Brüderles Vergehen kann man mit „grober Unhöflichkeit“ oder „schwülstiger Geilheit“ zusammenbringen – mit Sexismus hat das aber nichts zu tun
Zur Klarstellung, und weil es all zu häufig vergessen wird: Es gibt kaum etwas Unangenehmeres als Menschen, die angeregt durch gute Laune und Stimulanzien gleich welcher Art anderen Menschen doppeldeutige oder eindeutige Avancen machen und getrieben von der Macht der Hormone die Distanzzone ihres Gegenübers verletzen. Das gilt für den angeheiterten Chef auf der betrieblichen Weihnachtsfeier, für den netten Kollegen nach dem vierten oder fünften Schoppen auf dem sommerlichen Weinfest und auch für Politiker auf launigen Parteiveranstaltungen oder schunkelnden Karnevalssitzungen in der Provinz.
Das gilt aber auch für den coolen Hipster nach der bunten Pille im angesagten Club und für die aufgedrehte Damenrunde nach dem dritten Piccolöchen auf dem Ausflugsdampfer. Egal ob älterer Mann gegenüber junger Dame, ältere Dame gegenüber jungem Herrn, älterer Mann gegenüber jungem Mann und was sich sonst noch so an Geschlechts- und Alterskombinationen denken lässt: Es gehört zur guten Erziehung und zum Anstand, auch bei ausgelassener Stimmung die Privatsphäre meines Gegenübers zu wahren. Alles andere ist schmierig, ekelhaft und peinlich. So viel dazu.
Und daher ist es auch leicht vorstellbar und gut nach zu vollziehen, dass sich die Kollegin des „Stern“ unangenehm berührt fühlte durch die in der Tat nicht gerade von gentlemanhafter Noblesse getragenen Komplimente des Herrn Brüderle. Doch ehrlich: Dandyhaften Esprit hatten wir bei dem Pfälzer Knappen ohnehin nie vermutet.
Doch es soll hier nicht um Stilfragen gehen, um gute Erziehung oder die schwülstige Geilheit, die sich nach einigen Gläsern mitunter nicht nur über Parteiabende und Dorffeste legt, sondern auch über Discotheken und die Party im Haus nebenan – von den Ballermännern dieser Welt ganz zu schweigen. Auch die fragwürdige Politkampagne der „Stern“, dem die unsägliche Brüderle-Anekdote ein Jahr nach ihrem Geschehen und just in dem Moment einfiel, als der ehemalige Wirtschaftsminister zum Spitzenkandidaten seiner Partei ausgerufen worden war, ist hier nicht das Thema.
Nein, es geht um etwas ganz anderes, es geht um – Sexismus. Rainer Brüderle hat nämlich, glaubt man den einschlägigen Kommentaren, nicht nur eine grobe Unhöflichkeit begangen, er hat sich des Sexismus’ schuldig gemacht. Und das soll wohl, so ahnt man aufgrund der Vehemenz der Anklage dunkel, eine besonders schwerwiegende Form der Verfehlung sein.
Der Begriff „Sexismus“ gewinnt seine anklagende Schlagkraft dadurch, dass er analog zum Begriff des Rassismus gebildet wurde und ähnlich funktioniert. So wie Rassisten Menschen anderer Hautfarbe oder anderer ethnischer und kultureller Herkunft diskriminieren und ihnen im schlimmsten Fall das Menschsein absprechen, so setzen Sexisten Menschen aufgrund ihres Geschlechtes herab. Und in der Tat: Sexismus ist keine Einbildung wild gewordener Feministinnen. Wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechtes Schuldbildung verweigert wird, wenn sie kein Auto fahren und nur die hintere Hälfte eines öffentlichen Verkehrsmittels nutzen dürfen, wenn ihnen der Zugang zu Berufen versperrt ist, die sie genau so gut ausüben könnten wie Männer, dann handelt es sich schlicht um Sexismus: um Diskriminierung aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit, fast immer verteidigt im Namen der Kultur und der Tradition.
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