PC-Opfer

Für die neue Rechte ist Deutschland ein totalitärer Staat

Kolumne: Zwischen den Zeilen. Sie sprechen von „EU-Diktatur“, „Ökofaschismus“ und „Blockparteien“. Die Feinde vermeintlicher political correctness fühlen sich von Gender, Gutmenschen und Europa bedroht. Auf ihrem Marsch durch die Institutionen leidet vor allem die Sprache

AfD und die Parteiendiktatur
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Unser Autor

Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Die Sprache ist immer zu allererst bedroht. Sie ist Träger und Mittler des Denkens, Seismograf für gesellschaftliches Klima und politischen Wandel. Sprache verbalisiert Gedanken. Das Gesagte oder zu Papier Gebrachte verändert wiederum das Denken. Wir gewöhnen uns. Desensibilisieren. Die Geschichte zeigt: Gesellschaften, die zu autoritären wurden, haben zuallererst den Kampf um die Sprache verloren.

Unlängst hat eine Sprache in die politische Debatte Einzug erhalten, die eine ganz eigene Geschichte von bundesrepublikanischer Realität erzählt. Es sind die Feinde vermeintlicher political correctness, die sich von Gender, Gutmenschen und Europa bedroht fühlen. Diese PC-Opfer verstehen sich als Kämpfer gegen eine alles tabuisierende politische Korrektheit. Die Sprache zumindest haben sie längst enttabuisiert: Sie sprechen von „Blockparteien“, „gleichgeschalteten Medien“, „Tugendterror“, „Ökofaschismus“, „EU-Diktatur“ oder der „EUdSSR“.

In ihrer Erzählung wird die Politik beherrscht von Blockparteien, an deren Spitze eine SED-sozialisierte, schwarz lackierte Sozialdemokratin Namens Angela Merkel herrscht. Die Medien sind deren Erfüllungsgehilfen, Grün wählende links-liberale Kampagnenjournalisten. Die politische Kultur ist von Gutmenschen diktiert. Gesteuert wird alles aus Brüssel. Eurodiktatur pur.

Was für ein schreckliches Land. Inmitten einer schrecklichen Welt.

Als fantasiebefreite Satire ist diese Wahrnehmung vielleicht noch erträglich. Doch die PC-Opfer meinen es ernst. Humor ist ihre Sache nicht. Sie zeichnen ein Bild, das der Realität so nahe steht, wie Putin der Demokratie. Würde man sie wörtlich nehmen, dann wäre Deutschland ein durch und durch totalitäres Land – und die gute alte DDR im Vergleich dazu eine Art Feierabenddiktatur.

PC-Opfer sind längst Mainstream
 

Kein Zweifel: Dieses Land verändert sich. Es darf wieder alles gesagt werden. Die PC-Opfer haben längst die Kommentarspalten, die Anonymität des Netzes, hinter sich gelassen. Heran wächst eine immer lauter werdende Minderheit, die den Stammtisch unlängst ins bundesrepublikanische Festzelt getragen hat. Sie verwenden eine Sprache und jonglieren mit Thesen, die noch bis vor ein paar Jahren unmöglich in der veröffentlichten Meinung hätten verhandelt werden können. Die Anti-PC-Bewegung hat die Republik enttabuisiert, ohne dabei wirklich ein Tabu zu brechen. Was sie aber brechen, sind die ungeschriebenen Gesetze des demokratischen Diskurses.

Die jüngsten Debatten um die Thesen von Matthias Matussek oder Sibylle Lewitscharoff sind nur die in der breiten Öffentlichkeit sichtbar gewordenen Spitzen dieser Radikalisierung von Sprache und Diskurs. Beide Fälle eint die Art und Weise einer Diskussionskultur, auf deren Grundlage ein tatsächlicher Diskur nur schwerlich möglich ist. Lewitscharoffs Einwürfe beispielsweise helfen einer notwendigen Debatte um künstliche Befruchtung nicht, wenn das Totschlagargument der Widernatürlichkeit ins Spiel kommt. Gleiches gilt für Matusseks Widernatürlichkeitspostulat in Bezug auf Homosexualität. Es geht nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um die Wortwerdung eines diffusen Gefühls, um das Verkünden von Wahrheiten. Träger ist eine Sprache, die beißt, gleichsetzt, diffamiert und radikalisiert.

Es soll nicht nur wieder alles gesagt werden dürfen, sondern auch am besten ohne Widerspruch. Denn obwohl die PC-Opfer alles sagen, beschweren sie sich gleichzeitig über fehlende Meinungsfreiheit. Sarrazin ist die bekannteste Verkörperung dieser Paradoxie. Obwohl er über alle ihm zur Verfügung stehenden Kanäle sendet, fühlt er sich gleichzeitig zensiert und ausgegrenzt. Jan Fleischhauer hat das treffend kommentiert: „Wenn so Meinungsterror in Deutschland aussieht, wären viele Leute auch gerne mal betroffen. Dann wären sie heute Millionäre.“ Und: „Das PC-Opfer ist die rechte Gegenfigur zum linken Minderheitendiskurs. Was in dem einen Fall das Patriarchat, die herrschenden Eliten oder ganz allgemein das System, sind im anderen die Wächter der Political Correctness.“

So erzeugt die Anti-PC-Bewegung letztlich genau das, was sie eigentlich zu bekämpfen gedachte. Sie erzeugt durch ihr dogmatisches Verständnis von Diskurs eine moderne Kultur des Denkverbotes. Die PC-Opfer rufen Meinungsfreiheit und meinen die Freiheit von Gegenmeinung und Widerspruch. Ihre Haltung ist die typische Opferhaltung. Diese Selbstviktimisierungstendenz ist das sie alle einende Charakteristikum. Es ist die typisch reaktionäre Ressentiment-Bildung, wie man sie in der Sozialwissenschaft als Reaktion Privilegierter auf den Verlust von Macht kennt. PC-Opfer neigen beispielsweise dazu, den im Zuge von Gleichstellungsmaßnahmen einhergehenden Privilegienabbau mit Diskriminierung zu verwechseln. Sie fühlen sich als Opfer der Opfer. Doch dahinter steht die Angst vor Abstieg.

Eine Typologie der Politisch Unkorrekten
 

Der Alt-68er: Er ist der Seitenwechsler. Weil er seine politische Position über den Marsch der Institutionen in die gesellschaftliche Mitte getragen hat, will er jetzt nicht länger Mainstream sein. Gelangweilt von seiner über Jahrzehnte hinweg postulierten Position, will er erneut anecken. Alan Posener hat das jüngst trefflich beschrieben: „Und siehe da, so wie sie früher „Kacke“ und „Pisse“ sagen wollten, wollen sie heute „Neger“ und „Zigeuner“sagen. (…) Ausgerechnet die rebels without a cause, die im Zweifel gegen antiautoritäre Erziehung, Kuschelpädagogik und Spaßunterricht zu Felde ziehen, deren Opfer sie geworden sind, beklagen die Existenz einer Erziehungsdiktatur in Gestalt gesellschaftlicher Tabus.“

Der Nationalbolschewist: Er ist zutiefst antiliberal, antimodern und antikapitalistisch. In Anlehnung an Ernst Niekisch und die konservative Revolution zu Zeiten der Weimarer Republik verbalisiert er eine auf Nation und Volk setzende Kapitalismuskritik, die einer einfachen Dichotomie von gut und böse folgt. Den bösen Kapitalisten wird das gute, arbeitende Volk gegenübergestellt. Dabei wird der Kapitalismus nicht systemisch kritisiert, sondern personifizierend und verschwörungstheoretisch abgehandelt – als etwas, das wie eine Naturgewalt von außen über den Menschen hereinbricht. Die Kritik richtet sich vor allem gegen Banker, Manager und Heuschrecken.

Der Hardcore-Katholik: Vor allem die damalige Wahl Ratzingers zum Papst hat dieser Spezies enormen Auftrieb gegeben. Ratzingers These von der „Diktatur des Relativismus“ ist ihr Leitmotiv. Die Keimzelle einer Gesellschaft ist die traditionelle Familie, repräsentiert durch Mann und Frau. Homosexualität wird als unnatürlich diskreditiert, Gleichstellung als Genderterror verurteilt. Der Islam wird als faschistische Ideologie abgelehnt.

Der Konservativ-Libertäre: Er lehnt den Staat ab, spricht gerne von Eigenverantwortung und Freiheit. Steuern sind für ihn Diebstahl. Die EU begreift er als bürokratisches Monstrum, das die Völker Europas gegen ihren Willen homogenisiert.

Die PC-Opfer formieren in ihrer Heterogenität ein diffuses Themenwirrwarr aus reaktionärer Gesellschaftspolitik, libertärer Wirtschafts- und Finanzpolitik, gepaart mit einer tendenziellen Ablehnung des Staates und supranationaler Organisationen. Die PC-Opfer-Front verläuft nicht mehr entlang traditioneller, sondern quer durch alle politischen Lager und erinnert in ihrer fundamentalistischen Ausrichtung an die amerikanische Tea-Party-Bewegung. 

Ihr politischer Arm ist die AfD. Dort fühlen sich die politisch Inkorrekten zuhause. Gerade jüngere Entwicklungen innerhalb der Partei macht die AfD für PC-Opfer besonders attraktiv. Die Signale sind eindeutig: Parteichef Bernd Lucke verkündete jüngst, er sei kein Liberaler. Liberale Größen wie Dagmar Metzger ziehen sich aus zentralen Positionen der Partei zurück, währenddessen „die Galionsfigur der national-konservativen Szene in Deutschland“, Beatrix von Storch, an Einfluss gewinnt. Gleichzeitig rücken Themen wie Familie und Integration immer mehr in den Fokus. Die Anti-Europartei verwässert ihr Eurothema zugunsten einer breit angelegten thematischen Ausrichtung und einer damit einhergehenden Positionierung rechts von der CSU.

Interessanter Nebeneffekt dieser Entwicklung: Gemäßigte Linke fangen an, das System zu verteidigen, gegen das sich die Rechte nun positioniert. Linke werden zu Bewahrern. Die reaktionären PC-Opfer werden zur neuen APO. Dabei ist die neue rechte Reaktion sichtlich bemüht, auf ihrem Weg in die gesellschaftliche Mitte so allerhand Rechtes, Linkes und Abgehängtes einzusammeln. Liegen bleibt dabei vor allem eines: die Sprache.

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