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Smartphones aus - Lasst die Zeit frei

Das Netz ist überall. Und das ist ja auch toll. Wenn wir denn in der Lage wären, auch einmal abzuschalten

Autoreninfo

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Papua-Neuguinea hat sein Hexerei-Gesetz abgeschafft, Obama einen Lippenstiftabdruck auf dem Kragen und ein 24-Jähriger lebte jahrelang mit einem Bleistift im Kopf. Alles Nachrichten aus dem neuesten Echtzeit-Feed, den Spiegel Online in der vergangenen Woche getestet hat, ebenso die Kollegen von der Bildzeitung. Man habe immer die Wahl, den Ausknopf zu betätigen, lässt sich ein paar Tage darauf auf der gleichen Webseite Google-Chef Eric Schmidt in einem Interview zitieren.

Die Wahl ab- und auszuschalten – ja die haben wir. Wirklich? Gleichzeitig beschreibt Schmidt in seinem Buch „Die Vernetzung der Welt“, dass sich die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt immer mehr vermischen. Die Google-Brille Glass ist noch nicht für normale Menschen erhältlich, da basteln Programmierer schon vorausschauend an allen denkbaren Apps – von Gesichtserkennung bis zur Pornofilmübertragung. [[nid:54498]]

Wir schreiten also weiter in Richtung flächendeckender Internetisierung des Lebens. Informationen, Themen, Emotionen überfluten uns. So wird freie Zeit rar, wertvoll, überteuert. Und das Blöde ist: Wir haben selbst Schuld an diesem Wucher. Weil wir verlernt haben, die Zeit zu schätzen, sie zu nutzen, ihr den Wert zuzuschreiben, der ihr gebührt.

Und so wie sich immer erst bemerkbar macht, dass es laut war, wenn es leise wird, registriert man die verplemperte Zeit erst, wenn man gezwungen wird, aus dem gewohnten Rhythmus auszubrechen. Konkret: Am Tag des Fronleichnam war keine Zeitung im Briefkasten, der Akku des Smartphones leer und der MP3-Player zuhause geblieben. Ungewöhnliche Verhaltensweise bei der Bahnfahrt auf dem Weg zur Arbeit also: Aus dem Fenster gucken. Was einem da so alles ein- und auffällt, ist erstaunlich. Und auch die seelische Ruhe, die so eine vorbeistreifende Landschaft mit sich bringt.

 

Der Soziologe Hartmut Rosa hat in seiner monumentalen Zeittheorie einige Ratschläge erarbeitet, die er vor einigen Monaten im Cicero niederschrieb: Danach müsse man sich von der Illusion befreien, dass Zeitsparen eine Lösung wäre. Viel besser: Zeit verschenken. Das mache reich. Außerdem: Ein voller Schreibtisch, respektive ein volles Emailfach. Man solle akzeptieren, dass die Aufgabenberge schneller wachsen, als man sie abarbeiten könne.

Aber sagen Sie das doch mal einem Vater, der mit der Betreuung eines Kleinkindes beauftragt ist. Wo vollgeschissene Windelberge schneller anwachsen als das Jugendamt „Gefährdung des Kindeswohls“ buchstabieren kann. Es ist dies nur ein austauschbares Beispiel für die Arbeit, die uns zu Jüngern der Effektivität macht. In Agenturen, Redaktionen und Selbstständigenbüros ist es nicht besser. Ich selber kann berichten, dass ich manchmal Emails auf dem Klo beantworte. Auf dem Klo! Wie krank ist das denn. Der Wahn, immer und überall effizient zu sein, führt geradewegs in eine Sucht, in der Nichtstun erst verboten und dann verlernt wird.[[nid:54498]]

In Zukunft wird es darum gehen, den einfachen Fensterblick, das Beobachten der Passanten von einer Parkbank aus, die gehirnliche Entspannung wieder zu erlernen. Der Drang, bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Smartphone zu zücken, um die neuesten Nachrichten in Echtzeit zu erfahren, sollte eingehegt werden. Nur so können wir den Zeitmarkt revolutionieren. Sonst machen wir selbst die Zeit zum unbezahlbaren Luxusgut.

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