Bascha Mika - „Sexisten sind kommunikationsunfähige Soziopathen“

Ja, wir haben ein Sexismus-Problem, sagt Ex-taz-Chefredakteurin Bascha Mika. Daran würden auch die Bemühungen einiger Politiker, „Altherren-Witze“ als Alltagsphänomen kleinzureden, nichts ändern. Im Interview rechnet die Journalistin mit der Macho-Riege ab

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Autoreninfo

Jana Illhardt studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, Politikwissenschaften und Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität in Berlin. Sie schreibt für Cicero Online und lebt in Berlin.

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Frau Mika, haben wir in Deutschland tatsächlich ein derart großes Sexismus-Problem, wie es die aktuelle Debatte vermuten lässt?
Es wäre naiv so zu tun, als hätten wir damit kein Problem. Wir leben in einer männerdominierten Gesellschaft. Überall dort, wo die Machtverhältnisse ungleich verteilt sind, wird Macht ausgespielt – auch im sexuellen Bereich.

Sexismus lässt sich demnach mit Machtspielchen übersetzen?
Das ist der entscheidende Punkt. Wir reden schon lange nicht mehr über Rainer Brüderle und auch nicht über die Gelüste älterer Männer. Wir reden darüber, was das für eine Gesellschaft ist, in der es unendlich viele Männer für selbstverständlich halten, dass Frauen ihnen zur Verfügung stehen. Dabei ist klar: Wenn sich zwei Menschen einig sind, dann ist im sexuellen und erotischen Bereich unendlich viel möglich. Doch ohne Einverständnis geht gar nichts.

Aber kann ein Mann immer so leicht erkennen, ob sein weibliches Gegenüber einverstanden ist?
Übergriffige Männer befinden sich in einem vorzivilisatorischen Zustand, schrieb die Berliner Zeitung. Das ist hübsch gesagt, aber ich halte Männer nicht für zurückgebliebene Kreaturen. Selbstverständlich können sie Grenzen erkennen. Selbstverständlich merken sie, ob ihr Handeln auf Zustimmung stößt oder nicht. Wer sich dazu nicht in der Lage sieht, erklärt sich zum kommunikationsunfähigen Soziopathen.

Machen wir es konkret: Ein Mann, der auf der Straße einer Frau hinterherpfeift – ist das sexuelle Belästigung oder fällt das noch unter Kompliment?
Es gibt sicher Frauen, für die das ein Kompliment ist. Andere empfinden es als Belästigung. Wir sprechen hier von subjektiven Grenzen. Niemand bestreitet, dass wir uns in einem Graubereich befinden.

Ein Sportlehrer, der beim Bockspringen Hilfestellung gibt und seiner Schülerin dabei an den Po fasst – ist das ein sexueller Übergriff?
Solche Beispiele sind unsinnig. Es kommt immer auf die Situation und die Beziehung an. Wenn ich Sie als „blöde Kuh“ bezeichne, ist das eine Beleidigung. Wenn ich es ironisch zu meiner Schwester sage, ist es etwas völlig anderes. Und was das Verhältnis von Lehrern und Schülern angeht - das ist besonders heikel, weil es sich hier um Schutzbefohlene handelt.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass Männer, eben weil es so schwer ist Grenzen zu ziehen, unbeabsichtigt in die Täterrolle rutschen?
Sprich: Männer sind unsensibel und nicht in der Lage zu merken, was der Andere will? Ist das nicht ein ziemlich sexistisches Denken?

Brüderles „Altherrenwitz“ fällt also klar in die Kategorie Sexismus?
Wenn das, was die Kollegin aufgeschrieben hat, seine Richtigkeit hat – und davon gehe ich aus – war Brüderle übergriffig. Sie wollte mit ihm über Politik reden, er starrt ihr auf die Brüste und macht schlüpfrige Bemerkungen. Diese Situation ist relativ eindeutig.

Bis heute hat sich Brüderle weder zu den Vorwürfen geäußert, noch hat er sich bei Laura Himmelreich entschuldigt. Weil er sich keiner Schuld bewusst ist? Was vermuten Sie?
Wir wissen nicht, was Rainer Brüderle denkt. Eine Entschuldigung wäre angebracht. Das heißt aber nicht, dass damit die Debatte beendet ist. In unserer hypersexualisierten Gesellschaft wird uns permanent Sex und Erotik als Ware angeboten – und zwar meist im Zusammenhang mit dem weiblichen Körper. Das führt dazu, dass dieser Körper als verfügbar gilt, vor allem für Männer. Das ist die Grundlage für sexuelle Übergriffe. Darüber müssen wir reden!

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Statt Brüderle haben sich andere FDP-Politiker zu Wort gemeldet. FDP-Generalsekretär Patrick Döring etwa sagte, Brüderle sei ein „charmanter Mann“ und die Vorwürfe „aufgebauscht“. Die jungen Liberalen Rheinland-Pflanz forderten für den „unfairen Artikel“ eine Entschuldigung vom Stern ein.
Unsäglich! Rainer Brüderle ist ein charmanter älterer Herr mit einer speziellen Art zu flirten – hallo?  Geht es hier ums Flirten? Das ist unverschämt verharmlosend. Hätten wir es nicht schon vorher gewusst, wäre hier der Beweis, dass wir diese Debatte führen müssen.

Wibke Bruhns versuchte am vergangenen Sonntag bei Günther Jauch das Problem als naturgegeben zu erklären – Männer sind Stiere, Frauen sind Kühe. Das sei nun mal so...
Genau, und wenn der Stier der Kuh zu nahe kommt, muss die Kuh sich wehren. So ist das weibliche Leben. Ach, wirklich? Wenn selbst eine Frau, die ich sehr schätze, solche Beispiele benutzt, leben wir vielleicht doch noch in einem vorzivilisatorischen Zustand.

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Das Problem liegt nicht bei der Frau, die zu feige ist, sich zu wehren?
Hier geht es nicht um Feigheit.

In den vergangenen Tagen haben immer häufiger Männer Konter gegeben und beklagt, sie seien auch Opfer – das würde aber niemanden interessieren.
Ich wein‘ gleich.

Sie sind anscheinend anderer Meinung…
Selbstverständlich werden auch Männer belästigt und darauf hinzuweisen, gehört zur öffentlichen Auseinandersetzung dazu. Aber: In einer männerdominierten Gesellschaft sind in der Regel Frauen die Opfer von Sexismus, und das ist ein Massenphänomen. Wir reden über Machtverhältnisse. Und die sind in unserer Gesellschaft eindeutig verteilt. Ein Mann muss sich selten davor fürchten, von einer Frau sexuell übergriffig behandelt oder gar vergewaltigt zu werden.

Sexismus ist absolut kein neues Thema. Warum ist es dennoch so plötzlich akut?
Die Brüderle-Debatte hat eine Büchse der Pandora geöffnet. Junge Frauen, wachsen heute – glücklicherweise – mit dem Gefühl auf, sie seien frei und gleich. Irgendwann stellen sie dann fest, dass die Verhältnisse vielleicht doch nicht so gleich sind, dass es Diskriminierung und Sexismus noch immer gibt. Durch diesen Vorfall haben viele Frauen offenbar festgestellt, dass sie mit ihrer Erfahrung, als sexuelles Objekt behandelt zu werden, nicht alleine sind. Das hat diese unglaublich starke Reaktion ausgelöst.

Einerseits debattieren wir sehr pathetisch über Sexismus, andererseits geht Christian Ulmen am 14. Februar auf Tele 5 mit der Show „Who wants to fuck my girlfriend” auf Sendung. Wie passt das zusammen?
Echt?

Ja. Zwei Männer treten gegeneinander an – beziehungsweise deren Freundinnen. Die müssen nämlich Punkte sammeln. Wer die meisten anzüglichen Angebote von anderen Männern kassiert hat, gewinnt. Als Preis gibt es für den Mann der Gewinnerin eine schöne Scherpe mit der Aufschrift „Everyone wants to fuck my girlfriend“.
Das kann nicht wahr sein. Warum geht so ein Dreck auf Sendung und wieso gibt sich irgendjemand dafür her? Hier muss sich unsere ganze Kultur ändern.

Und wie?
Wir müssen dafür sorgen, dass sexistische Anmache gesellschaftlich nicht akzeptiert wird. Für die Brüderle-Unterstützer ist Sexismus ein Alltagsphänomen, das zur Beziehung von Männern und Frauen einfach dazugehört. Das ist Steinzeit. Das Ziel muss sein, das Machtgefälle aufzuheben. Wenn sich Männer und Frauen auf Augenhöhe begegnen, dann wird es mit den sexuellen Übergriffen nicht mehr so einfach.

Bascha Mika ist Journalistin und Publizistin. Von 1999 bis 2009 war sie Chefredakteurin der „taz“.

Das Gespräch führte Jana Illhardt

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