der zu Recht strafbaren Leugnung des Holocaust finde ich nicht ganz richtig, da es sich hier um eine historisch bewiesene und daher nicht zu leugnende Tatsache handelt.

  • Antworten
Dr. Andreas Selling19.09.2012 | 10:20 Uhr

Mohammed-Video

Hier geht es m.E. nicht um Meinungsfreiheit, hier geht es um die gezielte Beleidigung religiöser Werte, die darauf ausgerichtet ist, in das Feuer des bestehenden Unfriedens zwischen den Religionen bzw. Weltanschauungen Öl zu gießen. Dies darf der Staat, respektive die Gesellschaft nicht zulassen. Jeder anständige Mensch muss sich den Bestrebungen, Feindschaft zu schüren, widersetzten, egal, welcher Weltanschauung er angehört.
Jeder Mensch hat das Recht, sein eigenes Lebenskonzept zu realisieren. Das darf aber nicht dazu führen, dass andere dabei diskriminiert oder beleidigt werden.
Stärken wir dem Bundesinnenminister den Rücken, die Aufführung dieses grässlichen Videos zu unterbinden.

  • Antworten
Jürgen Pahn18.09.2012 | 19:18 Uhr

Von mir aus soll der Film

Von mir aus soll der Film ruhig gezeigt werden. Das wäre wenigstens ein Beweis wie stümperhaft und dummdreist christliche Fanatiker sind, die wiederum andere Fanatiker provozieren, damit die führenden Fanatiker (Neocons) im Nahen Osten für Ruhe, Frieden und Demokratie sorgen können. Wir in Deutschland dürfen uns dieses makabre Schauspiel anschauen und wundern uns später, warum plötzlich all unsere demokratischen Rechte verboten werden, vielen Dank auch an den ominösen kriminellen Kopten, aus dem ein weltweit bekannter Regisseur werden durfte. Der Regieführer dieser globalen Inszenierung verdient einen Orden! Und aus der freien Meinungsäußerung trieft nur noch der faule Geruch der ""freien Beleidigung".

  • Antworten
Makabrix18.09.2012 | 23:55 Uhr

blah, blah, blah!

Ich plaediere darauf, ab sofort, ohne Nachsicht auf den Spass und vielleicht fraglichen Unterhaltungswert, ALLE Ostfriesen, Blondinenwitze, Witze mit anderen rassistischen Anspielungen, Klamauk-Scherze die andere lebende oder nicht mehr lebende Personen, wie fiktive Charaktaere und Komoedien und Kabaretts schlichtweg ersatzlos zu verbieten und bei Nichtbefolgen unter Strafe zu stellen!

Dann ist (hoffentlich) Ruhe im Karton!

Kann in den Reihen der Befuerworter fuer ein Verbot (dieses Films) noch einer unvoreingenommen denken?

  • Antworten
Florian von Schoenblick19.09.2012 | 16:26 Uhr

Wie bei der Beschneidungsdebatte

Das ist hier das selbe wie bei der Beschneidungsdebatte: Die Religösen wollen definieren was erlaubt ist und was nicht. Das was wir aktuell erleben, ist das selbe, was in den arabischen Ländern selber passiert. Dort versucht eine Minderheit der Salafisten die Mehrheit mit Gewalt in eine Richtung zu treiben. Das selbe versuchen sie mit uns. Bei der Beschneidungsdebatte wurde vom Zentralrat die Holocaust-Keule hervor geholt. Es ist immer das selbe, diese Leute kommen nicht mit einer demokratischen Zivilgesellschaft zurecht, wo man nicht nach der Pfeife von gottgerechten Leuten tanzen will.

  • Antworten
Robert20.09.2012 | 11:32 Uhr

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