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 > Schirrmacher, das Bürgertum und die Krise der FDP

Berliner Republik

Lechts und ringsSchirrmacher, das Bürgertum und die Krise der FDP

Von Christoph Seils22. August 2011
picture alliance
Philipp Rösler, FDP, Liberalismus, Frank Schirrmacher, Links und Rechts
Philipp Rösler will liefern - kann aber nicht.
Schrift:

Nach der Wirtschaft, den Liberalen und dem Euro hat die Krise des Neoliberalismus nun auch das Feuilleton der FAZ erreicht. Doch Frank Schirrmacher irrt. Ums Recht haben geht es in der Politik nicht, sondern um Macht und Interessen, um Ideologien und um gesellschaftliche Hegemonie.

Seite 1 von 3

Es ist derzeit nicht einfach, in der Politik und in der Welt der Parteien den Überblick zu behalten. Die CDU schaltet die deutschen Atomkraftwerke ab, die FDP tritt in Sachen Europa kräftig auf die Bremse und die SPD fordert die Beteiligung Deutschlands am Krieg in Libyen. Trotz Turboaufschwung und sinkenden Arbeitslosenzahlen verlieren die regierenden Christdemokraten und Liberalen eine Wahl nach der anderen.

Die Grünen hingegen erobern die Herzen vieler bürgerlicher Wähler und der erste grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist nach 100 Tagen Amt bereits der beste Freund der Autoindustrie in Baden-Württemberg. In den USA wiederum will der Milliardär Warren Buffett mehr Steuern zahlen und in Großbritannien zerstören Jugendliche aus der Unterschicht ihre eigene Nachbarschaft. Dazu stürzen die Börsen weltweit ab, obwohl die Auftragsbücher vieler Firmen voll sind. Nicht die Realwirtschaft zieht die Welt in die Krise, sondern Politiker, die nicht sparen können und Spekulanten, die darauf wetten, dass der Euro daran zugrunde geht. Pessimisten sehen bereits die gesamte westliche Welt am Abgrund stehen.

Vor einer Woche nun hat dazu der Groß-Feuilletonist Frank Schirrmacher nach Lektüre einer britischen Zeitung die Frage aufgeworfen, ob die Linke mit ihrer Gesellschafts- und Kapitalismuskritik in den letzten Jahrzehnten nicht doch recht gehabt habe? Ob Gewissheiten, die der politische Konservatismus ein ganzes Leben lang gepredigt hat, sich als falsch erwiesen haben könnten? Dient das gesamte politische System nur den Reichen?

Es ist nicht zu übersehen, die politische Welt steht Kopf, das konservative Bürgertum zelebriert seine Orientierungslosigkeit und Selbstdesillusionierung mit Stil. Die politische Linke hingegen weiß nicht, wie ihr geschieht. Die Linkspartei ist in der Vergangenheit gefangen, streitet über den Mauerbau und Fidel Castro. Die Sozialdemokraten haben sich noch immer nicht von dem Versuch erholt, den vorsorgenden Sozialstaat zu erfinden, die Arbeitsverhältnisse zu flexibilisieren und der Unterschicht mit den Hartz-Reformen mehr Eigenverantwortung abzufordern.

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Was ist eigentlich "Neoliberalismus"?

Schauen Sie doch mal in Wikipedia nach, was Neoliberalismus eigentlich wirklich ist. Da geht es eben NICHT um entfesselte Märkte, die alles unter sich ausmachen sollen. Im Gegenteil: Der Neoliberalismus fordert gesetzliche Rahmenbedingungen, die übermächtige Kartelle verhindern und den sozialen Zusammenhalt gewährleisten sollen.

Ich habe eher den Eindruck, dass diese Rahmenbedingungen falsch gesetzt wurden. Der Staat hat sich mit seiner Verschuldung immer mehr von der Finanzwirtschaft abhängig gemacht und sich gezwungen gefühlt, den Bankenkartelle nachzugeben. Auch die heute von den linken Parteien geforderten Eurobonds sind nichts anderes als Subprime-Papiere. Wie 2008 bei den amerikanischen Hypothekendarlehen. Interessanterweise war es auch die Rot-Grüne Bundesregierung, die die Finanzmärkte dereguliert hat. Nicht die Konservativen.

Ich glaube wir tun gut daran, einfache, populistische Weltbilder gründlich zu hinterfragen.

  • Antworten
Martin Winter22.08.2011 | 14:23 Uhr

Ahnungslosigkeit

Warum wurden die Rahmenbedingungen falsch gestellt? Die Landesbanken sind doch nicht zufällig mit unserem Geld nach Irland gegangen, um dort, frei von staatlichen Vorgaben, US-Immobilien zu finanzieren. Auch war es kein Zufall, dass den Banken und Versicherungen die Renditen in Deutschland nicht genug waren und die deshalb Staatsanleihen von PIIGS-Ländern kauften.

Als hierzulande der "rheinische Kapitalismus" beerdigt wurde - die Banken ihre Unternehmensbeteiligungen verkauften - haben sie den Staat bearbeitet, um in neue Geschäftsfelder investieren zu können. Die Politiker und ihre Vertreter in den oberen Etagen der Ministerien haben da gerne mitgemacht. Die Bayern wollten z.B. in Osteuropa mitspielen und haben ihre Landesbank zum Kauf der Haider-Bank in Österreich angestiftet.

Warum? Weil die Deutschen keine Idee hatten was man mit dem vielen Spargroschen der Deutschen anstellen kann. Wohin damit? Es waren nur die Grünen, die mit den Erneuerbaren eine riesige zu finanzierende Anlage anboten und Erfolg hatten (Im Gegensatz zu den Immobilien in Ostdeutschland nach der Wende, die gigantische Geldmengen vernichtete. Erinnert sich noch einer an Schreiber und die Peanuts-Bank?) Die FDP und die Union haben nicht vergleichbares, wobei imho die Zeit der grünen Geldanlagen ausläuft. Gelder dort investiert fließen heute in großen Teilen nach China, weshalb auch die Solar-Förderung zuletzt massiv reduziert wurde.

  • Antworten
Robert22.08.2011 | 18:20 Uhr

Die "Bürgerlichen" übten über Jahrzehnte Verrat am Wahlvolk

"Pessimisten sehen bereits die gesamte westliche Welt am Abgrund stehen." Nicht nur Pessimisten!
Der sogenannte "Kapitalismus" hat die Planwirtschaften Osteuropas in sich aufgesogen und mußte dabei endlich "aus der Deckung kommen". Im Licht der Erkenntnis ruft dieser "Kapitalismus" inzwischen Ängste und Abscheu hervor.
Helmut Kohl`s Slogan: "Wichtig ist, was hinten 'rauskommt" trifft den Kern.
Menschen ind Deutschland, in Europa wollen endlich spüren, daß es aufwärts geht. Das hatten ihnen die kapitalismus-verliebten Politikerinnen und Politiker permanent in Aussicht gestellt.
Aufwärts ging es auch während der sogenannten "Krise": nämlich für die Geldeliten und die Finanzwelt. Die "Kleinen Leute", die Mittelschicht, schaute permanent "in die Röhre".
Es gab während der angeblichen Krise immer mal wieder Verluste, aber danach extreme Gewinne für diejenigen, die über das große Geld und über Großvermögen verfügen. Die unselbständig Beschäftigten hatten und haben weiterhin mit Lohneinbußen, unsicheren Arbeitsplätzen, Zeitarbeit und anderen Zumutungen zu leben - ohne Hoffnung auf Besserung. "Aufschwung" kam unten bekanntlich überhaupt nicht an!
Wenn sich die Verhältnisse also nich grundlegend ändern, könnte das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem implodieren - Neoliberalismus hin oder her.
Die sogenannten "Bürgerlichen Parteien" CDU-CSU-FDP haben es über Jahrzehnte nicht vermocht (oder garnicht erst versucht), eine Einkommens- und Vermögensgerechtigkeit zu schaffen.
Es ist wohl zutreffend anzunehmen, daß die Parteioberen letztlich Marionetten der Finanz- und Wirtschaftswelt waren (und noch immer sind), die nicht die Wünsche ihrer Anhängerschaft erfüllen oder nicht erfüllen dürfen, sondern den Forderungen der oberen Zehntausend nachzukommen haben, also "nach deren Pfeife tanzen müssen".
Von "oben" kommen letztlich die Spendengelder, nach denen die Parteien und deren Protagonisten bekanntlich gieren. Und für etwas erreicht dann auch die eine oder andere Politikerinnen- und Politiker-Brieftasche.
Mit Entsetzen registrieren diese "Bürgerlichen Parteien" inzwischen, daß ihr Handeln durchschaut wird, durchschaut werden kann ("Wer Augen hat zu sehen, der sehe, wer Ohren hat zu hören, der höre").
Allerdings hat auch die SPD längst "aufs falsche Pferd gesetzt". Sie machte sich ebenfalls in hohem Maße abhängig "von der Nadel des großen Geldes".
Selbst Die Grünen konnten den Verlockungen der Finanzindustrie und ihrer Lobbyisten nicht ganz widerstehen, sonst gäbe es heute keine "Dritte Säule der Altersvorsorge" auf privater Versicherungsbasis ("Rürup- und Riester-Rente").
Einzig Die Linke darf sich derzeit noch als "jungfräulich" präsentieren, sollte sich allerdings bemühen, alsbald ein plausibles, verständliches Wahl- und Parteiprogramm vorzulegen, das überzeugen kann. Dann hätte diese Partei die Chance, mächtig aufzuholen und eine Politikwende zu schaffen, gemeinsam mit geläuterten Sozialdemokraten und sozial-orientierten Bündnisgrünen.

  • Antworten
Heidrun Meding22.08.2011 | 18:48 Uhr

Europa

Sich gegen eine Transferunion zu stellen, die in den EU-Grundsätzen immer ausgeschlossen war, ist doch nicht antieuropäisch! Und "rechts" schon gar nicht.

  • Antworten
Daniel24.08.2011 | 10:01 Uhr

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