Sprachwissenschaftler

„Political correctness ist heute Kampfbegriff“

Keine Gesellschaft ohne Tabus. Sprachrelegungen dienen immer auch einem gesellschaftlichen Miteinander. Doch der Diskus wird härter. Der Linguist Joachim Scharloth erklärt, wie es dazu gekommen ist

Pro-Sarrazin Demonstrant
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Laetitia Grevers hat Geschichte in London studiert. Ihre Texte sind unter anderem im Magazin der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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Joachim Scharloth ist Professor für Linguistik an der TU Dresden. Er forscht zu Sprache im politischen Diskurs und Kommunikation von sozialen Bewegungen.

Cicero Online: Herr Scharloth, was sind sprachliche Tabus?
Joachim Scharloth: Ausdrücke und Sätze, die man nicht sagen darf, um Konflikten und Brüchen aus dem Weg zu gehen. Es handelt sich um Vermeidungsakte, die auf gesellschaftliche Werte verweisen. Ihre Aufgabe ist es, Rücksichtnahme und Respekt in der Gesellschaft zu fördern.

Wie haben sich sprachliche Tabus in Deutschland gewandelt?
Die 68er Bewegung hat als Ausgangspunkt zur sprachlichen Sensibilisierung in Deutschland beigetragen. Der Begriff political correctness wird heute als Kampfbegriff gebraucht. Mit ihm versucht man, Bemühungen, um eine nicht ausgrenzende Sprache als „Denkverbote“ zu verunglimpfen.

Wurde das sprachliche Monopol einer Weltanschauung nicht schon früher verurteilt?
Doch, bereits 1973 hielt der damalige Generalsekretär der CDU, Kurt Biedenkopf, eine Rede. Er warf der Linken vor, Sprache als Mittel der politischen Strategie zu benutzen, und Ausdrücke, die von konservativen Parteien benutzt wurden, zu diffamieren. Für ihn war die Hegemonie der Linken sprachlich begründet. Jedoch ist das nicht mit dem heutigen Rechtspopulismus vergleichbar, der das Verurteilen ausländerfeindlicher Begriffe als Denkverbot darstellt.

Hat der heutige Populismus gegen die „Altparteien“, den beispielsweise die AfD in ihrem politischen Diskurs verwendet, Ähnlichkeiten mit der Systemkritik während der Studentenbewegung Ende der Sechziger Jahre?
Der Antiparlamentarismus der Studentenbewegung hatte mit dem marxistischen Basis-Überbau-Modell einen theoretischen Hintergrund. Dem heutigen Populismus dagegen genügt eine diffuse Kritik an einer vermeintlich abgehobenen politischen Klasse. Er beruft sich hauptsächlich auf den „gesunden Menschenverstand“.

Wie kommt es, dass der Antiparlamentarismus einer AfD in Deutschland doch so viel Zuspruch bekommt?
Das ist zunächst auf die geschickte Rhetorik von Herrn Lucke zurückzuführen. Die AfD bedient sich zwar einer klassischen rechtspopulistischen Argumentation, wenn sie andere Parteien und die Europa-Politik kritisiert. Sie verurteilt ein abgehobenes „Establishment“ auf nationaler und europäischer Ebene und verkrustete „Altparteien“, denen das wohl der Bürger egal geworden ist. Aber sie meidet Wörter wie „Volk“ oder „Systempartei“ in diesem Kontext. Damit distanziert sie sich von deutschen rechtsextremen Parteien, wie der NPD, und kommt besser bei den Wählern an.

Was ist mit den Aussagen der AfD zur Integration?
Lassen Sie uns eine von Herrn Luckes Reden, die er kurz vor den Bundestagswahlen gehalten hat, näher betrachten. Darin sagt er, dass „Sinti und Roma […] keine realistische Chance auf Eingliederung in den Arbeitsmarkt […] haben“. Deswegen sei es zu ihrem Besten, wenn sie erst gar nicht nach Deutschland kämen. Er hält sich von rassistischen Ausdrücken, die andere rechtspopulistische Parteien in Europa, wie etwa der französische „Front National“, verwenden, fern. Dadurch wirken seine ausländerfeindlichen Aussagen sozial verträglicher.

Ist es nicht auch positiv für unsere Debattenkultur, dass dank Sarrazin, AfD und Co. wieder über lange ausgeblendete Themenbereiche diskutiert werden kann?
Es gehört zur Strategie von Rechtspopulisten, zu behaupten, sie würden nur Probleme ansprechen, die aus Gründen der politischen Korrektheit beschwiegen würden, gleichwohl aber den "Bürgern" auf den Nägeln brennen. Demgegenüber würde ich sagen, dass es die vermeintlichen Denk-und Äußerungsverbote gar nicht gibt.

Kann die größere Akzeptanz von rechtspopulistischem Vokabular auch auf frühere politische Entwicklungen zurückgeführt werden?
Die Reformen der Agenda 2010 haben ein neues gesellschaftliches Klima geschaffen, das die Sprache beeinflusst hat. Das zunehmende Prekariat, die Unsicherheit am Arbeitsplatz und die ökonomisch erzeugte Ungleichheit fördern soziale Unzufriedenheit. Aus dieser Unzufriedenheit resultiert die Suche nach Feindbildern. Häufig werden die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft dazu erklärt. Ob es die Arbeitslosen sind, die als „Schmarotzer“ oder „Parasiten“ beschimpft werden oder von einer „Überfremdung“ in Deutschland gesprochen wird, die Bürger mit Migrationshintergründen zu Sündenböcken erklärt. Außerdem wurde bis zum vorgelegten „Zuwanderungsgesetz“ im Jahre 2002 geleugnet, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Können Sie das genauer erklären?
Zu der Zeit wurde von dem damaligen Bundesminister des Innern Otto Schily ein Gesetz vorgelegt, das wesentliche Teile des deutschen Ausländerrechts neu regeln sollte. 2004 ist es dann in Kraft getreten. Erst seitdem haben Ausländer unter bestimmten Bedingungen ein Recht auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Das späte Einführen des Gesetzes erklärt, dass die Aufnahme von Ausländern in der deutschen Mentalität lange nicht verankert war. Deswegen erhält das Schüren von Ängsten vor dem Fremden hier mehr Zuspruch, als in einem Land mit langer Einwanderungsgeschichte, wie Großbritannien.

Wie erklären Sie die große Resonanz beispielsweise auf die Thesen von Thilo Sarrazin?
Der Nährboden ist wie eben erläutert eine diffuse Mischung von sozialer Unsicherheit, Abstiegsängsten und Sündenbockmentalität. Außerdem ermöglicht die Digitalisierung ein anderes Diskussionsklima: Das Internet ist ein riesiger Resonanzraum, besonders für provokante Thesen. Wer wie Sarrazin Aufmerksamkeit will, muss provozieren. Das gilt freilich auch für seine Kritiker. Gleichzeitig hatte Sarrazin mit der Bildzeitung eine Plattform, die es schon immer für ein Qualitätsmerkmal hielt, populistisch zu sein.

Herr Scharloth, vielen Dank für das Gespräch.

 

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