Nein, es geht nicht um Europa und einen Ausweg aus der Krise, es geht um ein Millionen-Geschäft. Thilo Sarrazins Buch, das heute unter unvergleichlichem Medien-Tam-Tam veröffentlicht wird, handelt zwar formal von der Frage, ob Europa den Euro braucht – und beantwortet sie mit einem dröge erwartbaren „eher nicht“!
In Wahrheit jedoch hätte er auch ganz anderen Themen nachgehen können, die irgendwie populär klingen und die Politik gegen den Strich bürsten. Aber die Anti-Islam-Ressentiments hat er schon genutzt und geschürt, mit der Predigt, dass Eltern und Lehrer mehr „Mut zur Erziehung“ nach Altvätersitte haben sollen, besonders natürlich in diesen „durchmischten und durchrassten“ Großstadtschulen von heute, wird Sarrazins Gattin sich demnächst in einem eigenen Werk befassen, so ist halt seine Themenwahl auf den Euro gefallen. Worum es mir hier geht, ist aber nicht Sarrazin und sein Wunderwerk selbst – Cicero Online hat sich damit bereits befasst –, sondern die Frage, wie die Politik damit umgeht und umgehen sollte.
Hat Peer Steinbrück es wirklich nötig, sich am Sonntagabend bei Günter Jauch neben Sarrazin zu setzen und damit die Ouvertüre zu diesem Medien-Hype zu liefern? Muss er jemanden, der mit solchen biologistischen Peinlichkeiten über den Islam und die falschen Gene Wirbel machte, auch noch legitimieren, aufwerten, hofieren?
Es fällt mir schwer, Steinbrücks Entscheidung nachzuvollziehen. Wenn er der Ansicht ist, seine Partei müsse sichtbar werden als diejenige, der man das Management in der unverändert dramatischen, von der Bundeskanzlerin eher perpetuierten Europa-Krise am ehesten zutraut, dann würde man beispielsweise Steinbrück lieber im Flugzeug nach Madrid als im Anflug zu Jauch sehen: Spanien ist, nach Griechenland, der nächste Kandidat, von dem es heißt, er drohe aus dem Euro herauszufallen.
Oder man möchte hören, welche Vorstellungen er mit den französischen Wirtschaftsberatern Francois Hollandes über die sogenannte „Ergänzung“ des Fiskalpakts erwartet und wie er sich Wachstumsimpulse vorstellt, die Europa vor einer Rezession bewahren. Denn, nicht wahr, den Sozialdemokraten ist es bislang nicht geglückt, ein Alternativangebot zur Merkel'schen Krisen-Strategie sichtbar zu machen, obwohl sich in diesen zweieinhalb Jahren seit Beginn der Griechenland-Debatte noch jedes Rettungsschirm-Manöver als ineffektiv erwiesen hat.
Steinbrück – um bei seinem Beispiel zu bleiben – hätte ja auch bei der ARD und Günter Jauch zurückfragen können, wieso bittesehr der öffentlich-rechtliche Sender überhaupt eine ganze Talkshow der Promotion eines einzigen Autors widmet? Die nackte Wahrheit heißt natürlich: Alle wollen vom Kuchen profitieren, von der vermeintlichen Popularität und damit der Auflage eines Buches, der Sender schielt auf die Einschaltquote, so wie zahlreiche große Blätter der Republik sich geradezu um Interviews mit Sarrazin reißen.
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