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Berliner Republik

Reformkanzler SchröderSeligsprechung aus perfiden Motiven

Von Frank A. Meyer16. August 2012
picture alliance
Gerhard Schröder, Hartz IV, Frank A. Meyer, Cicero-Empfehlung
Hat Schröder Deutschland krisenfest gemacht?
Schrift:

Hat Gerhard Schröder Deutschland mit seiner vor zehn Jahren begonnen Agendapolitik krisenfester gemacht? Die konservativen Eliten sagen ja. Doch die späte Seligsprechung des Reformkanzlers folgt nationalen Mustern

Seite 1 von 2

Was für ein Satz! „Wir waren auch schon mal der ‚kranke Mann Europas‘, und zwar vor den Arbeitsmarktreformen des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder.“ Zitiert hat ihn der Spiegel; gesagt hat ihn Günther Oettinger, einst CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg, heute EU‑Kommissar für Energie in Brüssel.

Man könnte diesen Satz durchaus polemisch interpretieren. Zum Beispiel so: „Liebe Kanzlerin, spiel dich nicht so auf in Europa, denn du profitierst doch bloß von den Reformen deines Vorgängers.“

So hat es der liebenswert-seriöse Parteifreund natürlich nicht gemeint. Doch dokumentiert er als unverdächtiger Zeuge, was derzeit gerade im Schwange ist: Schröder war’s. Er hat Deutschland krisenfest gemacht.

War er’s? Nach Meinung von konservativen und rechten Blättern, von der Frankfurter Allgemeinen über die Zeit bis zu Springers Welt: Ja, er war’s.

So ist beispielsweise aus der Feder von Ulf Poschardt (Die Welt), dem Etagenkellner aller Neoliberalen, zu lesen: „Die positiven Impulse aus dieser Reformzeit wirken fort.“ Und der transatlantische Titan Josef Joffe (Die Zeit) empfiehlt die Schröder-Medizin auch den Franzosen: „Ohne eine blau-weiß-rote Agenda 2015 wird Frankreich nicht gesunden.“

So tönt es allenthalben durch die Republik: „Lob für Gerhard Schröder“ oder „Das deutsche Jobwunder macht die Hartz-Reformen zum Vorbild für ganz Europa“ (beides: FAZ). Auch außerhalb von Deutschland wird der Lobgesang angestimmt: Die Ironie der Wahl von François Hollande bestehe darin, „dem Beispiel der letzten Mitte-Links-Regierung des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder zu folgen“ (Wall Street Journal).

Patrons und Banker und Publizisten entdecken ihr Herz für – ja für wen eigentlich? Für den „Brioni“- und den „Basta“-Schröder, für den „Sozi“, den sie vor acht Jahren mit allen Mitteln der Polemik und Demagogie schmähten!

Die Springer-Medien betrieben das Schröder-Bashing so blindwütig, dass sich der damalige Chefredakteur der Welt am Sonntag, Christoph Keese, in einem Interview – statt als journalistischer Handwerker – als politischer Propagandist outete: „Wir, die Minderheit der Neoliberalen, schreiben seit Jahren gegen eine Mehrheit von Menschen an, die vehement gegen Kapitalismus und freie Marktwirtschaft eintreten.“

Nicht nur der Springer-Verlag verkam zur politischen Propaganda-Bude. Auch der Spiegel, da noch unter Stefan Aust, reihte sich in die Kampagne derer ein, die Gerhard Schröder samt Rot-Grün vom Hof jagen wollten. Federführer war Gabor Steingart, seinerzeit Spiegel-Bürochef in Berlin, heute Chefredakteur des Handelsblatts.

Mit dem inquisitorischen Eifer eines Savonarola errichtete Steingart nahezu wöchentlich neue Scheiterhaufen: „Rot-Grün stolpert mit schludrigen Reformkonzepten in den Herbst.“ „Schröder-Truppe sprunghaft, verworren, konzeptlos.“ „Durch gezielte Unwahrheiten versuchen der Kanzler und seine Getreuen ihre prekäre Ausgangslage zu verbessern.“ „Der SPD-Kanzler bekommt das zentrale Problem des Landes nicht in den Griff.“ Und mit ätzender Häme: „Historisch – das ist des Kanzlers Lieblingseigenlob.“

Inzwischen gelten die Schröder-Reformen in der Tat als „historisch“ – sie wurden zur Grundlage des aktuellen deutschen Erfolgs. Auch erzkonservative Blätter empfehlen das „schludrige Reformkonzept“ zur Nachahmung in ganz Europa, um „das zentrale Problem des Kontinents“ in den Griff zu kriegen.

Seite 2: Das Klima wird vergiftet!

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sollte man mehr Substanz erwarten dürfen.
Aus:
„Wir waren auch schon mal der ‚kranke Mann Europas‘, und zwar vor den Arbeitsmarktreformen des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder.“
wird geschlussfolgert:
"Doch dokumentiert er als unverdächtiger Zeuge, was derzeit gerade im Schwange ist: Schröder war’s. Er hat Deutschland krisenfest gemacht."
Das ist gelinde gesagt verwegen: eine zeitlichen Abfolge ergibt noch keine Kausalität.
Der Rest des Beitrags ist auf ähnlich niedrigem Niveau: Steingart versus Savonarola, der Spiegel als Propaganda-Bude...

Man kommt sich fast vor wie in einer Propaganda-Bude.

  • Antworten
rawe6418.08.2012 | 17:00 Uhr

Und ganz abgesehen davon

...fehlt es immer noch an einer grundlegenden Kritik der Politik Schröders, und ihrer wirtschaftlichen und sozialen Folgen.
Da wurde ein "Gesellschaftsvertrag" - das Versprechen einer sozial gerechten Gesellschaft auf der Basis einer Regeln unterworfenen Marktwirtschaft - einseitig gekündigt.

  • Antworten
athe18.08.2012 | 20:00 Uhr

Reformkanzler Schröder

Bei der Lobhudelei auf den Reformkanzler Schröder wird immer wieder vergessen, was die eigentlichen Ursachen der Reformen waren. Es war die unsägliche Unternehmenssteuerreform des Jahres 2000, die zu riesigen Steuerausfällen für den Bund, die Länder und die Kommunen führte sowie die massive Energieverteuerung, die viel Kaufkraft und wie die Steuerreform viele Arbeitsplätze kostete. In der Spitze produzierte die Regierung Schröder/Fischer über 5,5 Mio. registrierte Arbeitslose, ganz zu schweigen von dem Heer der Nichtregistrierten. Deutschland hatte sich binnen weniger Jahre dank Rot-Grün zum kranken Mann Europas mutiert. Harte Reformen waren dann unausweichlich. In der Folge gab Kanzler Schröder vorzeitig auf! Das sind Fakten, von der journalistische Welt schon damals nicht viel wissen wollte!

  • Antworten
Gustav Schrank19.08.2012 | 21:18 Uhr

Eher verteufeln als seligsprechen

Es erscheint nicht abwegig, den ehemaligen (kurzzeitigen) SPD-Parteivorsitzenden und Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder als denjenigen zu brandmarken, der seine Partei bis an den Rand des Abgrundes führte.
Dabei verfügte er über willfährige Helfer wie etwa Wolfgang Clement und Franz Müntefering.
Durch die Schröder`sche Politik entfernte sich die SPD meilenweit von ihren ursprünglichen Wurzeln, was durchaus gewollt war.
Denn die SPD war und ist auch derzeit massiv von Interessenvertretern aus Industrie und Finanzwelt "unterwandert", die alles daransetzen, das kapitalistisch-geprägte Wirtschaftssystem zu stützen und zu stärken.
Die Macht der "Oberen Zehntausend" soll und darf nicht angetastet werden.
Und genau diese politische Zielrichtung vertrat die Bundesregierung Schröder-Fischer, wobei sich Schröder sogar willig als "Genosse der Bosse" apostrophieren ließ.
Anstatt ihn seligzusprechen, sollte die SPD ihren früheren "Verführer" Gerhard Schröder eher verteufeln.
Die unzähligen ehemaligen Parteimitglieder, die der SPD seinerzeit den Rücken kehrten, dürften diese Auffassung bestätigen.

  • Antworten
Yvonne Walden20.08.2012 | 08:40 Uhr

Seligsprechender Spaghettikoch

Wer so viel Wert drauf legt, mit "Gerd" Geburtstag zu feiern, ihn in der Berliner Privatwohnung mit Spaghetti à la Meyer zu bekochen, bei allen Gelegenheiten zu duzen und um ihn herumzuscharwänzeln, kann nicht erwarten, dass man seine Elogen Ernst nimmt.

Dabei hätte Gerhard Schröder eine professionell recherchierte Würdigung verdient: Wo stünde Deutschland heute ohne ihn? Seine Leistung wird unterschätzt und er hat in der Tat schon während seiner Amtszeit Konservative und Unternehmerkreise überrascht: Er fasste grundlegende wirtschafts- und sozialpolitische Entscheide, zu denen eine CDU-Regierung unter Helmut Kohl nicht in der Lage war. Gerade die Konservativen erkannten die Risiken von Schröderskurs für ihn selbst.

Was Schröders Einfluss zuzurechnen ist und auch, womit er falsch lag, das lohnte sich, in zeitlichem Abstand und nach heutigem Faktenstand in einer sorgfältigen "Cicero"-Studie herauzszuarbeiten - man hat ja bei einem Montasmagazin einene Monat dazu Zeit!

Solche wortreich gedeichselten Huschhuschkommentare hingegen wie jener weiter oben sind etwas für eher seichte Sonntagsblätter.

  • Antworten
mik20.08.2012 | 16:33 Uhr

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